Neue Führung

Tiefgreifender Wandel durch Industrie 4.0

Dr. Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer des BDI, sieht im XING Klartext große Chancen und Herausforderungen für die deutsche Industrie. Im verschärften Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte wird gute Führung zum Schlüssel für den Erfolg.

Von Dr. Markus Kerber

Die deutsche Industrie steht vor großen Umbrüchen. Die Rede ist von der vierten industriellen Revolution – kurz „Industrie 4.0“. Die physisch anfassbare Welt verschmilzt mit dem Internet. Daraus ergeben sich für die deutsche Industrie große Chancen. Studien gehen davon aus, dass sich die Produktivität einzelner Branchen durch Industrie 4.0-Technologien um bis zu 30 Prozent steigern lässt. Das ist eine ordentliche Hausnummer.

Grundsätzlich sind wir für diesen Wandel gut aufgestellt: Deutschland verfügt über eine starke industrielle Basis. Unser Industrieanteil an der Wertschöpfung liegt nach wie vor auf hohem Niveau, nämlich bei gut 22 Prozent. Das unterscheidet uns von vielen anderen europäischen Ländern. Deutsche Unternehmen sind zudem führend bei der Automatisierung und Flexibilisierung von Produktionsprozessen sowie im Bereich Unternehmens- und Produktionssoftware.

Industrie 4.0 bedeutet vor allem Strukturwandel. Branchengrenzen verschwimmen, Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse in der gesamten Wirtschaft verändern sich – teilweise radikal. Die Unternehmen müssen sich auf neue Geschäftsmodelle einstellen. Kooperationen auch mit branchenfremden Unternehmen und Forschungseinrichtungen dürfen kein Tabu sein. Wir wollen in Deutschland Gewinner durch und „Produzenten“ von Industrie 4.0 sein, unsere Zukunft darauf aufbauen. Auch in den USA und Asien haben sich Netzwerke gebildet mit dem Ziel, von der vierten industriellen Revolution zu profitieren. Wenn wir im internationalen Wettbewerb die Nase vorn haben wollen, müssen wir besser sein als die Konkurrenz. Wir müssen innovativer bleiben – und dazu brauchen wir vor allem das Wissen und die Kompetenz unserer Mitarbeiter.

Nicht nur das unternehmerische Umfeld ändert sich durch Industrie 4.0, sondern auch die Arbeitswelt. Betriebliche Abläufe und Strukturen müssen angepasst werden. Eine sich dynamisch vernetzende Arbeitswelt verlangt die Fähigkeit zur Eigensteuerung und zur Kooperation – bei Führungskräften und Mitarbeitern. In der Industrie arbeiten besonders viele hochqualifizierte Arbeitskräfte, vor allem in MINT-Berufen. Diese Mitarbeiter stellen hohe Anforderungen an die Attraktivität ihres Arbeitsplatzes – ob sie nun aus der Generation Y oder der Generation X kommen. Angesichts der demografischen Entwicklung mit einem deutlich sinkenden Arbeitskräftepotenzial – je nach Prognose bis 2050 um 14 bis 17 Millionen – wird sich der Wettbewerb um diese Arbeitskräfte in Zukunft noch verschärfen.

Deshalb wird kompetente Führung, die Mitarbeiter motiviert und ihnen ausreichend Gestaltungsspielräume lässt, für die Unternehmen zu einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal. Das gilt gerade für Industrieunternehmen, die ihren Sitz oft nicht in der Großstadt haben, sondern auf dem Land. Sie werden sich in Zukunft umso erfolgreicher aufstellen können, je mehr ihnen geeignete Fachkräfte zur Verfügung stehen. Demografiefeste Personalpolitik, Talent Management, der bewusste Umgang mit Vielfalt oder auch die zunehmende Orientierung an Lebensphasen sind wirkungsvolle Antworten.

Ich bin überzeugt: Ohne die Menschen hinter den Computern und Maschinen geht es bei aller Digitalisierung und Vernetzung nicht. Sie müssen auf den Wandel in der Arbeitswelt vorbereitet werden. Dazu gehört zum Beispiel, interdisziplinäres und systemübergreifendes Denken zu fördern. Informatiker sollten schon während des Studiums zusätzliche Module aus den Bereichen Maschinenbau oder Elektrotechnik belegen. Umgekehrt sollten sich Ingenieure verstärkt mit Informationstechnologien auseinandersetzen. Im Hinblick auf die Vielzahl der rechtlichen Fragestellungen, die durch die digitale Vernetzung entstehen, brauchen Techniker zudem vermehrt juristische Grundkenntnisse. Und der wechselseitige Transfer zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung muss gefördert, duale Studiengänge an Universitäten und Hochschulen müssen ausgebaut werden. Der Praxisbezug sollte an allen Universitäten und Hochschulen durch Kooperationen mit Unternehmen größer werden.

Die Herausforderungen durch Industrie 4.0 sind vielfältig. Industrie 4.0-Lösungen bedeuten für viele Unternehmen einen erheblichen Investitionsbedarf. Darüber hinaus behindern ungeklärte Fragen bei der IT-Sicherheit, fehlende Normen und Standards, rechtliche Unklarheiten bei der Verwendung externer Daten und der langsame Breitbandausbau eine flächendeckende Umsetzung von digitalen Technologien – noch. Diese Herausforderungen lassen sich in ihrer Gesamtheit allerdings nicht von einzelnen Unternehmen, sondern nur durch gemeinsame Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft meistern.


 
Über den Autor:

Dr. Markus Kerber, Jahrgang 1963, ist seit Juli 2011 Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI). Im Bundesministerium des Innern leitete er von 2006 bis 2009 die Abteilung Grundsatzfragen und internationale Analysen. 2009 wurde er Abteilungsleiter für finanzpolitische und volkswirtschaftliche Grundsatzfragen im Bundesministerium der Finanzen in Berlin.
www.bdi.eu

 


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Mittwoch, 5. November 2014

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Donnerstag, 6. November 2014

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Von Prof. Dr. Peter Kruse, Gründer und Ideengeber von nextpractice

 

1 Kommentare

Henning Hucke

06.11.2014

Ich /unterstelle/, dass Herr Dr. Kerber die Kommentare nicht aktiv bekommt.
Ergo: Ihr implementiert mit diesem Format die Zeitung 2.0: Ein Text wird konsumiert und man darf etwas ins Nichts rufen. Das ist ansich sogar schlechter als Zeitung 1.0, wo die Leserbriefe vermutlich noch recht häufig von den Artikelschreibern gelesen wurden…
Verbesserungsvorschlag: Eine *Dialog*möglichkeit schaffen.

Sollte Dr. Kerber weitere Beiträge wieder Vermutung doch aktiv bekommen, ziehe ich den Hut, nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. :-/