Neustart

Faulenzen im Job: Wenn die Arbeit ausgeht

Mit seinem Buch „Empty Labor“ rüttelt der Schwede Roland Paulsen an einem Tabuthema der modernen Arbeitswelt: Immer mehr – vor allem auch gut bezahlte – Angestellte schummeln sich mit immer weniger Anstrengungen durch den Tag.

Von Thorben Hansen

Arbeiten Sie noch, oder faulenzen Sie schon? Bitte nehmen Sie die Frage nicht persönlich, aber nach Lektüre dieses Buches sieht man den Arbeitseinsatz mancher Mitmenschen eben mit anderen Augen. „Empty Labor“ heißt das – derzeit nur in Englisch verfügbare – Werk, mit dem der schwedische Soziologe Roland Paulsen seit einigen Wochen für Aufregung in der westlichen Arbeitswelt sorgt.

„Empty Labor“ (frei übersetzt „Verschwundene Arbeit“) handelt laut seinem Untertitel von „Müßiggang und Widerstand am Arbeitsplatz“ – und beschreibt, kurz gesagt, dass die moderne Jobwelt für immer mehr Menschen immer weniger Arbeit bereithält. Mit teilweise verheerenden Folgen.

Buchautor Roland Paulsen

Buchautor Roland Paulsen

„Es gibt Tausende von Artikel und Bücher über den gestressten Bruchteil der Menschheit, aber warum ist bisher so wenig über das entgegengesetzte Extrem geschrieben worden?“, fragt Paulsen in einem Gastbeitrag für das US-Magazin „The Atlantic“. Wahrscheinlich, so Paulsen weiter, läge es daran, dass der Boom an „Nicht-Arbeit“ von den meisten Wissenschaftlern nicht als ernsthaftes Problem anerkannt wird. Vor allem nicht, weil das Hauptaugenmerk der Gesellschaft derzeit hauptsächlich bei den Schwierigkeiten liegt, die durch ZUVIEL Arbeit entstehen: Burn-Outs, Stresserkrankungen und so weiter.

Dabei gibt es schon jetzt viele Untersuchungen, die das Ausmaß von Nichtstun im Job erforschen. Aktuelle Studien aus Westeuropa etwa belegen,  dass ein durchschnittlicher Angestellten rund 1,5 Stunden pro Arbeitstag mit privaten Aktivitäten verbringt – manche Untersuchungen sprechen sogar von bis zu drei Stunden. So werden etwa 60 Prozent aller Online-Käufe in den USA während der Hauptarbeitszeit des Tages zwischen 9 und 17 Uhr getätigt, ebenso entfällt 70 Prozent des Datenverkehrs von Porno-Webseiten auf diesen Zeitraum.

Für sein Buch hat Paulsen, der an der Universität von Lund doziert, über 40 „engagierte Müßiggänger“ getroffen und interviewt, oft Menschen, „die etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Privatangelegenheiten verbrachten“, so Paulsen. Besonders auffällig: „Die meisten von ihnen waren Büroangestellte mit Hochschulabschlüssen und einem gewissen Grad von Autonomie bei der Arbeit. Zu ziemlich privilegierten Gruppen der Arbeitswelt.“

Warum aber tun – nach Paulsen – immer mehr Leute immer weniger für ihr Geld? Dafür gebe es, so der Wissenschafter ganz unterschiedliche Gründe. Ein wichtiger davon sei die Tatsache, dass vor allem im Bereich der „Wissensarbeiter“ die Folgen der Digitalisierung zwar bereits greifen würden, die Personalstrukturen in den Unternehmen allerdings hätten sich noch nicht dahingehend angepasst. Die Produktivität in vielen dieser Branchen ist seit den 70er Jahren häufig um mehr als das Doppelte gestiegen, die Arbeitszeit wurde aber nur um rund 10 bis 20 Prozent verkürzt. Oft käme es deshalb zum Phänomen des „Bore-out“, einen Zustand tiefer Apathie, wie Paulsen in einem Interview mit dem „Manager Magazin“ beschreibt: „Am Anfang eines Jobs kann es nett sein zu merken, dass du nicht viel zu tun brauchst. Doch allmählich, wenn du keine kreative Beschäftigung während der leeren Arbeitsstunden hast, fängt dich die Langeweile ein. Und dann kann es schwierig werden, neue Aufgaben zu verlangen.“

