Innovation

"Weg mit dem Scheinwissen!"

Wie die „Good School“ Menschen und Unternehmen dabei hilft, frisch und innovativ zu denken – selbst über scheinbar längst bekannte Dinge.

Von Maria Huber

Mitten im hippen Hamburger Schanzenviertel in einem unscheinbaren Haus im ersten Stock wohnt die Innovation. Dort hingebracht hat sie Simone Ashoff. Sie hatte jahrelang in Werbeagenturen gearbeitet, bis sie sich 2009 selbständig machte, mit einer auf den ersten Blick eher kuriosen Idee: Als es das Internet schon rund 16 Jahre gab, überlegte sie sich, es den Menschen näher zu bringen. Im Gespräch mit XING spielraum erklärt Ashoff, warum es mit ihrer „Good School“ trotzdem klappte, warum man für Innovation sehr oft die Festplatte im Kopf löschen muss – und wie ein sprechender Serviettenhalter dabei hilft.

Frau Ashoff, im Jahr 2009 bewegte sich schon jeder im Internet, wie kamen Sie nur auf die Idee, es sei vielversprechend, es den Menschen jetzt erklären zu wollen?

"Good School"-Leiterin Simone Ashoff

„Good School“-Leiterin Simone Ashoff

Simone Ashoff: Ja, es gibt es das Internet nun schon so lange, wir müssten alle richtige Füchse darin sein. Tatsache ist: Wir sind es nicht. Offenbar können sich die Menschen das Internet nicht selber beibringen und der Paradigmenwechsel erledigt sich nicht ganz elegant von selber. Also habe ich eine Schule gegründet und Lernevents angeboten, die Unternehmen, Chefs und Führungskräften das Internet anfassbar machen und erklären.

Ist das gerade das Innovative? Dass man denkt, dass das zu naheliegend wäre, und es dann lässt?

Ashoff: Wir haben alle ein enormes Scheinwissen, also Dinge im Kopf, die wir meinen zu wissen. Auf innovative Ideen kommt man nur, wenn man sich komplett frei davon macht, bereit ist, alles, was man annimmt zu wissen, radikal über Bord zu werfen und alles zu hinterfragen, was scheinbar richtig ist. Eben, wenn man nicht weiß. Nichtwissen ist das Wertvollste, was wir haben, denn auf der Grundlage kann das Neue entstehen.

Nichts zu wissen, macht also innovativ? Das ist aber eine steile These.

Ashoff: Aber sie ist gut. Scheinwissen verstellt uns den Weg. Nicht zu wissen, macht uns offen fürs Neue. Aber Scheinwissen aufzugeben, ist harte Arbeit. Wir müssen dann etwas verlernen. Wir müssen dann doch noch mal die Hand auf die Herdplatte zu legen, um zu fühlen, ob die wirklich heiß ist. Und wir müssen etwas aufgeben, dass wir uns mühsam angeeignet haben, mit dem wir Karriere gemacht haben, uns einen Ruf erarbeitet haben und Geld verdienen.

Wie schaffen sie es, dass die Teilnehmer in Ihrer Schule das trotzdem tun?

Ashoff: Da haben wir verschiedene Methoden. Bei uns geht es beispielsweise um das Internet of Things: Da packen wir einen viele Meter langen Tisch voll mit Technik und Bastelmaterial. Und dann sind die Schüler aufgefordert, damit interaktive Gegenstände zu basteln. Wenn der Workshop startet, schlägt uns pure Angst entgegen. Die sich im Laufe der Zeit in Freude und sogar Begeisterung auflöst. Denn plötzlich lernen die Teilnehmer, wie einfach es ist zu programmieren, wie viel Spaß es macht zu löten und elektronische Verbindungen zu stecken. Und basteln verrückte Prototypen. Da kommen dann Sachen raus wie twitternde Handpuppen, interaktive Vogelhäuschen und Serviettenhalter, die mit einem Geräusch-Sensor Gesprächspausen registrieren, und daraufhin aktuelle Tweets aus aller Welt ausspucken, damit das Gespräch weitergehen kann.
Unsere Workshops sind so konzipiert, dass, wenn alles gut geht, unsere Schüler sich in etwas verlieben, vor dem sie vorher Angst hatten, und dann kreativ und motiviert mit dem neuen Thema, der Innovation, dem neuen Wissen weitermachen.

Also Charts, Tabellen und Analysen sollten wir wegwerfen, wenn wir kreativ sein wollen?

Ashoff: Das Problem mit all den Charts, Tabellen und Zahlen ist, dass man sie nicht lieb haben kann. Sie sind richtig und wahr, aber nicht emotional erfahrbar. Man kann darauf keine Lust bekommen. Darum hilft es meistens nicht, jemanden zu einer Haltungsänderung zu bewegen, wenn man ihm kompliziert-korrekte Charts zeigt. Es hilft hingegen sehr, wenn man ihm Spaß mit etwas Neuem macht, ihn motiviert, damit herumzuspielen, zu experimentieren, kreativ damit zu werden.

Wie schaffen Sie es selber, sich ins Nichtwissen zu begeben?

Ashoff: Weil wir Menschen sind, tappen wir alle andauernd in diese Komfortfalle des Scheinwissens. Es ist ungeheuer bequem zu wissen, wie die Welt funktioniert und nichts zu hinterfragen. Und da unser Gehirn ein Effizienzer ist und Energie sparen möchte, leben wir bequem und hinterfragen möglichst wenig, weil da Aufwand lauert. Wir müssen uns immer wieder motivieren, zu fragen, warum etwas ist, wie es ist und warum etwas nicht anders gehen sollte. Oder warum etwas gar nicht gehen sollte. Wir können uns nur, wenn wir uns diese Fragen stellen, vorwärts bewegen. Und smarter sein als die Anderen.
Ich weiß, dass ich wie alle anderen, diese eingebaute Sperre gegen das Neue, gegen die Anstrengung, gegen die Veränderung habe. Diese Sperre ist mir ganz bewusst – was die einzige Möglichkeit ist, sie immer wieder zu durchbrechen. Den Chefs und Führungskräften, die zu uns kommen und mit denen wir arbeiten, lernen diese – ihre – Sperre auch kennen und lernen sie auszutricksen. Und werden zu kreativen, digitalen Innovatoren.

