Neue Führung

XING-Klartext: Vernetzte Arbeitswelt - Die Kunst, Vielfalt zu erlauben

Alfred Löckle, Konzernbetriebsratsvorsitzender bei BOSCH, treibt den Wandel der Arbeitswelt aktiv voran – für alle – die Kreativen und die Schichtarbeiter. Im XING Klartext skizziert er die Chancen und Herausforderungen des vernetzten Arbeitens.

Von Alfred Löckle

Menschen und Dinge werden zunehmend vernetzt. Das hat Auswirkungen auf unser gesamtes Leben und somit auch auf unsere Art zu Arbeiten. Aber was passiert eigentlich mit dem Menschen in dieser neuen Arbeitswelt?

Es klingt alles wunderschön. Computer und automatisierte Technik erleichtern unsere Arbeit. Jedes Erzeugnis soll von der Ideenfindung über die Produktion und Auslieferung bis zum Einsatz beim Kunden und Verbraucher Daten liefern. „Toll“ sagen nun viele. Und sicherlich stimmt das auch. Prozesse können immer reibungsloser gestaltet werden, Fehler werden sofort erkannt. Es ergeben sich ganz neue Möglichkeiten der Produktion: endlich kann man auch auf individuelle Kundenwünsche eingehen. Dies geht umso besser, je mehr Kontrolle man über den gesamten Produktionszyklus hat. Volle Flexibilität ist hier somit gegeben.

Der Wunsch vieler nach einem größeren Gestaltungsspielraum weitet sich auch auf Arbeitszeiten und -orte aus. Das Anliegen – vor allem der jüngeren Generation – ist verständlich. Aber übersehen wir da vielleicht etwas? Wenn die work life balance darin besteht, dass Mitarbeiter sich abends nochmals an den PC setzen, wenn die Kinder im Bett sind, so ist das nur für einen Teil der Mitarbeiter möglich. Ein Schichtarbeiter kann nicht einfach das Fließband mit nach Hause nehmen. Dazu kommt, dass durch abendliches Arbeiten von Zuhause eine wichtige Schutzregel für Arbeitnehmer verletzt wird, nämlich die einer 11-stündigen Ruhepause. Eine Abschaffung dieser Regelung wäre für einen Schichtarbeiter fatal. Er benötigt diese Regenerationszeit unbedingt.

Die Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt bedarf somit größter Aufmerksamkeit. Es darf keine Zweiklassen-Gesellschaft entstehen. Es wäre nicht gerecht, dürfte sich nur ein Teil der Belegschaft in die Sofa-Denkerecke zurückziehen. Die Chancen und Vorzüge von vernetztem Arbeiten müssen bei allen ankommen.

In der industriellen Produktion wird es nach wie vor auch die Arbeitsplätze „an der Maschine“ geben. Es wird nicht alles in einen virtuellen Raum verlagert. Die tollen Produkte, die uns das Leben erleichtern – zu Hause, unterwegs im Auto, bei der Arbeit – sie alle werden in Produktionshallen hergestellt.

Die Kunst in der Gestaltung der neuen Arbeitswelt besteht darin, Vielfalt zu erlauben. Es müssen Regelungen getroffen werden, die es Arbeitnehmern erlauben, ihre Kreativität und Schaffenskraft optimal zu entfalten. Das erhält Arbeitsplätze und stärkt den Wirtschaftsstandort Deutschland. Aber es muss ein Miteinander geben. Unterschiedliche Arbeitswelten sollten weiterhin bestehen dürfen und sich bestenfalls gegenseitig befruchten. Es geht auch um den sozialen Zusammenhalt einer gesamten Gesellschaft.

Hier wird die wichtige Rolle klar, die Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen in diesem Prozess spielen. Werden am Ende der Entwicklung Fähigkeiten und Kompetenzen der Menschen an die Maschine delegiert? Bleiben Menschen die Handelnden? Wir müssen gemeinsam Antworten auf diese Fragen finden und den Wandel mit Voraussicht begleiten. Nur dann haben alle etwas von der so schön entworfenen neuen Arbeitswelt und können sich ab und an auf ihr vielleicht auch nur virtuelles Denkersofa zurückziehen.


Foto_LoeckleÜber den Autor:

Alfred Löckle ist seit 2006 Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats und des Konzernbetriebsrats der Robert Bosch GmbH sowie Mitglied des Aufsichtsrats. Seit 2007 ist er auch Vorsitzender des Europa-Committees der Bosch Gruppe.

In der IG-Metall bekleidet er mehrere ehrenamtliche Funktionen wie Mitglied der Ortsverwaltung Stuttgart und Mitglied der Tarifverhandlungskommission im Tarifbezirk Baden-Württemberg. Seit 2012 ist er als Vertreter der Gewerkschaften Mitglied im INQA Steuerkreis.

 


Unsere Klartext-Themenwoche bietet Ihnen bis zum 7. November jeden Tag einen neuen Experten-Beitrag:


Montag, 3. November 2014

„Führung heute! Nur noch auf Abruf?“

Von Thomas Sattelberger, Ex-Telekom-Vorstand und Themenbotschafter Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA)

Dienstag, 4. November 2014

„Vernetzte Arbeitswelt – Die Kunst, Vielfalt zu erlauben“

Von Alfred Löckle, Konzernbetriebsratsvorsitzender und Mitglied des Aufsichtsrat der Robert Bosch GmbH

Mittwoch, 5. November 2014

Wem dient Führung eigentlich?

Von Tina Egolf (Podio)

Donnerstag, 6. November 2014

Tiefgreifender Wandel durch Industrie 4.0

Von Dr. Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI)

Freitag, 7. November 2014

„Stakeholder statt Shareholder“ – Professor Dr. Peter Kruse im XING Klartext-Video-Interview

Von Prof. Dr. Peter Kruse, Gründer und Ideengeber von nextpractice

 

 

2 Kommentare

Andrea Bittner

04.11.2014

BOSCH-Konzernbetriebsratsvorsitzender zu Arbeitsformen bei BOSCH der Zukunft

Sonja

05.11.2014

Herr Alfred Löckle hat mit dem Gesagtem vollkommen recht.
Doch besteht DAS Problem erst seit der Digitalisierung?
Das ist viel eher auf einer Zwischen-Menschlichen Ebene zu lösen.
Denn so mancher Arbeiter hätte Ideen die nützlich wären, und ihm ebenfalls Nutzen bringen könnten. Wenn das Miteinander gefördert wäre, anstatt das eher Gegeneinander, im sogenanntem Wettbewerb. Der nicht immer mit Fairness oder legalen Mitteln zu arbeiten scheint.
Denn immer noch ist „der stärkere Arm“ im Vorteil. Ungeachtet der Ideen die dabei unter den Tisch gefallen sind.
Ja sogar erst recht, wenn diese Idee sich als „Pflegeleicht“ und robust erweist. Denn dann, dann entfallen doch die notwendigen Wartungen, Repararuraufwendungen, und – letztendlich sogar schon wegen einer nichtmehr hergestellten Kleinigkeit die ganzen Neuanschaffungen!
Und das ist ja eher unverantwortlich, als sozial zu nennen. Obwohl ja gerade da der Arbeitsplatz – Erhalt in solchen Fällen herhalten muss.
Denn in einer Wegwerfgesellschaft in welcher erst dem Sterbenden eine gewisse Menschenwürde zuerkannt werden kann, da nun seitens SEINER Menschlichkeit KEINE Gefahr mehr besteht solcherlei Geschäftemacherei
zu unterbinden, ist das natürlich, und völlig normal.