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Konferenz "Das demokratische Unternehmen": Vom Wunsch, an der Strategieentwicklung des Unternehmens teilzuhaben

„Es geht um den Wunsch von Mitarbeitern, an der Strategieentwicklung ihres Unternehmens teilzuhaben. Mitzureden in der Frage, wer führt. Als souveräner Unternehmensbürger über die eigene Arbeitsorganisation zu entscheiden. Am materiellen Ergebnis des Unternehmens beteiligt zu werden – nicht nur über jährliche Ergebnisbeteiligung, sondern durch Beteiligung am Produktivkapital“. In wenigen Sätzen drückt Thomas Sattelberger, ehemaliger Telekom-Personalvorstand, seinen Wunsch für die Zukunft der Unternehmen aus.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Isabell Welpe, PD Dr. Andreas Boes und der TU München lud Thomas Sattelberger über 600 interessierte Gäste zur ersten Konferenz „Das demokratische Unternehmen” nach München. Vor Ort diskutierten hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zahlreiche aktuelle und zentrale Unternehmensthemen wie z. B. das Unternehmensdesign der Zukunft, Nachhaltigkeit in der Unternehmensführung oder Innovationsdynamik von Organisationen, den aktuellen Stand der internationalen Forschung, Perspektiven der Politik und Lösungsansätze und Erfahrungen der einzelnen Unternehmen.

XING spielraum stellt die spannenden Reden als Video zur Verfügung und lädt ein zur Diskussion über die Vorträge und Themen der Konferenz in unserer XING Gruppe „Arbeit. Zeit. Leben.“.

Die Reden in der Übersicht:

Begrüßung der Veranstalter:

Prof. Dr. Isabell M. Welpe, Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation, TUM School of Management, Technische Universität München
PD Dr. Andreas Boes, Vorstand Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. – ISF München
Thomas Sattelberger, Vorsitzender HR Alliance e.V. und ehem. Personalvorstand Deutsche Telekom AG
Prof. Dr. Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München

Internationale Perspektiven der Wissenschaft – Live-Schaltung in die USA: Welche Rolle spielt demokratische und digitale Führung im Unternehmen der Zukunft?

Prof. Dr. Thomas Malone
, Massachusetts Institute of Technology (MIT)
Prof. Dr. em. Shoshana Zuboff, Charles Edward Wilson Professor of Business Administration, Harvard Business School, Berkman Center for Internet and Society, Harvard Law School

Keynote: Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt

Andrea Nahles,
Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Die Demokratie darf nicht am Werkstor enden. Mitstimmung und demokratische Teilhabe in der Arbeitswelt gehören zum Kern der sozialen Marktwirtschaft. Das kooperative Zusammenwirken von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ist mit die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes.
Demokratie fängt dort an, wo die Beschäftigten als „Bürger im Betrieb“ ernstgenommen werden: Gute Führung, Gesundheitsmanagement, Wertschätzung, Weiterbildung und Teilhabe an Entscheidungen in den Arbeitsabläufen sind alles Elemente von Guter Arbeit. Diese müssen Unternehmen zunehmend bieten, auch um im Wettstreit um Fachkräfte mithalten zu können.
Dazu gehört auch die Zeitsouveränität von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Insbesondere die durch Digitalisierung veränderte Arbeitswelt bietet hier enorme Chancen und Möglichkeiten, ein Mehr an Freiheit und Vereinbarkeit von Leben und Beruf zu erreichen. Allerdings lohnt der genaue Blick: Denn allzu oft ist Autonomie in einer Welt der sich verschränkenden Sphären mehr Illusion als Realität.
Wirkliche Zeitsouveränität ist nachhaltig und verlässlich nicht durch Einzelabsprachen im Betrieb zu erreichen. Institutionalisierte Mitbestimmung mit Personal- und Betriebsräten verliert auch in der Arbeitswelt 4.0 nicht an Bedeutung.
Sie ist unverzichtbares Element Guter Arbeit und weiterhin bestmöglicher Garant für die Kooperation von Unternehmen und Beschäftigten zum gemeinsamen Nutzen. In mitbestimmten Unternehmen ist die Produktivität höher, Innovationen häufiger, geschlechtsspezifische Lohnunterschiede geringer und der Krankenstand niedriger.
Heute gilt – wie 1972 bei der Einführung des Betriebsverfassungsgesetzes: Mitbestimmung ist gelebte Demokratie. Rund 80% durchschnittliche Wahlbeteiligung bei Betriebsratswahlen sind dafür überzeugender Beleg.
Um in der Arbeitswelt der Zukunft, in Zeiten von Digitalisierung und Industrie 4.0 das emanzipatorische und humanisierende Potential voll auszuschöpfen, lohnt es sich frühzeitig Entwicklungen im Auge zu behalten und notwendige Fragen zu stellen: Welche Möglichkeiten bieten moderne Informations- und Kommunikationsmittel zur Erleichterung der Kooperation zwischen Betriebsräten, Beschäftigten und Unternehmensleitungen und zur Erweiterung von Mitentscheidungsmöglichkeiten insbesondere da, wo mobiles Arbeiten zunimmt? Wie wollen wir Mitbestimmung für alle gewährleisten, wenn sich der klassische „Betrieb“ durch Vereinzelungsphänomene wie etwa „Crowdworking“ verändert? Wie gehen wir mit neuen Vertragsformen um, z.B. Dienstleistungsplattformen im Internet, die von den Kerntypen des Arbeitsrechtes abweichen und nicht unter die Mitbestimmung fallen? Von fertigen Antworten auf solche Fragen sind wir noch ein gutes Stück entfernt.