Steckt darin aber nicht auch Risiko? Sollte man nicht einfach konzentriert und diszipliniert weiterarbeiten, wie man es kennt, um was zu bewegen?

Ashoff: Ja, im Neuen steckt immer auch viel Risiko. Man weiß ja nie, was dabei rauskommt. Man kann viel Geld und Zeit verlieren, man kann viele Fehler machen. Deswegen macht man alles besser so, wie man es kennt und weiß – absolut korrekt „corporate“. Aber je mutiger man ist, desto mehr Chance auf Erfolg hat man und aus Fehlern lernt man. So einfach ist es ja dann doch. Die Logik und Haltung des „Voranscheiterns“ hingegen muss in vielen Unternehmenskulturen erst noch erlernt werden.

10 Kommentare

Ulrike Zecher Emotionsberatung

17.11.2014

Der Artikel macht wirklich Lust, Neues zu lernen und auszuprobieren. –
Kreatives Geschäftsmodell!

Martin W. Ettwig

18.11.2014

Sehr interessant um nicht zu sagen, genial! – es ist wünschenswert eine Firmenkultur des „Voranscheiterns“ vorfinden zu können.
Wäre dies nicht auch ein Grund Quereinsteiger einzustellen, die nicht die formalen Qualifikationen vorweisen können?

Ben

18.11.2014

Sehr cooler Beitrag!

„Es ist ungeheuer bequem zu wissen, wie die Welt funktioniert und nichts zu hinterfragen. Und da unser Gehirn ein Effizienzer ist und Energie sparen möchte, leben wir bequem und hinterfragen möglichst wenig, weil da Aufwand lauert. Wir müssen uns immer wieder motivieren, zu fragen, warum etwas ist, wie es ist und warum etwas nicht anders gehen sollte. Oder warum etwas gar nicht gehen sollte. Wir können uns nur, wenn wir uns diese Fragen stellen, vorwärts bewegen. Und smarter sein als die Anderen.“

Nur so kann es gehen und nur so geht es vorwärts!

Weiter machen.

Gabriele Bauer

18.11.2014

Toller Artikel, absolut motivierend,vielen Dank dafür.
Ständiger Fortschritt & Leistungsdruck,sind Herausforderungen die uns permanent begleiten,
es sollte mehr kreative tolle Ideen wie diese geben für mehr Balance in der Arbeitswelt.

Chr. Weiner

18.11.2014

Kann ich M.E. Ettwig nur zustimmen! Außersem sollte viele unserer Politiker dazu verdonnert werden, einen Kurs bei Frau Ashoff zu belegen -auf eigene Kosten natürlich!

Martin Pfeiffer

18.11.2014

„Quereinsteigen tut Not“, denn leider ist es viel zu oft so, dass der erlernte Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann. Welche Gründe es auch immer geben mag (es gibt auch positive), wer nicht bereit ist, ins kalte Wasser zu springen und sich auf etwas gänzlich Neues einzustellen, der wird über kurz oder lang auf der Strecke bleiben.
Manche meinen, der stete Wechsel wäre arbeitspolitisch so gewollt, schade finde ich es aber, wenn ich dann sehe, mit wie viel Energie ein hochwertiger Schulabschluss angepeilt wird um letztendlich eine Anstellung als Lehrling zu erhalten, in der Hoffnung, nach 3 Jahren vielleicht übernommen zu werden.
Den jungen Menschen, die dann noch mit Lust und Laune einen Neuanfang wagen, wünsche ich alles Gute und von ganzem Herzen viel Erfolg.

Irena

19.11.2014

Wunderbar : ) Danke Simone ; )

Chelita Angela Pawelski

19.11.2014

Was für eine Freude, das hier lesen zu dürfen. Ich bin ein absoluter „Quereinsteiger“ und meine Erfahrungen sind genau diese, wie hier beschrieben. Ich kann nur sagen, es ist wirklich erstaunlich, was man alles auf die Beine stellen kann, wenn die Lust, Begeisterung und das Interesse da sind und vor allem man die Chance bekommt, quer einsteigen zu dürfen (ohne die formalen Qualifikationen). Und mehr noch: zur Verwunderung meiner bisherigen Kollegen oder Chefs haben sogar meine (oft ganz simplen) Fragen nicht nur einmal zu entscheidenden Ergebnissen oder Ideen geführt, besser noch: unbewusst sogar auch mal kleinere nicht ganz unbedeutende Fehler aufgedeckt, die durch die „angewachsenen Scheuklappen“ der Fachleute schnell mal übersehen wurden.

monika kreutz

19.11.2014

Gratulation!!
Es erfordert Mut und Willenskraft eingetretene Pfade zu verlassen

Karl-Reiner Schmidt

20.11.2014

Ich war drei Jahre bei D. D. als Unternehmensberater angestellt. Mein großer Vorteil war immer das Nichtwissen. Aber auch bei allen anderen beruflichen Aktivitäten war ich als Quereinsteiger im Vorteil. Mein erstes Buch hatte den Titel: Wie eine Kuh, die rechnen soll. Das war der Stoßseufzer eines Kollegen von 56 Jahren: „Du hast Gedankenverbindungen, wie eine Kuh die rechnen soll!“