Anders etwa als in der klassischen Industrie, wo Automatisierungsprozesse und Robotereinsatz schon zum massiven Arbeitsplatzabbau geführt haben – und damit zur im wahrsten Sinn des Wortes „Vollbeschäftigung“ jedes einzelnen, noch verbliebenden Arbeiters.

empty_labor_CoverIn den traditionellen Angestelltenberufen sei dagegen oft noch zu wenig Arbeit auf zu viele Köpfe verteilt, das gebe all jenen, die nicht unbedingt für das Wohl ihrer Firma brennen, genügend Gelegenheiten, zu entwischen. „Manche tun es, weil sie der Job oder das Unternehmen generell annervt„, so Paulsen, „manche geben als Grund einen politischen, passiven Widerstand gegen die vermeintlich oder die echte Ausbeutung durch den Arbeitgeber an“. Und einige Kollegen schieben deshalb eine ruhige Kugel, „weil sie in der Arbeitszeit lieber etwas Privates erledigen möchten“: So traf Paulsen Menschen, die während des Jobs ganze Magisterarbeiten schrieben oder Opern komponierten.

Und er interviewte auch Menschen, für die, selbst wenn sie wollten, einfach keine Arbeit mehr da ist. Etwa einen schwedischen Bankkaufmann, der, wie er glaubhaft versicherte, pro Tag nur Aufgaben von rund einer Viertelstunde insgesamt zu bewältigen hatte. Auch ein Gespräch mit seinem Chef brachte für den Mann kaum eine Änderung, das Team war schlicht zu groß geworden für die vorhandene Arbeit. Warum der Abteilungsleiter des Mannes nicht durch Entlassungen oder Versetzungen Abhilfe schaffte, kann sich Paulsen auch nicht erklären. Möglicherweise sei dem Manager dies wiederum zu anstrengend gewesen – und die Kontrollmechanismen der Bank hätten nicht so tief gegriffen.

Apropos mangelhafte Kontrolle: Auch wenn heutzutage die Leistungen der meisten Arbeitnehmer, auch in den Wissensarbeiterjobs, einem scheinbar durch und durch gläsernen Einblick ausgesetzt sind, gibt es laut Paulsen immer noch „unzählige Möglichkeiten, dem Chef Engagement und Eifer“ vorzutäuschen. Auch, wenn es nicht in jedem Fall so krass ausgehen muss, wie bei einem Skandal, der sich vor einigen Jahren in Schweden zugetragen hatte.

Hier hatten 20 Angestellte einer Minengesellschaft gemeinsam eine so große „Arbeitsvortäuschung“ organisiert, dass nur jeweils zwei bis drei von Ihnen gleichzeitig arbeiten mussten. Der Rest kam erst gar nicht zur Arbeit. Der großangelegte Betrug flog erst nach zwei Jahren auf, durch einen zufälligen Vergleich der Arbeitszeiterfassungssysteme. Vorher war die regelmäßige Abwesenheit von über einem Dutzend Mitarbeitern niemandem aufgefallen.


Buchinfo:

Empty Labor erscheint als Taschenbuch, eBook und als gebundene Ausgabe im Verlag Cambridge University Press und kostet in diesen verschiedenen Ausgaben zwischen 25 und 90 Euro.

 

23 Kommentare

Franz J. Schweifer

21.01.2015

„Wenn du eine Wahrheit gefunden hast, denke dir ihr Gegenteil – erst dann hast du die ganze Wahrheit.“ Laotses (dialektischer) Grundsatz gilt wohl durchwegs für Bücher, Studien, Erkenntnisse etc. – sie vermögen immer nur einen Ausschnitt von Wirklichkeit oder Wahrheit wiederzugeben und lassen keinerlei Verallgemeinerung zu. Im Gegensatz dazu forderte etwa jüngst der vielbeschäftigte Schauspieler Klaus Maria Brandauer in einem Interview mit einer deutschen Zeitung Respekt für das Menschenrecht auf Langeweile ein. Er differenzierte dabei allerdings zwischen Fadesse und Langeweile: „Also das, was man früher ´Muße´ nannte und in hoher Achtung hielt, bevor die Menschheit auf die Idee kam, hühnerartiges Im Kreise rennen als Ausweis für Produktivität anzusehen und Kurzatmigkeit als Hinweis auf das Vorhandensein von Leistungsbereitschaft.“ (Guido Tartarotti in einem Kurier-Kommentar v. 19.1.15).

