Innovation

Erfolgsstory Protonet: Ganz schön was auf dem Kasten

Das Hamburger Startup Protonet will mit innovativen Servern und Finanzierungsmodellen die großen Konzerne der digitalen Welt herausfordern – und den Menschen ihre Datenhoheit zurückgeben.
Von Silja Schriever

Eine orange-farbene Box, ein groß geschriebenes Bekenntnis: „I love my data“ – Ali Jelveh macht auch auf seinem Firmen-T-Shirt klar, was wichtig für ihn ist. Und Datensicherheit ist für Jelveh, den Mitbegründer des Hamburger IT-Unternehmens „Protonet“,  wirklich wichtig. Schon lange vor Edward Snowdens Enthüllungen über den NSA-Skandal hatte der ehemalige Physikstudent begonnen, darüber zu tüfteln, wer in der digitalisierten Welt die Hoheit über sensible Informationen haben sollte.

Und Jelveh hatte eine Vision, die vom Produkt bis zur Finanzierung tatsächlich durch und durch innovativ ist. Die Idee: Rückeroberung der eigenen, digitalen Souveränität. Das Produkt: ein kleiner, hübscher, orangener Server, von jedermann zu bedienen. Die Finanzierung: Crowdfunding – mit „Weltrekord“ geschafft. Die Team-Organisation: flache Hierarchien und demokratische Kommunikation. Das Ziel: „Wir wollen den großen Playern wie Google, Amazon oder Facebook unsere Daten wieder entziehen“, sagt Jelveh.

Die Unternehmensgeschichte von Protonet beginnt im Betahaus in Hamburg, das Büroflächen für Freelancer und Firmengründer bietet. Denn heute sind es nicht mehr Garagen in Palo Alto, wo Start-ups sich zu erfolgreichen Firmen mausern. In den 2010er Jahren liegt der Ursprung erfolgreicher IT-Firmen oft in so genannten Coworking Spaces – unter einem Dach mit anderen Freiberuflern und Gründern, die Rat geben und Kontakte vermitteln können.

Protonet-Gründer Ali Jelveh und Christopher Blum:  Innovativ von der Idee bis zur Finanzierung

Protonet-Gründer Ali Jelveh und Christopher Blum: Innovativ von der Idee bis zur Finanzierung

Der heute 34-jährige Jelveh hatte mit seinem Mitgründer Christopher Blum bereits 2012 einen Server marktreif entwickelt, der kleinen Unternehmen und Freiberuflern das einfache Speichern und Verschieben interner Dateien ermöglicht. Rund 300 Firmen nutzen mittlerweile diese Technologie – und haben den auffallenden Protonet-Kasten im Büro stehen.

Ginge es nach Jelveh, wird in nicht allzu ferner Zeit jeder, jedes Unternehmen, jeder Haushalt, die absolute Hoheit über seine Daten zurückerlangen. Und damit diese Vision zur Realität werden kann, verkauft Protonet „Maya“, „Carla“ und „Carlita“, Personal Server, die besonders sicher sind und ihre Besitzer unabhängig machen. „Eine Box für jedes Zuhause“, die für ein von außen nicht zu kontrollierendes Netzwerk bilden kann, das ausschließlich den Nutzern zugänglich ist. „So komfortabel wie ein Cloud-Service, so sicher wie ein eigener Server“ und per Knopfdruck startbereit sind – ganz ohne Installation, ohne IT-Kenntnisse und ohne monatliche Zusatzkosten.

„Wir versuchen Menschen zu erreichen, die nicht unbedingt so IT-affin sind“, sagt Felix Heinricy, bei Protonet verantwortlich für Business Development. Mit dem „einfachsten Server der Welt“. Das große Vorbild ist der Konzern Apple. Im Hinblick auf Einfachheit, Design und Philosophie. Heinricy: „Unser Produkt soll der i-Pod der Server sein.“ Übermäßig bescheiden gibt sich niemand von Protonet. Warum auch? Aber großmäulig ist deswegen keiner im Team rund um Ali Jelveh, der nach dem abgebrochenen Studium wie Co-Founder Blum auch als Entwickler bei der XING AG arbeitete.

Bereits im Juni dieses Jahres konnte Protonet so viele Menschen von ihrer Idee überzeugen, dass ein Weltrekord im Crowdfunding aufgestellt – und von mehr als 1000 Investoren 1,5 Millionen Euro über die Onlineplattform Seedmatch gesammelt wurde. Die Summe kam innerhalb von rund zehn Stunden zusammen. Banken und Risikokapitalgeber hatten zuvor kein Geld geben wollen.

Für die mittlerweile 32 Mitarbeiter große Belegschaft von Protonet ist Innovation kein Auftrag mehr, sondern Status Quo in allen Bereichen. Selbst die Herstellung der Server ist innovativ und liegt im Trend. „Wir glauben an die Vorteile lokaler, nachhaltiger Produktion“, so Ali Jelveh. Deshalb wird ein Großteil der Hardware in Hamburg produziert. Das Bekenntnis zur Hansestadt zeigt sich auch am neuen Firmensitz: Mittlerweile residiert Protonet in eigenen Räumen im „Makerhub“, einem „Machertreffpunkt“ in Hamburg-Altona.