Positionierungsrunde: Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt?

Prof. Dr. Isabell M. Welpe, Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation, TUM School of Management, Technische Universität München

Isabell Welpes Forschung zeigt, dass Organisation und Führung von Unternehmen sich unter dem Einfluss von Digitalisierung verändern. Offenheit, Flexicurity, Dezentralisierung und Demokratisierung sind nur einige Merkmale einer neuen Führungs- und Arbeitskultur, die sowohl die Attraktivität von Arbeitgebern als auch die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen erhöhen können. Um das wirtschaftliche Potential technologischen Wandels ausschöpfen zu können, kommt es darauf an, dass Unternehmen auch in kulturelle und organisatorische Innovationen investieren. Digitalisierung ermöglicht demokratische Organisations- und Führungsprozesse, die überall dort wertschöpfend sind, wo originelle, wenig planbare und wissensintensive Wertschöpfung stattfindet. Kernkompetenzen zukünftiger Führung sind dabei Kreativität, System- und globales Denken, sowie die Fähigkeit Wissensarbeiter zu überzeugen und zu inspirieren. Laut Welpe deuten erste empirische Ergebnisse darauf hin, dass innovative Führungs- und Organisationskonzepte die Attraktivität von Organisationen sowohl aus Sicht von Bewerbern aber auch aus Sicht von Führungskräften und Investoren erhöhen.


PD Dr. Andreas Boes
, Vorstand Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. – ISF München

Unsere Forschung zeigt deutlich: In Wirtschaft und Gesellschaft zeichnet sich eine grundlegende Veränderung ab: Das Thema ‚Demokratisches Unternehmen’ liegt geradezu in der Luft. Denn der Wunsch nach mehr Beteiligung und Einflussnahme wird insgesamt wichtiger. Zugleich erleben wir eine regelrechte Explosion an neuen Möglichkeiten der Beteiligung durch die Digitalisierung. Der Aufstieg des Internets zu einem ubiquitären Informationsraum markiert einen regelrechten Produktivkraftsprung. Hier entsteht ein neuer „sozialer Handlungsraum“, der Menschen in neuer Qualität miteinander vernetzt und in Beziehung bringt. Im Informationsraum entstehen neue Arbeitsformen und Unternehmenskonzepte, die nicht dem Muster klassischer Hierarchien folgen. Open-Innovation- und Cloudworking-Strategien zeigen, dass Unternehmen sich der Kultur der Communities stärker öffnen möchten. Bereits heute setzt ein innovatives Feld von Jung-Unternehmen neue Maßstäbe für eine Demokratisierung der Unternehmenswelt. Damit entstehen neue Potentiale und Chancen für ein Mehr an Demokratie im Arbeitsleben. Doch in der Praxis der Unternehmen erleben wir auch viele gegenläufige Entwicklungen. Im Ergebnis entwickelt sich eine dynamische Gemengelage gegenläufiger Entwicklungstendenzen. Mit Blick auf die Demokratisierung der Arbeitswelt bewegen wir uns auf eine Scheidelinie zu. Gelingt es, die Potentiale des Informationsraums für eine echte Demokratisierung der Unternehmen zu nutzen oder entsteht ein Panoptikum von mehr Kontrolle und Bevormundung? Die spannende Frage ist also: Wird es am Ende einen Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt geben – eine Humanisierung, die den Menschen ein Mehr an demokratischer Teilhabe im Arbeitsleben bringt?


