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Arbeitsplatz der Zukunft

Jetzt wird aufgeräumt: Schlechte Aussichten für Desktop-Messies

Wenn der Computerbildschirm vor lauter Ordnern, Dateien und Programm-Icons nicht mehr zu sehen ist, kann das – wie beim „echten“ Schreibtisch – ein Zeichen für Faulheit und Unvermögen sein. Oder von Genialität.  Immer mehr Firmen fordern von ihren Mitarbeitern trotzdem einen „Clean Desktop“. 

Von Thorben Hansen

„Ein Desktop-Messie ist ein Mensch, der seine Probleme in der realen Welt in die virtuelle Welt auslagert, also ein Mensch wie Du und Ich. Aus psychotherapeutischer Sicht liegt die Symptomatik eines Desktop-Messies an dem Punkt, an dem Desorganisationsproblem und die Entdeckung ungeahnter neuer Möglichkeiten der elektronischen Massenmedien zusammenkommen. Die Folge ist ein Vollsauen des Computerbildschirms mit unnötigem Schund und ungenutzten Datenfragmenten, die in den vier virtuellen Ecken vor sich hin schimmeln. Weil sich viele Desktop-Messies für ihr Problem schämen, ziehen sie sich zurück, drehen ihren Kollegen die Computerbildschirme weg oder gehen nur noch unter einer Decke an ihren Arbeitsplatz.“

desktop_3_finalSo schonungslos geht (bisher) gottseidank nur das Satire-Portal „Stupidedia“ mit jenen geschätzten Kollegen ins Gericht, bei denen die Entschuldigung „Chef, das hatte ich echt nicht auf dem Schirm!“ nur schwer zu akzeptieren ist: Die Computerbildschirme von „Desktop-Messies“ sind ein bunter, ungeordneter Tummelplatz von Ordner- und Dateisymbolen, Icons von Programmen, digitalen und oft auch ganz realen gelben Merkzetteln (s. Beispielfoto rechts). Ein oft beinahe kindlich anmutendes Sammelsurium aller Aufgaben, die ein moderne Wissensarbeiteralltag so mit sich bringt. Wie gesagt, oft fröhlich und lustig – aber auch gerade deshalb wohl von vielen Zeitgenossen als eher unpassend für eine seriöse Job-Abwicklung eingeschätzt.

Nun streitet die Wissenschaft ja immer noch leidenschaftlich, ob ein aufgeräumter Arbeitsplatz wirklich für jeden Typ von Mitarbeiter das Richtige, sprich: das Effektivste, ist. Doch sowohl für „echte“ wie digitale Schreibtische setzt sich bei Psychologen immer mehr die Erkenntnis durch, dass scheinbares Chaos und Unordnung nicht zwangsläufig ein Zeichen von Überforderung oder Faulheit sein müssen, sondern häufig auch ein Beweis von Kreativität  sein können. Der alte Spruch „Das Genie überblickt das Chaos“ scheint zumindest in so prominenten Fällen wie den Schreibtisch-Messies Mozart oder Einstein zu gelten. Selbst Steve Jobs, im Privatleben von Zen-artiger Kargheit umgeben, soll an seinem Arbeitsplatz bei Apple regelmäßig hinter einer Wand aus Papieren, Elektronikteilchen und Pizzakartons verschwunden sein.

Desktop_4_finalHeute ist der – vor allem auch von Steve Jobs vereinfachte – Computer mit seinem Bildschirm zum neuen, schon jetzt wichtigeren „Schreibtisch“ der meisten Menschen geworden.  Aber den Graben zwischen Ordnungsliebhabern und Durcheinander-Fans konnte auch der PC nicht schließen, im Gegenteil:   Die Digitalisierung erlaubt es beiden Lagern, ihre Obsessionen voll auszuleben, ob man seine Daten lieber klinisch rein weggeräumt haben will (Foto links) oder in beinahe schon kunstwerkähnlichen Gebilden über- und nebeneinander stapelt (r. unten)Desktop_Clutter_4.

Apropos Kunstwerke: Computernutzer mit unordentlichen Bildschirmen sind in der Mehrzahl urbane, liberale und vielseitige, durchaus karrierebewusste Typen, fand eine Studie des US-Meinungsforschungsinstituts Hunch heraus. Die Anhänger von „sauberen“ Desktops dagegen seien zwar eher technisch bewandert, dafür aber mehr an ihrem Privatleben denn an ihrem Beruf interessiert.

Dennoch werden Desktop-Messies von ihren Vorgesetzten eher skeptisch beurteilt. Unterstützung bekommen die misstrauischen Chefs von Studien, die besagen, dass die Suche in unsortierten Datenmengen pro Mitarbeiter täglich bis zu 60 Minuten Arbeitszeit kosten kann – ähnlich lange übrigens wie auf normalen Schreibtischen auch. Bei vielen Vorgesetzten, die oft traditionell noch auf reine Zeiteffektivität getrimmt sind, hilft dann bei solchen Zahlen auch kein Genie-Argument (s.o.) mehr. Und laut einer repräsentativen Untersuchung der Büroartikelfirma Staples kann deshalb ein chaotischer Arbeitsplatz tatsächlich ein „Karrierekiller“ sein. Denn immerhin vier Fünftel aller befragten Geschäftsführer größerer Unternehmen in Deutschland sehen einen direkten Zusammenhang zwischen „Ordnung und Produktivität“.  „Ordentliche“ Mitarbeiter würden bei Beförderungen deutlich bevorzugt, so die Studie.

