XING-Klartext: Big Data – Eine neue Sicht der Dinge

Indem wir die Daten „sprechen“ lassen, werden wir inspiriert ganz neue Fragen zu stellen, die wir mit den Daten auch beantworten können und werden auf  Zusammenhänge aufmerksam, die wir bisher gar nicht kannten. Trotzdem mahnt Professor Viktor Mayer-Schönberger im XING Klartext zum sorgsamen Umgang mit Big Data.

Von Prof. Viktor Mayer-Schönberger

Viel wird über Big Data gesprochen und kommentiert. Manche sprechen schon von einem „Hype“. Und viele von einer neuen Technologie. Aber genau das ist viel zu kurz gegriffen. Denn Big Data ist eben gerade nicht bloß eine neue Software, ein neues digitales Werkzeug, sondern etwas viel Grundlegenderes: Big Data verändert wie wir die Welt, die uns umgibt, wahrnehmen und verstehen, und eröffnet uns damit eine neue Sicht der Dinge.

Seit jeher haben wir Menschen versucht die Welt zu verstehen, vor allem auch indem wir sie beobachten. Anders formuliert: Wir sammelten Daten, und gewannen daraus Erkenntnis. Aber weil das Sammeln und Analysieren von Daten früher zeitaufwändig und teuer war, haben wir gerade so viel davon gesammelt wie absolut notwendig. Damit konnten wir aber eben nur Antworten auf jene Fragen finden, die wir zum Zeitpunkt des Sammelns der Daten schon kannten. Fiel uns später eine neue Frage ein, mussten wir zumeist erneut Daten sammeln. Das Ergebnis war, dass wir damit binär nur unsere vorgefasste Meinung von der Welt bestätigen oder widerlegen konnten.

Im Gegensatz dazu bietet Big Data die Möglichkeit, dass wir auf Zusammenhänge aufmerksam werden, die wir bisher gar nicht kannten. Indem wir die Daten „sprechen“ lassen, werden wir inspiriert ganz neue Fragen zu stellen, die wir mit den Daten auch beantworten können.

So konnte etwa Dr.McGregor an der Uni-Klinik in Toronto Frühgeborenen helfen, indem sie große Mengen an Vitaldaten der Frühchen sammelte und darin nach Mustern Ausschau hielt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine spätere Infektion vorhersagen. Das gelang – aber zur Überraschung mancher Mediziner durch ein ganz unerwartetes Muster. Das hätte sich niemand erwartet, und deshalb auch niemand gefragt. Mit „small data“ wäre uns diese Erkenntnis lange verborgen geblieben.

Nach dem gleichen Prinzip lässt sich aus Preisinformationen im Internet die Inflationsrate nahezu in Echtzeit vorhersagen und aus Anfragen an Suchmaschinen sowohl die Verbreitung der Grippe als auch bisher unbekannte Wechselwirkungen von Medikamenten ermitteln. Anstatt für jede Medikamentenkombination Daten zu sammeln, und damit lediglich mehr einen schon bestehenden „Verdacht“ zu bestätigen (oder zu wiederlegen), hilft uns Big Data auf die richtige (oder jedenfalls wahrscheinliche) Spur. So verstehen wir schneller und mehr, begreifen die Welt vor allem aber in ihrer Detaildichte und ihrer Komplexität.

Das heißt nicht, das jede Big Data Anwendung ethisch vertretbar oder „gut“ ist, nicht einmal, dass jede Big Data Erkenntnis zutreffend ist. Die aus Big Data gewonnenen Erkenntnisse beruhen auf Wahrscheinlichkeiten. Ihre Richtigkeit ist daher stets relativ (wie übrigens auch die Wirklichkeit). Diese beiden Grenzen – dass wir bestenfalls Wahrscheinlichkeiten haben, keine Sicherheit UND dass nicht alles was sich machen lässt wir auch machen sollen – müssen uns beim Einsatz von Big Data stets vor Augen sein.

Das aber darf uns den Blick nicht darauf verstellen, dass Big Data eben keine neue Technologie ist, und keine „Phase“ des Internets, sondern eine neue Sicht der Dinge, eine neue Perspektive der Menschen auf die Welt, die uns umgibt.


Über den Autor:

Viktor Mayer-Schönberger ist Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute der Oxford University. Davor war er zehn Jahre an der Harvard´s Kennedy School of Government tätig. Er berät unter anderem Unternehmen, Regierungen und internationale Organisationen. Mayer-Schönberger veröffentlichte acht Bücher (darunter das mehrfach ausgezeichnete „Delete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten“) und mehr als einhundert Artikel über den verantwortlichen Umgang mit Informationen in einer vernetzten Welt.

http://www.vmsweb.net/

Viktor Mayer-Schönberger auf Twitter: @Viktor_MS


Unsere Klartext-Themenwoche bietet Ihnen bis zum 12. Dezember jeden Tag einen Experten-Beitrag:

Montag, 8. Dezember 2014
“Future Internet – Das digitale Unternehmen der Zukunft”
Von Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG

Dienstag, 9. Dezember 2014
“XING-Klartext: Digitaler Weckruf an die deutsche Industrie”
Von Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland

Mittwoch, 10. Dezember 2014
“XING-Klartext: Auch für Google gelten die Gesetze!”
Von Jan Philipp Albrecht, Verhandlungsführer des Europäischen Parlamentes für die neue EU-Datenschutzverordnung

Donnerstag, 11. Dezember 2014
„XING-Klartext: Big Data – Eine neue Sicht der Dinge“
Von Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger, Professor für Internet Governance and Regulation am Oxford Internet Institute

Freitag 12.12.2014 – Prof. Dr. Michael Waidner, Leiter Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie

2 Kommentare

Jana Koske - aflexio

11.12.2014

Genau; Daten sammeln ist nicht die Kunst, sondern bei der Fülle von Daten nicht die Übersicht zu verlieren. Es gilt den Blick für das Wesentliche zu schärfen und daraus die richtigen und relevanten Schlüsse zu ziehen.

Hans-Werner Klein | Twenty54Labs

11.12.2014

Vielen vielen Dank für diese sehr kenntnisreiche, klare und unaufgeregte Darstellung zum Thema Big Data. Zu häufig sind mir Artikel begegnet, die Tickets für die „HMS Buzz Word“ im 100er Pack verkaufen wollen, aber weder Ziel, Fahrrinnen noch Untiefen kennen. Und glauben, Leuchttürme wären Navigatoren.

Wie Sie sehr gut darstellen: Buzz Word ist es nicht. Sondern ein intelligenter Umgang mit dem Nutzen und den Inhalten der Daten plus Querdenken macht den Erfolg.

Das bedeutet: Zum einen ein Verhüttungsprozess, um aus all‘ den Erzen die Schlacke vom Metall zu trennen.
Und dann aus dem Metall Werkzeuge zu schmieden, zu giessen, zu modellieren.
Diese Werkzeuge gehören unserer Meinung nach in die Hand der Fachexperten. Und nicht in „die IT Abteilung“, die daraus eine „Expertenmaschine“ baut (ohne Experten).

Sie ahnen es schon – unser Credo ist „Empower the Experts!“. Dem Wunsch nach Automatismen kann man sich dann hoffentlich getrost verweigern, wenn Fachexperten die besten Informationen verwenden können. Frische „Schrägwinde“ im Unternehmen sind garantiert. Und die treiben allemal besser die Schiffe als laue Lüftchen oder Rückenwind aus dem Automaten.