Thomas Sattelberger
, Vorsitzender HR Alliance e.V. und ehem. Personalvorstand Deutsche Telekom AG

Thomas Sattelberger kritisiert, dass Innovationen in Deutschland von Effizienz und Rationalisierung des Bestehenden getrieben würden, während das Verständnis von Kultur- und Führungsarbeit vom Heldenmythos der Vergangenheit lebe. Deutschland hinke bei grundlegender Sozial- und Technologieinnovation hinterher. Jenseits inkrementeller Innovation könne grundlegende Innovationsfähigkeit gerade in Deutschland nur mit einer neuen, demokratisierten Arbeitskultur stimuliert werden. Nur so ließe es sich auch verhindern, dass talentierte Mitarbeiter traditionelle Technik-Unternehmen meiden. Sattelberger ruft deshalb dazu auf, für die 4 Weiterentwicklung unserer Arbeitswelt neben einer technologischen auch eine sozialinnovative Kompetenz zu entwickeln. Diese müsse nicht nur Souveränität zu Arbeitszeit und Arbeitsort sowie Mitsprache bei der Wahl von Führungskräften und Teamkollegen einräumen, sondern Mitarbeiter aktiv an der Entwicklung des Unternehmens teilhaben lassen. Laut Sattelberger sei das Aufkommen demokratischer Unternehmen eine neue Option der Unternehmensentwicklung und führe zu einem Systemwettbewerb, dem sich die starre deutsche Wirtschaft stellen müsse.

Demokratisierung der Arbeitswelt. Historischer Rückblick und aktuelle Herausforderungen

Prof. Dr. Klaus Dörre, Institut für Soziologie Friedrich-Schiller-Universität Jena

In einer globalisierten Welt, in der die Orientierung am Shareholder Value postdemokratische Tendenz fördert, mag die Frage nach demokratischen Unternehmen vielen als rhetorische erscheinen. Der Referent Klaus Dörre sieht das anders. Ohne den Druck auf etablierte Partizipations- und Mitbestimmungsformen zu übersehen, lautet sein Argument, dass die Entwicklung moderner Produktivkräfte aus sich heraus zur Demokratisierung von Unternehmensentscheidungen drängt. Zur Begründung schlägt Dörre einen Bogen von frühen Bestrebungen zur Demokratisierung der Wirtschaft bis hin zu zeitgenössischen Managementkonzepten, die sich Mitarbeiter-Partizipation auf die Fahnen geschrieben haben. Dörres zentrales Argument lautet: Unternehmen werden die Herausforderungen der Zukunft am besten überstehen, wenn sie sich für – interne wie externe – Demokratisierungsprozesse öffnen.

Debatte:

Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender Sparda-Bank München,
Ines Pohl, Chefredakteurin taz,
Dieter Schweer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI
Christiane Benner, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied IG Metall

Unternehmenspanel: So funktioniert Demokratie in Unternehmen

Mads Kamp, VP Human Resources William Demant Holding Dänemark
Dr. Klaus von Rottkay, Mitglied der Geschäftsführung Microsoft Deutschland
Armin Steuernagel, Geschäftsführender Gesellschafter der Universnatur GmbH und der Damia GmbH
Marc Stoffel, CEO Haufe-umantis

Mehr von Isabell Welpe und Thomas Sattelberger enthält das Dossier des Bayrischen Rundfunks, „Arbeit 4.0„.

4 Kommentare

Günter Strümpler

08.03.2015

Gibt es von den beiden Bereichen:
„Debatte“ und
„Unternehmenspanel“
auf dem Kongress: Das demokratische Unternehmen
eine schriftliche Textfassung?
Wenn ja, wie kann man diese bekommen?

Hans-Joachim Rink

09.03.2015

Eine Textfassung von Debatte und Unternehmenspanel würde mich auch interessieren.
Bitte wenn möglich dann an meine hier hinterlegte EmailAdresse. Vielen Dank
Hans-Joachim Rink
Helvetia Versicherungen, Frankfurt

Felix Dehn

10.03.2015

Lieber Herr Strümpler, lieber Herr Rink,

vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Konferenzrückblick.
Leider gibt es zur Debatte und zu dem Unternehmenspanel keine Textfassung.
Für weitere Unterlagen und Eindrücke der Konferenz verweise ich Sie gerne auf folgende Website: http://democraticorganization.com/impressionen-konferenz-2015/

Mit besten Grüßen vom XING spielraum Team,
Felix Dehn

Marion Dix

11.03.2015

Eine tolle Veranstaltung! Herlichen Dank an die Veranstalter/in!. Es war eine sehr anschauliche, vielfältige Annäherung undVertiefung des Themas aus Sicht von Wissentschaft und Praxis. Abwechslungreich, kurze und prägnante Beiträge, dabei aber nie oberflächlich.
Und das Größte: Es war eine „durchgegenderte“ Agenda, gleichgewichtiger Anteil weiblicher und männlicher ExpertInnen. Glückwunsch!!
Marion Dix
Polizeidirektion Hannover

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