Interview mit Arianna Huffington: "Schlaft mehr, Leute"

Die „Huffington-Post“-Verlegerin und Parade-Karrieristin Arianna Huffington predigt Auszeiten während der Arbeitszeit und begrüßt das Social Freezing-Angebot amerikanischer Firmen als innovative Idee. Das Interview ist im Beileger “FOCUS Network – 44 Seiten Karriere Extra”  des FOCUS-Magazins (Nr. 51 vom 15. Dezember 2014) erschienen.In Kooperation mit XING bietet der Beileger zahlreiche weitere Karriere-Themen, Interviews, Network-Tipps, Termine und Events (zum kostenlosen Download).

Frau Huffington, ein Unternehmen ist immer nur so gesund wie seine Mitarbeiter, sagen Sie. Ist das nicht eine etwas zu einfache Formel?
Es gibt immer mehr Belege dafür, dass die positive Bilanz eines Unternehmens untrennbar mit der Gesundheit seiner Angestellten verbunden ist. Und dass wir einen hohen Preis bezahlen, wenn wir diese Faktoren getrennt voneinander betrachten. Auf der individuellen Ebene riskieren wir unsere Gesundheit und Zufriedenheit. Auf der Geschäftsebene machen sich die Verluste im Nichtausschöpfen von Talenten und verminderter Produktivität bemerkbar. Und diese Formel funktioniert auch in die andere Richtung: Was gut für die Mitarbeiter ist, ist auch gut fürs Geschäft.

Quotes3Ist die Nachricht schon bei allen Unternehmen angekommen?
Natürlich sind viele Unternehmen nach wie vor besessen von schnellem Profit und Wachstum. Aber glücklicherweise wird immer mehr Menschen klar, dass sich diese Sichtweise für niemanden bezahlt macht: Sie dient weder der Nachhaltigkeit eines Unternehmens noch dem Wohlbefinden seiner Mitarbeiter. Man treibt so nicht nur die Menschen, sondern langfristig den ganzen Planeten in das kollektive Burn-out. Es gibt immer mehr Firmen, die das erkennen. Volkswagen zum Beispiel hat die Firmen-Smartphones mancher Mitarbeiter so programmiert, dass sie zwischen 18 und sieben Uhr keine E-Mails empfangen. Und die Angestellten von Daimler haben die Möglichkeit, während ihres Urlaubs alle eintreffenden Job-Mails automatisch löschen zu lassen. Wir brauchen noch mehr Führungspersönlichkeiten, die den Menschen und unserer Umwelt ebenso viel Bedeutung beimessen wie den Gewinnen.

Sie fordern Achtsamkeit und Auszeiten während der Arbeitszeit. Wie setzen Sie das im eigenen Haus im hektischen Alltag des Online-Journalismus um?
Nachrichten scheren sich nicht um Dienstpläne. Umso größer ist die Versuchung für unsere Mitarbeiter, sich diesem atemlosen 24-Stunden-Rhythmus anzupassen. Deswegen achten wir sehr auf Burn-out-Prophylaxe. Wir erwarten zum Beispiel von niemandem, dass er Job-Mails nach Feierabend oder am Wochenende beantwortet – es sei denn, er hat in dieser Zeit Redaktionsdienst. Wir ermutigen die Kollegen auch, wirklich alle Urlaubstage – in den USA sind es ja nur drei Wochen – zu nehmen. Die HuffPoster haben wir mit Nachdruck gebeten, ihr Mittagessen nicht am Schreibtisch einzunehmen; allerdings nur mit mäßigem Erfolg, wie ich gestehen muss. Außerdem haben wir zwei Schlafräume in der Redaktion.

„Nach oben schlafen“, nennen Sie das in Ihrem Buch – das Nickerchen als neues Erfolgsrezept?
Nein. Es gibt nicht das eine Erfolgsrezept. Außerdem müssen wir den Begriff Erfolg neu definieren. Jenseits der zwei herkömmlichen Indikatoren Geld und Macht gibt es noch einen dritten Faktor, der sich zusammensetzt aus Wohlbefinden, Weisheit, Staunen und Großzügigkeit. Und was unsere Schlafräume angeht: Sie sind inzwischen meistens voll belegt. Als wir sie vor drei Jahren einrichteten, waren die Reaktionen zunächst skeptisch. Viele fürchteten, man könnte ihnen ein Nickerchen als Faulheit auslegen. Wir versuchen zu vermitteln, dass man eher auf völlig ausgepowerte Kollegen herabschauen sollte als auf jene, die mal eine Pause machen, um wieder aufzuladen.

