Unternehmensziel Gesundheit – Fit im Job

Sportstudio im Betrieb, Yoga am Arbeitsplatz und Beratung bei privaten Krisen – Arbeitgeber erkennen, dass gesunde Mitarbeiter ihre wertvollste Ressource sind. Dieser Artikel ist im Beileger “FOCUS Network – 44 Seiten Karriere Extra”  des FOCUS-Magazins (Nr. 51 vom 15. Dezember 2014) erschienen.In Kooperation mit XING bietet der Beileger zahlreiche weitere Karriere-Themen, Interviews, Network-Tipps, Termine und Events – aktuell am Kiosk (zum kostenlosen Download).

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Workout in der Mittagspause: Im  rmeneigenen Fitness- Studio der Adidas-Zentrale feuern sich die Mitarbeiter gegenseitig zum Durchhalten an (Foto: Dirk Brunleck für FOCUS-Magazin)

Die Kantine kann warten. Um zwölf Uhr mittags ist das betoncoole Fitness-Studio der Adidas-Firmenzentrale in Herzogenaurach voll mit Menschen, die sich offenbar mit Freude quälen. Man sieht sie keuchend Kugelhanteln in die Höhe schwingen, in den Liegestütz springen oder sich Klimmzüge bis zum buchstäblichen Gehtnichtmehr abverlangen. „Crossfit“ nennt sich das Workout, das seine Teilnehmer bis an die Schmerz- und Leistungsgrenze führt: viele Wiederholungen, knappe Pausen, immer volle Kraft voraus. In Fitnesskreisen wird das schnell getaktete Zirkeltraining als „härtestes Training der Welt“ bezeichnet. Die US-Marines nutzen es, um ihre Soldaten zu stählen. Bei Adidas absolvieren es die Mitarbeiter freiwillig, um in der Mittagspause den Kopf freizubekommen.

Seit April dieses Jahres leistet sich der Sportartikelhersteller ein neues, 4000 Quadratmeter großes Fitness-Studio für seine knapp 3800 Mitarbeiter im fränkischen Herzogenaurach. 300 Millionen ließ sich das Unternehmen den exzellent ausgestatteten Schwitzkasten kosten. Für 25 Euro im Monat können Mitarbeiter in einem Premium-Ambiente trainieren. Yoga, Pilates, Boxen, Cycling – alles da.

Die Adidas-Produktmanagerin Heidi Glenk trainiert vier- bis fünfmal die Woche während der Mittagspause im neuen Studio. „Danach gehe ich jedes Mal total frisch an meinen Schreibtisch zurück“, sagt die 35-Jährige. Rückenschmerzen, das Massen-Martyrium der Schreibtisch-Worker, kennt Glenk nur vom Hörensagen.

„Gesunde Mitarbeiter sind das Fundament für ein gesundes Unternehmen“, sagt Manfred Echtner, Director Health and Fitness bei Adidas. Und bringt damit eine Erkenntnisformel zum Ausdruck, die sich in den Personalabteilungen der Unternehmen zunehmend etabliert. Immer mehr Firmen begreifen, dass es sinnvoll ist, in die physische und psychische Gesundheit der Belegschaft zu investieren. Freilich nicht nur aus purer Nächstenliebe, sondern auch um die Human Resources möglichst nachhaltig ausschöpfen zu können.

Recht profan lesen sich die Argumente, mit denen das Bundesministerium für Gesundheit Firmen von den Vorteilen des betrieblichen Gesundheitsmanagements, kurz BGM, zu überzeugen versucht. Von der „Sicherung der Leistungsfähigkeit“ und „Steigerung der Produktivität der Mitarbeiter“ ist die Rede und von „Kostensenkung durch weniger Krankheits- und Produktionsausfälle“.

„Gesundheitsmanagement liegt im Trend“, urteilt Natalie Lotzmann, Themenbotschafterin Gesundheit bei der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) und Leiterin des Globalen Gesundheitsmanagements bei SAP. Allerdings sei damit deutlich mehr gemeint als ein regelmäßig angebotener Rückenschulkurs oder ein Lauftreff. „Solche Gesundheitsförderungsmaßnahmen bieten mittlerweile etwa ein Drittel aller mittelständischen und die meisten großen Unternehmen an.“ Echtes betriebliches Gesundheitsmanagement bedeute hingegen, dass ein Unternehmen „Gesundheit und Wohlbefinden seiner Mitarbeiter systematisch erfasst und gezielte Maßnahmen zur Verbesserung von Rahmenbedingungen veranlasst“, so Lotzmann.

Zum Vorteil aller, wie Lotzmann überzeugt ist. „Investitionen ins Gesundheitsmanagement, das Betriebsklima und Führungsverhalten einschließt, lohnen sich.“ Die Mitarbeiter fühlten sich wertgeschätzt, könnten ihr volles Potenzial abrufen und engagierten sich stärker. „Erfolgreiches Gesundheitsmanagement beeinflusst das Finanzergebnis positiv“, bringt es Lotzmann auf den Punkt. Darum sei es „ein unternehmerisches Gebot, im Bereich BGM aktiv zu sein.“

Der Marzipanhersteller Niederegger aus Lübeck tut dies schon seit geraumer Zeit. 2002 begann Personalleiter Klaus Puschaddel gemeinsam mit dem Betriebsrat mit dem Aufbau des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Viele Mitarbeiter litten damals an Atemwegserkrankungen und Problemen im Schulter- und Nackenbereich. Zwei Drittel der Belegschaft rauchten.

Ambitioniert war vor diesem Hintergrund das Ziel des Personalleiters, ein Rauchverbot auf dem Betriebsgelände zu verhängen. „Wir haben es geschafft zu vermitteln, dass Rauchen nicht zu einem Lebensmittelbetrieb passt“, sagt Puschaddel. Begleitend gab es Coachings zur Rauchentwöhnung. Seit Anfang 2008 qualmt auf dem ganzen Gelände niemand mehr.