Doris Fischer

21.01.2015

….ist es nicht schon sehr lang bekannt, aber dennoch stetig totgeschwiegen worden….? Ist die Angst, hier neben den bereits vorhandenen Problemen sich noch mehr zu schaffen? Wird es nicht schon an den Unis gelehrt? Nicht mehr eigenständig denken, nicht mehr kreativ sein, schon gar nicht kritisch hinterfragen? Nur angepasst unauffällig funktionieren, lautet die Devise. Ein schleichender Untergang der westlichen Zivilisation…, denn die Macher sitzen am anderen Ende der Welt…

Krempl Elfriede

21.01.2015

Das Thema ist bekannt, aber die Angst noch mehr Arbeitslose zugeben zu müssen, lässt es nicht zu, das Problem ernsthaft zu behandeln. Dazu zählt aber auch die Problematik der Industrialisierung 4.0, auch diese wird totgeschwiegen.

Maria Muster

21.01.2015

Sehr schön, dass es endlich eine wissenschaftliche Abhandlung zu meinem ewigen Problem gibt. Ich dachte schon, ich wär allein. Dieses Phänomen zieht sich bei mir durch die letzten 10 Berufsjahre und drei Arbeitgeber. Ich würde mir wünschen, mehr zu tun zu haben, aber es ist nichts da.

Ulf

22.01.2015

Die Hochschule, an der ich studierte, lehrte solche Dinge nicht. Das Umfeld, in dem ich aufwuchs auch nicht.

Und welches andere Ende der Welt meinen Sie? Ein Ende ist bei einer Fast-Kugel ja immer so ein Ding …

Peter Kopietz

23.01.2015

Hallo Herr Schweifer, vielen Dank für Ihren sehr schönen Kommentar. Leider wird das Thema Muße im täglichen Hamsterrad und in der Gesellschaft nicht mehr geschätzt. Es ist meine Erfahrung und Beobachtung nach auch nur eine begrenzte Zahl an Menschen die überhaupt von der Muße geküsst wurden. Hoffe auch Sie finden die Zeit für die Muße. Schönen Tag noch

Ohne

24.01.2015

So einen Kollegen hatte ich auch mal – obwohl der Chef es wusste, ließ er es zu … Die Arbeit wurde einfach auf die anderen ( bereits total überlasteten) Kollegen verteilt ! Feigheit und Bequemlichkeit des Chefs ist halt auch manchmal eine Begründung, daß Faulheit siegt !

LG

25.01.2015

Und wir Arbeiter müssen bei uns in der Firma jährlich erneut um unseren Arbeitsplatz bangen, wohlwissend, dass die Firma immer unprofitabler wird, da Führungskräfte und Angestellte im schlimmsten Falle nur versetzt werden.

Von einer Doktorarbeit in einer Ein-Mann-Abteilung hat man da auch schon etwas munkeln gehört.

Auch Ohne

14.03.2015

Wenn der Vorgesetzte die 4-Stunden Woche anstrebt, muss die Arbeit trotzdem gemacht werden. Der wachsende Frust imTeam ist kaum messbar, die Ausfallquote durch Krankheit macht es für alle nicht leichter, nur einem ist es egal.

Ohne

04.08.2015

Ich fühle mich nun gefunden und endlich zugehörig. In meinem Umfeld kenne ich beides. Die die mit Hochschulabschluss arbeiten bis zum Umfallen oder die die Ihre Abschlussarbeit so nebenbei an der Arbeitsstelle schreiben.
Ich habe die Langeweile satt und habe es meinen Chef oft wissen lassen. Leider ist er ein Selbermacher und tut sich schwer mit dem abgeben von Arbeit. Ich ziehe jetzt weiter, da ich jung bin und noch lernen will, Erfahrungen sammeln und mich nützlich fühlen will. Langeweile ist sicher gesünder als Stress aber frustrierender.