„Es ist ein geiles Zusammenarbeiten“ beschreibt Heinricy die Arbeit bei Protonet. „Sehr frei im Sinne von Titeln und Hierarchien.“ Die Kommunikationsprozesse seien sehr demokratisch und einfach. Die Mitarbeiter sind zumeist jung  und gewohnt „in einem Team mit verschiedenen Couleurs zu arbeiten“. Sie alle haben das Gefühl „auf einer Rakete zu sitzen, die gerade abhebt“.

Am Montagmorgen kommen alle zum großen Frühstück zusammen. „Wir sprechen darüber, was wir vorhaben und wohin wir wollen“, sagt Heinricy. Einmal im Monat findet zudem ein „Mach mich besser“-Abend statt. Alle, die Lust haben, kommen und erzählen etwas über eine Sache, in der sie besonders gut sind. Ob Hundeerziehung oder Fotografie. Schließlich will das Protonet-Team, so erklärt es Heinricy, „über die Start-up-Bubble“ hinausschauen. Heinricy, Jelveh und ihre Kollegen, die aus Deutschland, Belgien, Holland und anderswo her kommen, wollen zwar nicht weniger als „die Welt verändern“. Aber dabei „absolut ehrlich“ und hanseatisch bodenständig bleiben.

7 Kommentare

Andi

27.11.2014

Mach ich mich jetzt unbeliebt wenn ich behaupte, daß man von Synology zum Bruchteil des Preises eines Protonet-Servers eine NAS bekommt, die ungefähr 10 mal soviel kann, wie jeder der Proto-Server und dazu noch erweiterbar ist? Dazu noch echte Datenredundanz und automatische Replikation uber das Internet anbietet? Mit dutzenden von TB ausgerüstet werden kann? Die Liste ist endlos. Also wo liegt der USP, außer in der Optik?

André

28.11.2014

@Andi: mir kam beim Lesen sofort der gleiche Gedanke. Ich kann daher auch keinen USP finden :( leider.

Richard

28.11.2014

…werben doch mit „ohne Installation, ohne IT-Kenntnisse, auf einen Knopfdruck startbar“, also für Zielgruppe „ich habe null Kenntnisse“? Dann wäre das ja eigentlich schon ein Pro nehme ich doch mal an…

Felix

28.11.2014

Hallo! Felix von Protonet hier.
Ihr habt schon recht, würde man einen Protonet Server nur als NAS einsetzen ist dies ein teurer Spaß (wenn auch sehr hübsch).
Allerdings läuft auf jeder Protonet-Box unsere Software Protonet SOUL OS, für eine einfache und direkte Kommunikation, Kollaboration und Dateimanagement. Also sowas wie Basecamp aber eben auf dem eigenen Server mit voller Datenhoheit!
Wer sich einen genaueren Einblick in die Software verschaffen will, den würde ich gerne zu einem unserer online Webinare einladen.

Thomas

28.11.2014

Ich verstehe nicht, wie man einen einzelnen Server in einem Büro als sicher betrachten kann. Dieser besitzt nicht nur keinerlei Redundanz, sondern kann auch gestohlen, verbrannt oder sonstwie beschädigt oder zerstört werden.

Daniel Schmitz

28.11.2014

Hallo zusammen,
das klingt für mich so wie der Server für reine Anwender. Also ungefähr so wie Apple Produkte. Die sind auch in erster Linie dafür gemacht das man schnell ohne großen Aufwand ein Ergebnis erzielt. Also „eigentlich“ nicht wirklich zu vergleichen mit einem Synology oder QNAP o.ä. .. Aber: Die WEB Frontends der NAS Server werden immer komfortabler und sind lange raus aus der Ecke in der man so einen Dateiverzeichnisserver nur nach absolvieren eines Semesters IT an der UNI bedienen kann. Und QNAP zum Beispiel verwendet ein Linux System und wenn ich das Ding in meinem Heimnetzwerk nur mit den Diensten ausrüste die ich nutzen möchte kommt da auch niemand dran. Ich glaube dennoch das sich diese Geräte am Markt halten können, da es viele Menschen gibt die eine schöne Optik, Verarbeitung und tolle Werbung mit vielen Bunten Bildern viel geiler finden als Performance :)

Dirk

29.11.2014

@Thomas: Deine Aussage hinsichtlich Redundanz ist leider unvollständig. Der Maya hat keine Plattenredundanz, die beiden größeren Kisten haben RAID 1 bzw. 5.
Eine externe Datensicherung (Backup) sollte natürlich nicht fehlen. Die Möglichkeiten sind vielfältig und hängen vom gewünschten Grad der Risikoabsicherung ab.
@Felix(Protonet): Welches Backupkonzept bietet ihr den Nicht IT-affinen Nutzern denn an?

Den Mehrwert in der Kiste bzw. dem Konzept sehe ich tatsächlich in der Collaborationsfähigkeit, die ich in der Ausprägung bisher nicht gesehen habe und die ein NAS überhaupt nicht hat. Leider ist mir die Kiste für den Hausgebrauch zu teuer.