Hektische Welt – mit Schlafräumen: die Redaktion der „Huffington Post“ in New York

Hektische Welt – mit Schlafräumen: die Redaktion der „Huffington Post“ in New York (Foto: Damon Dahlen/AOL)

Mal Hand aufs Handy: Wie viele Smartphones haben Sie?
Aktuell sind es fünf. Ich hatte jahrelang immer vier Blackberrys in der Handtasche; jetzt ist noch ein iPhone dazugekommen. Aber ich schalte die Geräte zu bestimmten Nachtzeiten ab – und verbanne sie aus dem Schlafzimmer. Ich habe mir auch angewöhnt, morgens nicht als Erstes aufs Smartphone zu gucken. Stattdessen nehme ich mir eine Minute, um tief zu atmen, meine Dankbarkeit zu fühlen und mir meine Absichten für diesen Tag ins Gedächtnis zu rufen.

Dann sind Sie nur nachts offline?
Vergangenen Dezember habe ich den für mich radikalen Versuch gewagt, eine Woche „unplugged“ zu leben. Das hieß nicht nur, die Smartphones auszumachen, sondern auch, keine sozialen Medien zu nutzen und meine Mails nur zweimal am Tag zu checken. Ich habe also den Familien-Weihnachtsurlaub auf Hawaii verbracht, ohne ständig schöne Sonnenuntergänge und Fotos von meinem Abendessen zu tweeten. Statt mich in einer digitalen Parallelwelt aufzuhalten, habe ich mich mit den Menschen um mich herum unterhalten und bin ganz in die Gegenwart eingetaucht.

Sie haben für Ihre Karriere auch große gesundheitliche Opfer gebracht. Was würden Sie anders machen, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?
Ich wünschte, ich könnte der jüngeren Arianna einen Rat geben: Harte Arbeit ist nur ein Teil des Weges zum großen Erfolg – der andere ist Abschalten, Wiederaufladen, Erneuerung. Das hätte mir viel Stress, viel Erschöpfung und ein Burn-out erspart. Erst Jahre später habe ich aus meinen Fehlern gelernt und mir Techniken angeeignet, die mich jeden Tag im Lot halten. Das Ergebnis ist ein erfüllenderes Leben, eines, das mir Raum zum Atmen gibt und eine tiefere Einsicht.

Was empfehlen Sie jungen Frauen am Beginn ihrer Karriere?
Viele Frauen wollen in der momentanen Arbeitswelt gar nicht an die Spitze, weil ihnen der Preis hinsichtlich Gesundheit und Wohlbefinden zu hoch ist. Mein Rat an junge berufstätige Frauen ist simpel: Wir müssen unser Leben auf unsere eigene, weibliche Weise leben. Die geltende Erfolgsdefinition stammt von Männern, und die Arbeitskultur ist nach wie vor männlich geprägt – und dort sind Selbstausbeutung und Arbeit bis zur Erschöpfung oder gar bis ins Grab eine Art Ehrenmedaille! Zum Glück macht sich seit einiger Zeit ein globaler Paradigmenwandel hin zu den als eher feminin empfundenen Werten bemerkbar: Flexibilität, Zusammenarbeit und Empathie.
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Was halten Sie vom Angebot amerikanischer Firmen, Frauen das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen?
Für mich sind alle Angebote gut, die es Menschen erlauben, ihr Leben in ihre Arbeit zu integrieren. Ich finde es toll, dass Apple und Facebook die Menschlichkeit ihrer Mitarbeiter auf diese Weise anerkennen und feiern – mit einer sehr innovativen Idee, die berücksichtigt, dass wir mehr sind als unser Lebenslauf oder unsere Jobbeschreibung.