Blitz

27.08.2015

Ich habe über acht Jahre in einem Automobilunternehmen im Frankfurter Raum, in unterschiedlichen Funktionsbereichen gearbeitet und war Gott sei Dank immer in der Lage mir aus den allgemeinen Zielvorgaben mir meine Arbeit so zu gestalten das diese mich befriedigte. Regelmäßig konnte ich die Zielvorgaben bereits im Mai, Juli und September noch einmal neu schreiben lassen. Doch es gab auch eine ganze Reihe anderer hochbezahlter „Schlipsträger“, die sich gütlich taten. Ein ganzer Bereich mit 31 AT Mitarbeitern hatte maximal für zwei bis drei Tage Arbeit im Monat. Die restliche Zeit war Geduld angesagt, Vereinsprogramme wurden geschrieben, Gedichte gemacht, regelmäßige Tratschrunden von zwei bis drei Stunden waren auch nicht selten. Morgens ging es mit Frühstück los, dann wurde der PC angeschmissen und Computerspiele gespielt. Der eine oder andere hatte regelmäßig sein Aktien Portfolio laufen um schnell einspringen zu können. In einer anderen Abteilung kam es sogar vor das AT Mitarbeiter sich von Kollegen ein- und ausschreiben ließen und haben statt des Jobs auf der Arbeit Ihr Sportflugzeug an Fremde wochen-/monatelang vermietet. Und natürlich sind diese dann auch mitgeflogen. Im Grunde haperte es daran das sehr viel Motivation fehlte, verloren gegangen im Langen Leben mit dem Blitz. Kurzfristig wechselnden Chefs, die dann die Arbeit Ihrer Vorgänger binnen kürzester Zeit über den Haufen warfen um ihre eigenen Ideen zu verwirklichen wurden regelmäßig durch Aussitzen zu Nichte gemacht. Doch besonders die Hochnäsigkeit der dort vorzufindenden Spezies, wir mit dem Blitz können uns das erlauben, sind schon zu lange dabei als das man uns an den Kragen kann, machte mir zu schaffen. Besonders wenn ich diesen versuchte zu erklären, das mit dem Bezug eines so hohen Einkommens auch die Verpflichtung zur Leistungserbringung im Interesse all derer die für deutlich weniger Geld das drei- bis vierfache deren Leistung erbringen mussten, einherging erntete zumeist nur Spott. Eine Abteilung in der Außendienstmitarbeit zwingend notwendig war, konnten sich die Mitarbeiter relativ leicht aus der Verantwortung stehlen, was sie auch immer wieder gern getan haben. So waren mehr als 50% dieser Mitarbeiter keinen Tag im Jahr im Außendienst zu finden, während die Jungen 35 h Verträge habend Überstunden verstreichen lassen mussten, bauten sich die „Alten“ diese durch Faulenzerei auf. Mindestens zwei am Tag war das Ziel, bedeutete dieses doch das man seinen Urlaub glatt noch verdreifachen konnte. Und die Vorgesetzten nahmen es locker flockig zur Kenntnis, weil O-Ton meines Vorgesetzten: „Meinst Du ich wolle mich wegen so etwas als Hardliner im Betriebsrat beschimpfen lassen und auf weitere Beförderungen verzichten“? Nur befördert wurden diese dann doch nicht und in besagten Abteilungen entstand brutalster Klassenkampf „neu vs. alt“, bis dann die Neuen auch begriffen hatten dass sie auch ohne Leistung regelmäßig aufwärtskletterten. Das die Leistung des Unternehmens sehr darunter litt, störte am Ende keinen mehr. So wie ich den Laden einschätze trifft diese Aussage auf gut 30% der Mitarbeiter in Verwaltung, Einkauf und Technische Entwicklung zu. Kein Wunder also wenn solch ein Unternehmen sich die Frage stellen muss warum man kein positives Ergebnis einfahren kann.