Auch deshalb wird die „Clean Desk Policy“ mit der viele Unternehmen jederzeit aufgeräumte Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiter, besonders in Bereichen mit Kundenzugang, „erzwingen“ wollen, mittlerweile immer häufiger auch auf Computerbildschirme angewandt. Immer öfter werden sogar Systemadminstratoren damit beauftragt, die firmeneigenen Rechner so zu programmieren, das auf dem Startbildschirm überhaupt nichts mehr abgelegt werden kann und nur noch einzelne Daten aufgerufen werden können.

Und Konzerne wie  Vattenfall verankern den „Clean Desktop“ sogar in ihren internen Unternehmensrichtlininen: Ein „aufgeräumter Bildschirm“ bedeute, so ist es im „Code of Conduct“ des Energieversorgers festgelegt, dass „keinerlei Informationen auf einem unbeaufsichtigten Computerbildschirm zugänglich“ sein dürfen. Verstöße hätten personalrechtliche Konsequenzen zur Folge.

Schlechte Aussichten für Desktop-Messies. Genie hin, Künstler her.

13 Kommentare

DJ Doena

30.12.2014

— dass “keinerlei Informationen auf einem unbeaufsichtigten Computerbildschirm zugänglich” sein dürfen —

Dann muss das blöde Ding gelockt sein. Nichts auf dem Desktop zu haben hilft da überhaupt nichts, wenn man zum Kaffeetrinkengehen den Rechner nicht sperrt.

Marco Willi

05.01.2015

Sehr kreative Bilder zu dem Thema! :D

elrado

05.01.2015

lächerlich , entweder ich benötige 60min Zeit zum suchen, oder eben zum Aufräumen…Geordnetes Chaos…ich weiß wo was zu finden ist, so mit halbiert sich die aus dem Fingern gesaugte Zeit.

Aufgeräumter Schreibtisch ?
Was machst du den ganzen Tag !

CD

05.01.2015

Ja, die Bilder sind der Hammer!

Marco Hass

05.01.2015

Warum?
Warum kümmern wir uns um so etwas Unwichtiges wie Desktop Messies?
Sind euch die Führungsthemen ausgegangen?
Bei durchdachten Prozessen und gutem Betriebsklima, wären unaufgeräumte Ikon ansammlungen nie ein Thema.
Was das Problem ist? ;-)

Hendrik Pfefferkorn

05.01.2015

Diese Richtlinie von Vattenfall
ist der heutige Tagesbeweis
für die unendliche Blödigkeit, die in solchen Unternehmen herrscht. Von gesperrtem Bildschirm noch nie was gehört, oder? Hat sich darüber irgendein Clown Gedanken gemacht und dabei Zeit verschwendet oder war es etwa einer von der neunmalschlauen Consulting Horde? Man weiss es nicht…

Michael Geist

05.01.2015

Wenn ein aufgeräumter Schreibtisch auf einen aufgeräumten Geist schließen lässt, auf was lässt dann ein leerer Schrebtisch schliesen?

Mario

06.01.2015

Gebe DJ Doena völlig recht:
wenn jemand an die Daten rankommen möchte, nützt es mir gar nichts, wenn mein Desktop ‚klinisch aufgeräumt‘ ist!
Arbeitsplatz verlassen, auch wenn nur kurz, heißt Computer sperren … und wenn es nur der Gang auf die 00 sein sollte !!!

Gerrit

06.01.2015

Mein Schreibtisch ist ein offener Reminder, sowohl der ecte alsauch die virtuellen. Wenn ich Dateien mit Notizen oder halbfertigen Ideen weg sortiere, ist die Chance viel grösser, dass sie nie wieder angesehen oder weiterverarbeitet werden und damit aus dem Fokus geraten.

Jeder sollte sehen, dass er sich selbst so organisiert, wie es seinem Gehirn entspricht und nicht wie die Gesellschaft oder die Firma meint, dass es OK ist: der Eine braucht Ordnung und leere Flächen, ein Anderer liebt Stapel und ein Dritter Ordner (auf dem Desktop oder tief im System)

kraeMit

07.01.2015

Wichtig ist, das die relevanten Daten dort liegen, wo sie hingehören!! Das muss oberste Priorität für alle Angestellten haben.
Der Klassiker: Das Unternehmen hat ein DMS und die User haben die Dokumente auf ihrem Desktop oder lokalen Filesystem liegen (weil Chaoten, sie sich nicht trauen die Dokumente einzuchecken oder einfach nicht wissen wie es geht). :-/

Bernhard

08.01.2015

Ich kann mich nur den Worten von Gerrit anschließen:

„Auch mein Schreibtisch ist ein offener Reminder, sowohl der echte als der virtuelle. Wenn ich Dateien mit Notizen oder halbfertigen Ideen weg sortiere, ist die Chance viel grösser, dass sie nie wieder angesehen oder weiterverarbeitet werden und damit aus dem Fokus geraten.

Jeder sollte sehen, dass er sich selbst so organisiert, wie es seinem Gehirn entspricht…“

mal_nachdenken

12.05.2015

„A clean desk is a sign for a sick mind.“ stand schon vor 40 Jahren über dem Schreibtisch mienes Vaters. Und – er hat recht. Immer noch.

ToBe or Not

16.06.2016

My home is my castle – my desktop is my palace!

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