In der Produktion führte Puschaddel regelmäßige Gymnastik ein. Einmal pro Schicht steht das Band still, und es wird geturnt. Eine geschulte Mitarbeiterin leitet die Kollegen durch ein rund 15-minütiges Übungsprogramm. „Wir machen jetzt den Regenbogen“, ruft sie, und die Mitarbeiter in ihren weißen Kitteln und Hauben bewegen folgsam ihre Arme im Halbkreis.

Hände hoch: Einmal pro Schicht stehen die Produktionsbänder beim Marzipanhersteller Niederegger still, und es wird geturnt (Foto: Patrick Lux für FOCUS-Magazin)

Hände hoch: Einmal pro Schicht stehen die Produktionsbänder beim Marzipanhersteller Niederegger still, und es wird geturnt (Foto: Patrick Lux für FOCUS-Magazin)

„Marzipanballett“ nennen die Niederegger-Angestellten ihr kurzes Workout. Im Vergleich zu dem Power-Programm der Adidas- Athleten mag es putzig wirken, aber auch Puschaddels Ansätze zeigen Wirkung. Die Zahl der Atemwegserkrankungen ist spürbar zurückgegangen. In einer internen Befragung gaben wesentlich mehr Mitarbeiter als noch vor zehn Jahren an, dass sie sich gut gerüstet für die verbleibenden Berufsjahre fühlen.

„Betriebliches Gesundheitsmanagement ist wie Marzipan“, sagt Puschaddel. „Man muss es immer wieder neu verpacken.“ Für die sitztätigen Mitarbeiter in der Verwaltung ließ er kleine Trainingssequenzen entwickeln, die auf dem PC aufgerufen und am Schreibtisch absolviert werden können. „Wir passen“, so der Personalchef, „unsere Maßnahmen den Bedürfnissen unserer Mitarbeiter an.“

Immer häufiger liegen diese auch im psychischen Bereich. Zwischen 2000 und 2013 hat sich die Zahl der durch psychische Erkrankungen ausgelösten Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland um 60 Prozent erhöht. Seelische Leiden verursachen die mit Abstand längsten Fehlzeiten, fast jede zweite Frühverrentung ist psychisch bedingt. Bei Unilever in Hamburg steuert man mit einem ganzen Paket an Maßnahmen dagegen. „Ein zentraler Punkt ist die Ent stigmatisierung“, sagt Olaf Tscharnezki, der als leitender Betriebsarzt beobachten konnte, wie Stress und seelische Probleme bei den Mitarbeitern zunehmend an Bedeutung gewannen. „Psychische Krankheiten sind ganz normal, jeder Zweite hat im Laufe seines Lebens damit zu tun. Das versuchen wir immer wieder zu kommunizieren.“

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Führungskräfte. Bei Unilever werden diese darin geschult, möglichst früh zu erkennen, wenn Mitarbeiter Probleme haben. „Unsere Botschaft lautet: hinsehen statt wegschauen, miteinander reden statt übereinander“, sagt Tscharnezki.

Unterstützt von einem europäischen Forschungsprojekt, möchte Tscharnezki psychisch erkrankte Kollegen künftig noch individueller betreuen. Mit einem gezielten Coaching am Arbeitsplatz soll ein Umfeld geschaffen werden, das es dem Mitarbeiter ermöglicht, seine Arbeit ohne zusätzliche Probleme ausüben zu können. „Gute Arbeit“, weiß Tscharnezki, „stabilisiert das gesamte psychische Befinden.“

Eine externe Beratungsstelle steht den Unilever- Angestellten zudem in allen Lebenslagen unterstützend zur Seite – egal, ob es sich um private oder berufl iche Probleme handelt. „Wir ermutigen die Mitarbeiter, sich möglichst frühzeitig dort Rat und Hilfe zu holen“, sagt Betriebsmediziner Tscharnezki. Nach anfänglicher Skepsis nehmen die Kollegen das kostenlose und vertrauliche Angebot inzwischen gern an.

Um Stress zu lindern, hat Unilever sogar ein Tabu gebrochen und den Schlaf während der Arbeitszeit eingeführt. In einer Entspannungsoase dürfen die Mitarbeiter sich in Massagesesseln eine Pause gönnen. „Es ist erwiesen, dass man nach einem kurzen Power-Nap oft viel produktiver an den Schreibtisch zurückkehrt“, sagt Tscharnezki. „Wir haben den Schlaf entkriminalisiert.“ Inzwischen ist das Erholungsnickerchen im ganzen Unternehmen breit akzeptiert. „Natürlich lösen wir damit nicht alle Probleme“, sagt der Betriebsarzt. „Aber wir zeigen damit, dass wir unsere Mitarbeiter unterstützen, wo wir können.“


(Headerfoto: Dirk Brunleck für FOCUS-Magazin)

 

2 Kommentare

karl

19.12.2014

Betriebliches Gesundheits Management kenne ich auch in meiner Firma. Vor einigen Jahren wurde mit aufwand ein Fitnesstudio, Physio Praxis, Betriebsarzt und man staune, ein Wellness Studio errichtet. Mittlerweile wurde alles wieder eingestellt, weil der Eigentümer lieber das Geld für den Betrieb sparen möchte und es in der eigenen Tasche stecken will. Schade!

Heike Grethlein

19.12.2014

Beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement geht es nicht nur um das Angebot von Gesundheitskursen und Co. sondern auch um die gesundheitsförderliche Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Nur wenn Verhaltens- und Verhältnisprävention Hand in Hand gehen, kann das Thema Gesundheit nachhaltig im Betrieb implementiert werden.