U K

03.09.2015

Es ist erstaunlich, wie viele Fälle von Bore out oder zumindest chronischer Unterforderung es gibt. In den letzten drei Jahren habe ich im Freundes- und Bekanntenkreis zwei Fälle gehabt. Bei der einen war es „nur“ Unterforderung, weil außer ab und zu am Telefon sein und danach das Telefonat kurz umzusetzen nicht wirklich viel zu erledigen war. Die andere Person hatte ein ähnliches Schicksal wie der oben erwähnte Bankkaufmann. Für eine Stunde gab es was zu tun und danach hat sie sich den ganzen restlichen Arbeitstag die Zeit mit anderen Dingen wie Streams gucken oder Spiele spielen vertrieben. Das Ansprechen beim Chef, dass sie gerne mehr zu tun hätte, sorgte dann manchmal für etwa ein, selten zwei Tage mehr Arbeit und dann war wieder die selbe Flaute angesagt.

StändigSelbst

14.09.2015

Warnung: Hört sich vielleicht selbstgerecht an, meine ich aber gar nicht so.

Macht man sich selbstständig, hat man das Problem mit dem „Bore-Out“ schlagartig nicht mehr. Das löst sich dann tatsächlich in Luft auf.

In diesem Sinne … :-)

Meredy

24.09.2015

Ich kenne diese Langeweile auch sehr gut. Man kommt zur Arbeit….2-3 Mails blinken auf und das wars. 1/4 des Monats habe ich mal etwas mehr zu tun aber den Rest der Zeit sitze ich ab. Und da die Kollegen auch gerne schauen was man macht, ist kein Serien schauen oder daddeln möglich. Im Prinzip sitze ich 9h am Tag blöd rum und tu beschäftigt. Meine Vorgesetzten habe ich häufiger angesprochen und man versicherte mir das mehr Arbeit rein kommt. Hilft aber auch nicht viel wenn man die Arbeit nicht an mich weitergibt oder neue Praktikanten einstellt und die erledigen dann meine Arbeit. Mittlerweile sitze ich innerlich weinend im Büro, bin häufig erkältet, depressiv und zeige typische Burn Out Symptome. Bore Out und Burn Out gleichen sich da sehr. Ich bin auf Jobsuche, kann mir aber einen Stundenlohn der 5-8 Euro unter dem liegt was ich jetzt erhalte, nicht leisten. Also quäle ich mich weiter zur Arbeit. Die Kollegen können auch alle Home Office machen wenn mal nichts los ist…das zählt aber nicht für mich.

Thorben Kaufmann

28.09.2015

Gerade habe ich den XING-Artikel „Ende eines Mythos: Passen Kind und Karriere doch nicht zusammen?“ gelesen, treffe auf diesen und stelle fest: Matching pattern! Warum muss ich denn dann so lange Arbeiten? Das wäre doch Freizeit für die Familie! Dieses Bild ist nicht nur partiell Anwendbar, kann ich aus Erfahrung sagen. Je größer ein Unternehmen, desto mehr fällt dieses Phänomen auf. Wenn die Großfirmen nicht so selbstverliebt agieren würden, diesen Fakt offen betrachten könnten (dazu gehört ja schon was), dann wäre es aus humanitärer Sicht bestimmt möglich den Mitarbeitern in den meisten Positionen eine 7/7 Stunden-Woche zu geben, ohne Produktivitätsverlust bei vollem Lohnausgleich. Das ist Blödsinn, mag so mancher sagen, dann kontere ich: sehen Sie sich mal wirklich kritisch um! Und hier ist es eher der Neid, weil der andere ja gefälligst genau so lange im Büro zu bleiben hat, wie ich als ach so fleißiger und stromlinienförmiger Mitarbeiter.
Machbar wäre es, das zeigen so manche Studien. Und Ihre Mitarbeiter würden bei Leistungsspitzen bestimmt Gewehr bei Fuß stehen, wenn sie sonst diesen Luxus hätten.

Erwerbsloser

17.06.2016

Ihr habt wirklich Luxusprobleme!
Ich hätte gerne einen Job! Wir können ja tauschen! Ihr gebt mir Euren Job und begnügt Euch mit ALG!

