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Arbeitsplatz der Zukunft

"Tandem-Jobs": Glücklich geteilt

Mal kürzer treten, nur noch halb so viel arbeiten, um mehr Zeit für die Familie oder eigene Traum-Projekte zu haben? Was vielen unrealisierbar erscheint, lassen zwei Frauen aus Berlin Wirklichkeit werden: Jana Tepe und Anna Kaiser bringen mit ihrer Agentur „Tandemploy“ Menschen zusammen, die sich gemeinsam auf einen Job bewerben wollen – und sprechen Firmen an, die offen für die Jobsharer sind.

Frau Tepe, nehmen wir an, ich möchte zum Beispiel aus familiären Gründen beruflich kürzer treten, warum sollte ich mich bei „Tandemploy“ anmelden?

Jana Tepe: Wenn Sie sich registrieren, geben Sie ihren Beruf, ihre Fähigkeiten, ihre Arbeitsweise und vielesmehr an. Unser Algorithmus findet dann Menschen, die zu Ihnen passen. Zusammen mit denen können Sie sich dann als Tandem bewerben und sich zu zweit eine Vollzeitstelle teilen.

Ich könnte mich auch einfach auf eine Teilzeitstelle bewerben…

Tepe: Das ist für viele leider keine Option: Die typischen Teilzeitjobs, die angeboten werden, sind nicht die, die man sich vorgestellt hat. Die Menschen, die sich bei uns melden, wollen tolle Teilzeitjobs, sie wollen ihren Wunsch-Vollzeitjob in Teilzeit realisieren. Solche Stellen werden aber meist nur als 100-Prozent-Jobs ausgeschrieben.

Jobsharing gibt es ja schon seit den 80er Jahren, in vielen Unternehmen teilen sich Menschen eine Stelle. Warum brauchen wir jetzt Tandemploy dazu?

Tepe: Bis jetzt ist das meist Zufall, es hat sich einfach so ergeben, dass genau diese beiden Mitarbeiter sich ergänzen. Aber es ist total schade, dass Job-Sharing nur ein seltenes Zufallsprodukt ist. In zwei Umfragen haben wir herausgefunden, dass 100 von 200 Menschen sich vorstellen können, Jobsharing zu machen und dass 83 Prozent der Unternehmen dafür offen sind. Doch sie finden sich nicht: Weder die Tandem-Partner untereinander, noch die Unternehmen die Tandems. Wir wollen Jobsharing einfacher machen und das Interesse ist sehr groß. Nach einem Jahr haben wir mehr als tausend angemeldete Menschen und 30 erste Pilotkunden auf Unternehmensseite, die Jobs anbieten.

Warum trifft es gerade jetzt den Nerv der Zeit?

Tepe: Das hängt stark mit dem Wandel der Gesellschaft zusammen, der gerade stattfindet. Die Generation Y will ihr Leben nicht ausschließlich mit Arbeit verbringen. Manche wollen mehr Zeit für die Kinder, eine Weiterbildung machen, ihre Selbstständigkeit vorbereiten, einfach eine buntere Arbeitswoche haben. In unserer Umfrage war übrigens das Motiv für Jobsharing nicht nur ‚mehr Zeit für die Familie‘ – gleichauf war das Ziel, auch einmal eigene Projekte zu verwirklichen.

Es ist also nicht nur ein „Frauen-Thema“: Mal eine Zeit lang wegen der Kinder kürzer treten?

Tepe: Nein, überhaupt nicht: Es ist eher ein „Menschenthema“, es ist interessant für Leute, die ein bestimmtes ‚Mindset‘ haben, nicht ein bestimmtes Geschlecht. 30 Prozent, die bei uns ein Tandem bilden wollen, sind Männer. Gerade sie wollen keine typischen Teilzeitjobs, da liegt die Quote nur bei sieben Prozent. Aber Jobsharing ist für sie interessant, weil es da auch um andere Stellenprofile geht.

Welche Jobs sind denn besonders stark vertreten bei den Tandem-Suchern?

Tepe: Viele stammen aus den Bereichen Projektmanagement, Vertrieb, IT. Es sind Leute, die wissen, dass sie gefragt sind und dass sie in Bereichen arbeiten, in denen die Firmen Schwierigkeiten haben, Fachkräfte zu finden. Wir haben viele sehr hoch qualifizierte Leute – und nicht nur junge, sondern auch erfahrene Leute zwischen 40 und 50.

Aber die haben doch auch den Anspruch, Karriere zu machen. Bis zu welcher Ebene funktioniert Jobsharing?

Tepe: Bis ganz nach oben: Es gibt auch Vorstandspositionen, die gesplittet sind. Für einen jungen Menschen, der noch studiert und über einen halben Job einen Fuß in die Tür bekommen möchte ist das ebenso spannend wie für hohe Führungskräfte. Gerade da tragen die Firmen sogar oft der tatsächlichen hohen Stundenzahl Rechnung und bieten statt eines 100-Prozent Jobs einem Tandem an, dass jeder 75 Prozent arbeitet.

Das geht nicht ohne sorgfältige Absprachen, perfekte Übergaben. Was hat das Unternehmen davon?

Tepe: Für Firmen ist das großartig: Sie bekommen zwei Köpfe, zwei Perspektiven. Sie haben mehr Wissen und Kompetenz auf einer Position. Gerade bei Stellen, die viele Sprachen, analytisches, aber auch kreatives Denken erfordern, haben Sie mit einem Tandem eine bessere Chance, alles zu vereinen. Und Sie bekommen statt zwei Mal 50 eher 150 Prozent, denn Jobsharer arbeiten sehr effizient, weil sie ein hohes Eigeninteresse haben, dass das Modell funktioniert. Doch es gibt noch viel mehr Gründe: Unternehmen können Fachkräfte auf einer 50-Prozent-Stelle halten, die den Vollzeitjob kündigen wollten, wenn sie einen Tandempartner finden. Außerdem können sie sich durch Jobsharing-Angebote als moderner Arbeitgeber mit flexiblen Arbeitszeitmodellen positionieren.

Sie sind mit Frau Kaiser ein Gründer-Tandem: Ganz ehrlich, wie viel arbeiten sie?

Tepe: Wir sind ein glückliches Vollzeit-Tandem! Wir arbeiten beide hundert Prozent, aber wir haben tatsächlich nicht so verrückte Stundenzahlen wie andere Gründer. Wir sprechen uns sorgfältig ab, so können wir den anderen jederzeit vertreten – und auch mal eine Reise machen.

Das Interview führte Maria Huber

2 Kommentare

LG

20.12.2014

Ich würde mein Leben auch gerne nicht ausschließlich mit Arbeit verbringen. Aber wer zahlt mir den Rest auf? Das Geld reicht durch Vollzeit schon nicht.

Gamgoum

12.01.2015

Gab es schon eine Antwort auf diese Frage? Würde mich auch brennend interessieren.

Gruß
Sihem

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