XING-Klartext: Digitaler Weckruf an die deutsche Industrie

Wir müssen bei der digitalen Revolution in den hiesigen Leitbranchen schneller werden, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und dürfen die Datenhoheit nicht anderen überlassen, meint Accenture-Chef Frank Riemensperger im XING-Klartext.

Von Frank Riemensperger

Deutschland ist nach wie vor in vielen Branchen führend bei dem Engineering von komplexen Maschinen, Produkten und Prozessen. Dazu gehören die Autos, Medizingeräte, Aufzüge, Roboter, die Haustechnik oder auch die intelligenten Stromnetze. Seit Jahren nimmt der Softwareanteil in diesen Produkten stetig zu und macht bei einigen schon über ein Drittel der Gesamtkosten aus. Der Siegeszug der Smartphones verbunden mit digital abrufbaren Serviceangeboten hat gezeigt, wie bahnbrechend die Digitalisierung für viele traditionelle Unternehmen sein kann: Die Musik-, Werbe-, Zeitungs- und die Handelsbranchen wurden in wenigen Jahren massiv auf den Kopf gestellt. Ohne digitale Strategie und Angebote gehen Wachstum und Marktanteile verloren.

Nun sind die nächsten Branchen an der Reihe: Sobald unsere intelligenten Produkte die Fabrik verlassen, verbinden sie sich mit dem Internet und sind dann für viele digital erreichbar. Wie gewaltig und vor allem wie schnell diese digitale Revolution für die Geschäftsmodelle der etablierten Hersteller hierzulande sein kann, wird derzeit noch oft unterschätzt. Letztendlich geht es etwa für einen Patienten nicht um das beste Röntgengerät, sondern um die beste Auswertung des Röntgenbildes. Eine Diagnose auf Basis von Millionen digital gesammelter Referenzbilder kann für den Radiologen eine entscheidende Unterstützung sein. Nun kann der Medizingerätehersteller einen solchen Service künftig als Zusatzleistung zu seinem Produkt anbieten. Oder aber ein dritter Anbieter erbringt diesen Service. Dieses Beispiel lässt sich auf nahezu jedes intelligente Produkt, welches im Betrieb an das Internet angeschlossen ist, übertragen. Egal ob dies das autonom fahrende Auto, die Heizung oder die Blechbiegemaschine ist.

Wir haben derzeit als deutsche Industrie eine einmalige Chance, unsere Leitbranchen in die digitale Zukunft zu führen. Die Zukunftsprojekte „Industrie 4.0“ und „Smart Service Welt“ der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) zeigen hier den Weg auf. Es geht künftig um „as a Service“ Angebote, in den Produkte, Services und Training industrieübergreifend neu gebündelt und maßgeschneidert angeboten werden – weltweit!  Dienstleistungen, die physische und digitale Komponenten miteinander kombinieren, so genannte Smart Services, werden über Markterfolg und Wachstum vieler deutscher Hersteller entscheiden. Smart Data, die intelligent verarbeiteten Betriebsdaten der Produkte, sind der Treibstoff für solche Angebote.

Allerdings müssen wir uns beeilen. Das weltweite Wettrennen um die Datenhoheit im Internet der Dinge ist voll entbrannt. Wir dürfen hier nicht den Markt anderen überlassen. Es braucht hiesige Leit-Unternehmer und Unternehmen die die digitalen Geschäftsmodelle um ihre Produkte aufbauen und weltweit exportieren. Aber auch die Politik ist gefordert, diesen Prozess zu flankieren: Wirtschaft und Wissenschaft können gemeinsame nationale Software-Cluster schaffen, um branchenübergreifend digitale Plattformen für unsere ans Internet angebunden Produkte zu entwickeln. Auch der Datenschutz braucht eine einheitliche europäische Regulierung, nationale Alleingänge sind hier wenig hilfreich – schließlich wollen unsere Hersteller ihre Produkte in allen Ländern einheitlich digital begleiten. Die Schaffung eines digitalen Binnenmarkts in Europa, eine verbesserte europäische Datenschutzverordnung und größere Forschungsanstrengungen in Sachen Softwarearchitekturen und Datenanalytik sind entscheidende Bausteine für die Führungsrolle beim industriellen Internet aus Deutschland.



Über den Autor:

Frank Riemensperger ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland und Präsidiumsmitglied des BITKOM.

www.accenture.com


Unsere Klartext-Themenwoche bietet Ihnen bis zum 12. Dezember jeden Tag einen Experten-Beitrag:

Montag, 8. Dezember 2014
„Future Internet – Das digitale Unternehmen der Zukunft“
Von Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG

Dienstag, 9. Dezember 2014
„XING-Klartext: Digitaler Weckruf an die deutsche Industrie“
Von Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland

Mittwoch, 10. Dezember 2014
“XING-Klartext: Auch für Google gelten die Gesetze!”
Von Jan Philipp Albrecht, Verhandlungsführer des Europäischen Parlamentes für die neue EU-Datenschutzverordnung

Donnerstag, 11. Dezember 2014
„XING-Klartext: Big Data – Eine neue Sicht der Dinge“
Von Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute

Freitag 12.12.2014 – Prof. Dr. Michael Waidner, Leiter Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie

2 Kommentare

Verena Czerny

09.12.2014

Um unsere Leitbranchen zukunftsfähig zu machen, sollte idealerweise die
Transformation aus den Unternehmen heraus wachsen. Nutzen Sie Ihre eigene Expertise, um Impulse aus dem Change Management umzusetzen.
http://www.clever-change.de/was-ist-change-management/

Gunter Heinrich

10.12.2014

Ich gebe ihnen vollkommen recht. Und als Produkt und Projektmanager, aber auch unermüdlicher Berater der Kreativwirtschaft, habe ich seit 20 Jahren mit dem Problem der Fortschrittsgeschwindigkeit zu kämpfen. Auch heute stehe ich mit sehr hoch bewerteten Ideen und branchenrevolutionierenden Konzepten auf weiter Flur. Warum haben diejenigen, die das Geld für den Fortschritt besitzen, Gier auf der Stirn stehen und einen Igel in der Tasche?