Mordred

22.06.2016

„Apropos mangelhafte Kontrolle: Auch wenn heutzutage die Leistungen der meisten Arbeitnehmer, auch in den Wissensarbeiterjobs, einem scheinbar durch und durch gläsernen Einblick ausgesetzt sind, gibt es laut Paulsen immer noch „unzählige Möglichkeiten, dem Chef Engagement und Eifer“ vorzutäuschen. “
Gläserner Einblick bei Wissensarbeit? Ein Widerspruch in sich. Jeder, der ein Wissen hat, dass sonst kaum ein anderer oder am besten gar keiner in der Firma hat, kann schlechtestens kontrolliert werden. Wie will sein Chef messen, wie lange er tatsächlich für irgendwas braucht, wenn er bestenfalls das Ergebnis der Arbeit versteht?

A

08.01.2017

Ich kenne das Problem leider auch. Das Hauptproblem ist, dass ich nicht um mehr Arbeit fragen kann, ohne meine Kollegen zu verägern. Außerdem habe ich die irrationale Angst, dass mir die Arbeit dann zu viel werden könnte.

Mein Glück ist, dass ich nicht acht Stunden absitzen muss. Sechs bis sieben Stunden genügen, wenn die Arbeit gemacht ist.

Mittlerweile hab ich mich einigermaßen damit arrangiert. Ich versuche sorgfältiger zu arbeiten, mache lange Mittagspausen, wo ich zT noch etwas lese. Kaffeepausen gibts noch extra.

Das Arrangement ist aber nicht so befriedigend, wie die wenigen Tage, wo ich schön durcharbeiten kann.

Warum wechsle ich nicht: Der Job macht mir an sich Spaß, Sicherheit und Bezahlung sind in Ordnung und es bleibt genug Zeit für die Familie.

Ideal ist es aber nicht.

B

07.02.2017

Ja, ich kenne das auch. Ich hatte nichts zu tun und habe während der Arbeit Zeitungen und ganze Bücher gelesen. Als ich beim Chef vorsprach mit der Bitte um mehr Arbeit, wurde mir mitgeteilt: Entweder du akzeptierst die Situation so wie sie ist oder aber wir kündigen dir. Danach habe ich noch viele weitere und interessante Bücher gelesen, im Internet gesurft und telefoniert.

C

02.03.2017

Sehr angenehmer Artikel. Ich stelle in der Arbeit selbst fest, wie vor allem Führungskräfte versuchen dem Bore-Out zu entgehen, indem Sie Sachverhalte komplizierter darstellen als Sie sind und für an sich einfache Aufgaben komplexe Prozesse und Entscheidungsschemata „erfinden“. Leider sind wir in unserer Gesellschaft immer noch nicht so weit, dass der Fokus auf der Qualität der Arbeit und nicht auf der Quantität liegt. So erlebe ich täglich, vor Allem aber Freitags, wo alle unteren Dienstgrade ab spätestens 14:00 Uhr nach Hause gehen, ein „Elefantenrennen“: keiner der Führungskräfte will als erster nach hause gehen. Die Länge des Arbeitstages ist hier gleichbedeutend mit dem Ausmaß an Erfolg.
Als einfacher Angestellter hat man weniger Chancen die Aufgaben kreativ zu verlängern. Hier bleibt dann nur das hinauszögern und ein zwischenzeitlicher Zeitvertreib im Netz, an der Kaffeemaschine oder beim „aus versehenen“ Anwählen des falschen Druckers (leider im anderen Gebäude -um Papier zu sparen wird natürlich nicht neu gedruckt, sondern der Ausdruck dort geholt). Wenn man auf seine innere Uhr hören dürfte und die Arbeit komprimiert in Zeiten hoher Leistungsfähigkeit erledigen dürfte, könnte man die Effizienz deutlich Steigern und das Thema Bore-/Burn-Out hätte sich bis auf wenige echte Krankheitsfälle großflächig erledigt. Ich empfehle allen Angestellten und vor Allem allen Inhabern/Geschäftsführern hierzu das Buch von Stephan Aarstol – The Five-Hour Workday: Live Differently, Unlock Productivity, and Find Happiness

Sozialist

02.03.2017

Lösung: Arbeit und Einkommen entkoppeln.

