Besser leben. Anders arbeiten.
Das New Work Themen-Portal.

Besser leben. Anders arbeiten.
Das New Work Themen-Portal.

Arbeitsplatz Deutschland

New Work Award-Sieger Auticon: „Wir machen Gewinn, keine Beschäftigungstherapie“

Die Berliner Firma Auticon beschäftigt ausschließlich Autisten als Consultants im IT-Bereich – und nutzt deren ganz spezielle Fähigkeiten bei hochkomplexen Softwareaufgaben. Eine großartige Erfahrung, für Kunden und Mitarbeiter gleichermaßen. Und für Auticon der umjubelte Platz 1 beim New Work Award 2015 in der Kategorie „KMUs und Start-Ups“.

Von Ralf Klassen

Es war ein ganz privates Schlüsselerlebnis, mit dem eine der ungewöhnlichsten Firmengründungen in Deutschland in den vergangenen Jahren begann. Als der Berliner IT-Manager Dirk Müller-Remus (im Aufmacherfoto oben rechts) mit seinem erwachsenen, autistischen Sohn eine Autisten-Selbsthilfegruppe besuchte, saß er 25 top ausgebildeten Menschen gegenüber – die allesamt arbeitslos waren. Müller-Remus, dem auch aus eigenem Vatererleben wichtig war, dass man Autisten nicht einfach als „Behinderte“ abstempeln sollte, beschloss, etwas für diese so häufig außerhalb des „normalen“ Lebens stehenden Menschen zu tun: Er wollte es ihnen ermöglichen, ihre überragenden Stärken zu nutzen. Und fing an, sie zu IT-Beratern auszubilden.

Auticon-IT-Consultants Steve Mittermaier und Felix Münchmeier: "Der riesige Druck, sich verstecken zu müssen, ist weg."

Auticon-IT-Consultants Steve Mittermaier und Felix Münchmeier: „Der riesige Druck, sich verstecken zu müssen, ist weg.“

Was für Unkundige auf dem ersten Blick sehr ungewöhnlich erscheinen mag, machte für Müller-Remus absolut Sinn. Denn für ihre Aufgabe bei seiner im November 2011 eigens gegründeten Firma Auticon, nämlich im Kundenauftrag teilweise höchst komplexe und genaueste Kontrollen und Programmierungen von Software durchzuführen, bringen Autisten herausragende Fähigkeiten mit: Mustererkennung, Präzision, Logik – und einem leidenschaftlichen Drang zur Fehlersuche. Und, wohlgemerkt: „Auticon ist kein sozialer Verein, sondern ein Unternehmen, das Gewinn machen will“, betont Dieter Hahn, Leiter der Münchner Auticon-Niederlassung, im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“. „Wir machen hier keine Beschäftigungstherapie.“

Auticon stellt – nach einem mehrtägigen Auswahlverfahren – fest ein, und das zu „branchenüblichen“ Konditionen, die von immer mehr Bewerbern geschätzt wird. Das Mitarbeiternetz wird ständig größer. So gibt es deutschlandweit, neben Berlin und München, bereits Standorte in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Stuttgart mit insgesamt rund 40 Consultants. Die Berater arbeiten – von Auticon-„Coaches“ unterstützt – projektbezogen bei den individuellen Kunden.

Diese Trainer, die vor allem in der Anfangszeit der Projekte mitwirken, leisten weniger fachliche, denn integrative Hilfe. „Viele unserer Consultants haben, bevor sie zu uns kamen, einen langen beruflichen Leidensweg hinter sich“, berichtet Auticon-Pressesprecher Tilman Höffken: „Weil viele in ihren vorherigen Anstellungen die Krankheit nicht öffentlich gemacht hatten, eckten sie mit ihren typischen Schwierigkeiten in der Kommunikation und den mitunter ungewöhnlichen Reaktionen auf Stress und Belastung oft heftig an.“ Darum steht gerade zu Beginn eines neuen Kundenauftrags das Kennenlernen, der Abbau von Vorurteilen und das gegenseitige Vertrauen im Mittelpunkt. „Auch für unsere Mitarbeiter fällt dann oft ein riesiger Druck weg“, so Höffken. Und dabei seien die Coaches sehr wichtig, später „gibt es eigentlich nur noch telefonischen Kontakt mit dem Consultants“.