In Ihrem Buch raten Sie dazu, sich die eigene Grabrede auszumalen, um eine gute Lebensbalance zu finden. Wie soll Ihre lauten?
Ich denke viel über den Tod und auch über Grabreden nach. Aber nicht über meine eigene. Eine der besten Eigenschaften von Nachrufen ist ja, dass man den eigenen nicht schreiben muss. Also bin ich aus dem Schneider! Ich schaue lieber, dass ich meinen Lieben jede Menge Material hinterlasse, über das sie dann bei meiner Beerdigung sprechen können.


Zur Person:

Digital-Königin Arianna Huffington, 1950 in Athen geboren, studierte Ökonomie in Cambridge. In den 1980er-Jahren heiratete sie den Ölmillionär und US-Politiker Michael Huffington, mit dem sie zwei Töchter hat. 2005 war sie Mitbegründerin der Online-Zeitung „Huffington Post“, deren Chefredakteurin sie bis heute ist. Ihr Buch „Die Neuerfindung des Erfolgs“ war ein US-Bestseller und erschien kürzlich auf Deutsch (Riemann Verlag).

(Headerfoto: Management + Artists)


 

INTERVIEW: N. BERENDONK/B. ESSER

 

6 Kommentare

Verena Czerny

17.12.2014

Ariana Huffington zitiert Ihre Mutter, wenn Sie sagt: “Fehlschläge sind stete Begleiter auf dem Weg zum Erfolg.” Für uns Deutsche ist es eine große Herausforderung Scheitern anzuerkennen und nicht mit Erfolgsdruck darauf zu reagieren. Aber Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Zwei weitere „typisch deutsche Fehler“ können Sie hier nachlesen: http://www.clever-change.de/digital-marketing-angst-vor-riskanten-ideen/

Carola

17.12.2014

Toller, lesenswerter Artikel!

Schmid

17.12.2014

Auch wenn es etwas unwirklich klingen mag, wie Frau Huffington Ihr Unternehmen führt, ich finde es sehr gut und es wäre wünschenswert,dass viele Unternehmen, vielleicht keine 1:1 Kopie machen, aber mehr Bewusstsein in Ihrer Verantwortung gegenüber den Beschäftigten, als Arbeitgeber wahrnehmen.

Stefan Nette

17.12.2014

„Das Leben in die Arbeit integrieren“, was ist das denn für eine Priorisierung?

Also wenn ich mich recht entsinne bestand mein Leben vor meiner Arbeit, und ich konnte mir auch nicht aussuchen ob ich leben möchte. Ich kann mir aber sehr wohl aussuchen wie ich arbeiten möchte, wenn hier etwas sich in mein Leben sinnvoll integrieren lassen muss dann ja wohl meine Arbeit in mein Leben. Nicht dass ich Frau Huffingtons Ansichten insgesamt verkehrt finde, aber die formulierung zeigt mir mal wieder wie verdreht die Perspektiven mittlerweile sind. Wir leben mit der Arbeit, vielleicht auch einige für sie, aber der Großteil der Menschen hat noch darüber hinaus etwas was das Leben lebenswert macht…..

Ekaterina Vardanyan

17.12.2014

„Wir müssen unser Leben auf unsere eigene, weibliche Weise leben. Die geltende Erfolgsdefinition stammt von Männern, und die Arbeitskultur ist nach wie vor männlich geprägt – und dort sind Selbstausbeutung und Arbeit bis zur Erschöpfung oder gar bis ins Grab eine Art Ehrenmedaille! Zum Glück macht sich seit einiger Zeit ein globaler Paradigmenwandel hin zu den als eher feminin empfundenen Werten bemerkbar: Flexibilität, Zusammenarbeit und Empathie.“ Es ist wunderbar, dass es in der heutigen Zeit der „Gleichstellung“ auch Menschen gibt, die über feminine Arbeitswelten nachdenken und offen sprechen. Ich glaube, dass nur die Balance zwischen den beiden Arbeits- und Lebenswelten eine echte Gleichstellung schaffen wird und sicherlich auch das Problem der Kinderlosigkeit vor allem bei Akademikern/Innen dauerhaft lösen könnte.

Stefan Nette

19.12.2014

Liebe Frau Vardanyan,

ich bin ein Mann und stehe voll hinter den Werten und Paradigmen die sie nennen, als MANN. Können wir bitte mal weg kommen von dieser unsäglichen Genderschiene? Männer beuten sich auch nicht gerne aus, es ist einfach nur immer gesellschaftlich erwartet worden.