E

12.03.2017

Das Problem ist das Verknüpfen von Arbeitszeit mit Lohn. Ich arbeite in einem internationalen Unternehmen. Bis auf das kleine Grundgehalt ist der Lohn an das Ergebnis gekoppelt. Es interessiert niemand wie viel Zeit dafür aufgewendet wird.

Vivian

13.11.2018

Interessanter Artikel und ebenfalls interessante Kommentare unter diesem Artikel. Dennoch wird wieder einmal nur das Symptom analysiert und der Missstand angesprochen, nicht aber die Ursache und Lösungsansätze werden erst gar nicht erwähnt.
Dabei spielen so viele Komponenten in das Phänomen Bore-Out hinein. Kein Interesse (mehr) an dem Job, der ausgeübt wird, entweder weil – wie angesprochen – sich die Arbeitswelt verändert hat oder aber das eigene Bedürfnis hinter eine gesellschaftlich angepaßte Normvorstellung angestellt wird und die eigene Interessenlage mittlerweile doch eine andere ist als zu Beginn des Berufslebens. Still und langsam nachlassendes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen, weil Menschen nicht gefordert und gefördert werden, weil konstruktive Kommunikation in Unternehmen fehlt, weil der echte Sinn hinter der Arbeit fehlt. (Da sind meines Erachtens auch die Führungskräfte gefragt, richtig zu führen und offen zu sein für die Kreativität ihrer Mitarbeiter.)
Das hat zur Folge, dass Menschen sich nicht mal mehr trauen, gar Angst haben, sich Veränderungen zu stellen, über Lösungen mit Entscheidungsträgern zu sprechen und Massnahmen einzufordern, aber auch der fehlende Sinn in der Arbeit(-Zeit) zu Unzufriedenheit und letztlich Unglücklichsein bis hin zu Depressionen führt. Im Ergebnis also ähnlich wie bei Burnout geplagten Menschen.
Muss ich mir selbst in erster Linie nicht die Frage stellen: Was will ich wirklich in meinem Leben und warum? Wer bin ich und was macht mich aus, was weiß ich, was kann ich, was interessiert mich wirklich, womit ich anderen eine echte Hilfe bin, was macht SINN für mich und was bin ich mir wert (erstmal auf die eigene Lebensqualität)?
Ich habe selbst erlebt, nur 2 von 8 Stunden am Tag im Bereich Projektmanagement effektiv zu tun zu haben und die restliche Zeit abzusitzen. Trotz wiederholter Gesprächsgesuche meinerseits und Aussagen: „Das kannst Du doch Deinem Vorgesetzten nicht sagen, dass Du nichts zu tun hast!“ hat sich nichts geändert. Unterm Strich saß ich irgendwann auf einem Scherbenhaufen aus innerer Verunsicherung und fehlendem Vertrauen in mich selbst, weil ich trotz der Situation zu lange mein Augenmerk auf äußere Sicherheit (Gehalt = Schmerzensgeld) gelegt hatte. Das ist 4 Jahre her. Und da habe ich entschieden: Nur ich selbst kann mir helfen und nur ich selbst bin in der Verantwortung für mich.
Ich glaube fest, dass jeder Mensch als Individuum das RECHT auf ein sinnerfülltes und glückliches Leben hat, das mit den eigenen Werten überein ist. Und dazu gehört auch eine Arbeit, die Freude macht und einem Sinn gibt. Das zu bekommen, erfordert Mut, Neugier, Selbstvertrauen und Selbstverantwortung. Das sind die ersten Zutaten für den Kuchen, der gebacken werden will (auch wenn wir das in der Schule und in der Uni nicht gelernt haben), um Freude und Spaß an dem zu haben, womit man unter anderem auch seine Brötchen verdient.
Es ist heute wichtiger mehr denn je zu erkennen, welcher Weg der eigene ist, Entscheidungen selbst zu treffen und dann entsprechend danach zu handeln. Agieren statt zu reagieren. Mutig sein (und Mut machen) mit Herz statt im Selbstmitleid und im Zweifel unterzugehen.