Ist das Vertrauen auch auf Kundenseite erst einmal da, überzeugen die Auticon-Berater auf ganzer Linie. „Sie haben ein hervorragendes Auge für die kleinsten Fehler bewiesen und zudem effiziente Lösungswege aufgezeigt“, schwärmt etwa Ulrike Melzer, hochrangige IT-Managerin bei Infineon. Auch für sie persönlich sei die Erfahrung „eine ganz besondere Bereicherung“ gewesen, so Melzer.

So macht das Vorbild Auticon weiter Schule, auch unter den etablierten Playern der Branche.  So hat unter anderem auch der Softwareriese SAP damit begonnen, Autisten einzustellen. Bis 2020 sollen rund 650 autistische Menschen zu Programmierern, Softwaretestern und Spezialisten für Datenqualitätssicherung ausgebildet werden – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Indien, USA, Kanada und Irland.

 

Fotos, Videos und Informationen zu den weiteren Gewinnern des New Work Award 2015 bietet XING spielraum hier.


Hier ist nochmal das Siegervideo vom New Work Award 2015

 

 Das könnte Sie auch interessieren: 

"New Work Award"-Sieger Telekom: Total hip, voll social

„New Work Award“-Sieger Telekom: Total hip, voll social

6 Kommentare

Heiko Torner

02.02.2015

Als ob es schwer wäre, gerade in der Softwarebranche auf mehr oder weniger autistische Personen zu treffen. Jawohl, das sind die perfekten Entwickler, wie die Branche sie liebt! Und heraus kommt die Software, mit der ich mich jeden Tag herumprügeln muss: perfekt, was die logischen Zusammenhänge angeht, aber grottenschlecht, was die Benutzerschnittstelle angeht.
Dass Zauberwort heißt „Perspektivübernahme“, und das geht leider den meisten Software-Entwicklern vollkommen ab. In ihrem (halb-) autistischen Dasein können sie sich einfach nicht eindenken in die Situation eines Menschen, der vor dem PC sitzt und mit ihrer Software arbeiten muss. Daran krankt die Branche, und es ist geradezu ein Witz, dass dies auch noch als ein besonderes „feature“ eines Software-Entwicklers herausgestellt wird.
Ach ja, ich gehöre übrigens auch zu dieser Bande.

David Sommer

02.02.2015

Thema leider weit verfehlt, lieber Herr Torner. Niemand hat gesagt, dass ein Software-Entwickler auch Software designen sollte. Das gilt sowohl für autistische, als auch für neurotypische Kollegen. Dass sie auch zu „dieser Bande“ gehören merkt man leider sehr deutlich, da es auch Ihnen an Einfühlungsvermögen in andere Leute und deren Aufgaben mangelt. Was die Firma Auticon hier tut, nämlich Menschen zu helfen, ihre Stärken zu finden und zu nutzen ist absolut vorbildlich! Aber ich bin sicher, auch Sie haben Ihre Stärken…

Seb

02.02.2015

@Heiko: Mir ist in über zehn Jahren kein einziger Autist beruflich begegnet. Die Reden von den autistischen Programmierern waren als Stammtischgeläster abzutun, der typische extrovertierte Verkäufer kann oft nichts mit Menschen anfangen, die über Stunden in tiefer Konzentration arbeiten, was dann zu solch einem Gequatsche führt.

Und sie vergessen, ungeachtet dessen ob sich ein allgemeiner Schluss überhaupt ziehen lässt, dass nur ein Bruchteil allen Codes GUI-Code ist.

Klaus Reiter

02.02.2015

@Heiko Torner: Genau deshalb gibt es in der professionellen Software-Entwicklung Spezialisten für User-Interface Design.
Schließlich überlässt man im Autobau ja auch nicht dem Karosseriebauer das Design ;-)
Aber bei Software gibt es noch genug Leute (und Firmen!), die glauben, ein Programmierer muss alles gleich gut können… Anforderungsmanagement, UI Design, Software Design, Implementierung, Projektmanagement, Testen…
(Auch ich gehöre zu dieser Bande und habe tatsächlich mehrere der genannten Rollen ausgeführt)

Peter Jauernig

02.02.2015

Die Bedeutung von Firmen wie Auticon kann man gar nicht hoch genug schätzen. Leider gibt es noch viel zu wenig solcher Stellen mit Coaching, um Spezialtalente von Menschen mit Autismus nutzen zu können. Dabei geht es ja gar nicht nur um Informatik, auch in anderen Bereichen können Menschen mit Inselbegabungen erfolgreich ihren Beitrag leisten.
Das Problem mit der schlechten Software kenne ich auch, aber das den einzig den Entwicklern anzulasten ist unfair. Das ist vielmals Ergebnis eines schlechten Entwicklungsprozesses und Vorgehensmodells. Es beginnt bei mangelndem Design und Architektur und endet bei verbesserungswürdiger Zusammenarbeit. Auch hier kann Coaching helfen.
Und übrigens: Es gibt keinen Halbautismus und Autismus ist auch keine Krankheit; auch wenn man das überall lesen muss.

Wolfgang Koller

20.08.2015

Ich möchte ein Beispiel für allgemeinen Autismus beisteuern. Mehr oder halt etwas weniger sind die meisten Entwickler auch Autisten. Nehmen wir die Bankensoftware. Für die Banken vermutlich gut geeignet für deren höchstpersönlichen und abgegrenzten Bereich. Dabei sollte gerade in dieser Branche über den Tellerrand geschaut werden, denn hier fallen Aufgaben und insbesondere Daten an, die nicht nur den Banker sondern vorher und nachher noch eine Menge Andrer beschäftigen. Daraus ließe sich bis zur Buchhaltungsvorbereitung eine Menge Vorarbeit und Service entwickeln. Was tun die Banken? Diese meinen, dass sie mit dem – meist nicht wirklich guten – Onlinezugriff auf den Kontoauszug schon etwas geleistet hätten. Warum gibt es noch keine Bankingsoftware, die Rechnungen einliest, diese als PDF für ALLE nachfolgenden Prozesse zur Verfügung stellt und daraus Überweisungsvorschläge samt Sammelüberweisung (die in Einzeldatensätzen zurückgegeben werden !!!) erstellt und bei der Rückgabe Buchungsvorschläge generiert, mit Ampel für „sicher erkannt“, „unsicher“ und „nicht zuordenbar“. Bei der Rückgabe von Einzeldatensätzensätzen könnte man die Bankdaten dann auch an den leseberechtigten Steuerberater ausgeben lassen, der die Kontierung für das lernfähige Programm vorgibt. Und egal an welcher Stelle der Vorgänge man auf den Datensatz klickt, kann man dabei die PDF-Rechnung aufrufen.

Das wäre doch die kleine Ausweitung der Bankaufgaben. Statt dessen werden bei der Rückgabe von Bankdaten im Onlinebanking z.B. bei der Commerzbank in jedem Datensatz kurzsichtig nur die eigene Kontoverbindung angezeigt, nicht jedoch die „gegnerische“ und um so wichtigere Kontoverbindung. Das bedeutet zumindest (neben anderen Einschränkungen), dass man bei einer Übernahme der Daten nach Excel noch nicht einmal nach betroffenem Konto sortieren kann, was z.B. die Kontierung für die Buchhaltung ganz enorm erleichtern würde.

Ich denke, aus vorstehendem wird klar, dass es auch ein gewisser Autismus ist, wenn man nur seinen eng begrenzten eigenen Arbeitsbereich löst ohne an die weiter Betroffenen Arbeitsschritte zu denken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.