Innovation

Die Meisterin der sprechenden Bilder

Statt langweiliger Protokolle fasst Anna Lena Schiller Meetings und Vorträge mit „Graphic Recording“ in bunten Zeichnungen zusammen 

Von Maria Huber

Wenn Anna Lena Schiller zu Konferenzen reist, malt sie Bilder. Nicht, weil sie im Publikum sitzt und sich langweilt – es ist ihr Beruf. In Echtzeit skizziert sie während Vorträgen und Diskussionen komplizierte Zusammenhänge – mit Papier und Buntstift, in Kreisen, Bildern, Wörtern und Pfeilen. Damit ist sie überaus erfolgreich und wird für dieses „Graphic Recording“ von großen Unternehmen überall auf der Welt gebucht.

Wenn sie nicht im Flieger nach Brüssel oder im Zug nach Berlin sitzt, arbeitet Anna Lena Schiller in ihrem Büro in Hamburg. Zusammen mit anderen Kreativunternehmen sitzt sie im Schanzenviertel. Wenn die 34-Jährige von ihrer Arbeit erzählt, malt sie mit einem dicken schwarzen Filzstift in ein Notizbuch, Seite um Seite, Pfeile, Kreise, Wörter, so strukturiert sie, was sie erzählt. Dabei war das nicht immer so: „Ich konnte überhaupt nicht zeichnen, das musste ich mir erst aneignen, wie eine Sprache“, sagt sie. Denn ins „Graphic Recording“ ist sie völlig zufällig hineingerutscht: Vor fünf Jahren, sie war gerade mit ihrem Studium an der KaosPilot-Universität in Dänemark, einer Kreativschule, fertig, wurde sie angefragt – sie sollte live über die Konferenz einer Stiftung der Deutschen Bank bloggen. „Ich kam da an und war der 15. Blogger, da dachte ich, das liest sowieso keiner, ich zeichne das einfach“.

"Graphic-Recording"-Kreative Anna Lena Schiller: "Ich zeichne das einfach."

„Graphic-Recording“-Kreative Anna Lena Schiller: „Ich zeichne das einfach.“

Die Begeisterung war groß, schnell folgten neue Aufträge. „Das sprach sich einfach rum, ich musste nie Werbung machen, heute habe ich ein Büro, zwei Angestellte, gebe mein Wissen in Trainings weiter“, sagt Anna Lena Schiller. Dabei macht sie große Augen, sie ist selbst überrascht, wie sich alles ergeben hat und dass sie einen Job hat, der sie so fasziniert. „Dabei bin ich völlig talentfrei aufgewachsen, ich war ein Kind, das die Stifte geordnet hat, statt zu malen “, sagt sie. Allein das strukturierte Denken habe sie schon immer gekonnt, das Zuhören hat sie bei ihrem ersten Studium – Musikwissenschaften – gelernt. „Ich brachte mir dann einfach das Denken in Bildern bei, ein visuelles Vokabular, denn das ist nicht anders, als in jeder Sprache, die man lernt: Erst kann man wenige Wörter und dann kommen immer mehr dazu.“

Mittlerweile ist sie Profi, große Unternehmen wie Ikea, Volkswagen und Google, aber auch die SOS-Kinderdörfer oder die SPD buchen sie. Während die Redner dann ihre Vorträge halten oder auf dem Podium die Diskussion läuft, bewaffnet sie sich mit bunten Stiften und skizziert auf oft meterlangen Papierwänden in Echtzeit, was gesprochen wird. Bilder, Wörter, Formen und Pfeile setzt sie so ein, dass am Ende komplizierte Zusammenhänge einfach im Bild zu erfassen sind. „Für die Leute ist es auch immer ein schöner Bruch zum Digitalen, da arbeitet jemand mit Stift und Papier, das hat etwas schönes Analoges und Haptisches.

Während Anna Lena Schiller dazu da ist, Kompliziertes zu vereinfachen, ist die Arbeit selbst oft mehr als knifflig. „Ich habe ja immer einen Zwischenspeicher von zwei bis drei Minuten – da muss ich das, was gesagt wurde, in Linien, Bilder und Wörter umwandeln und bin in meinem ‚Mal-Hör-Tunnel‘ – wenn mich da dann jemand anspricht, wird’s schwierig.“ Man müsse non-stop konzentriert sein, zuhören, strukturieren, sich fragen: Was nutze ich, was schmeiße ich weg? „Es ist ja auch kein klassisches Protokoll, da darf auch Humor rein, ein lustiges Zitat, bei dem alle lachten, ein Witz, kleine peinliche Momente zwischen dem CEO und dem CFO.“ Besonders schön sei es zu sehen, wenn die Leute sich in den Zeichnungen wiederfinden „und feststellen, dass sie Teil eines Ganzen sind.“

Und wenn der Vortrag zu Ende geht und noch viel Papier weiß ist? „Da fängt man eben an, zu bluffen, die Zeichnung vom iPhone fällt eben dann etwas großer aus“, sagt sie und lächelt. Pro Stunde Workshop oder Konferenz entsteht durchschnittlich ein Quadratmeter Visualisierung, bei einem klassischen Meeting von 9-18 Uhr können da schon einmal neun Quadratmeter herauskommen. „Nach fünf Tagen Konferenz bin ich dann auch hirntot, da kann ich nichts mehr sehen, sagen und hören“, sagt Schiller. Denn manchmal ist das Verstehen der Redner die wahre Herausforderung: „Mit dem Englisch von Spaniern und Indern tue ich mich schwer, auch Schweizerdeutsch ist tricky.“ Doch auch inhaltlich unterscheiden sich die Redner stark, Schiller hat sie für sich schon in verschiedene Kategorien eingeteilt: „Da gibt es die Geschichtenerzähler, die Listenvorleser oder die ganz großen Unternehmensphilosophen mit ihren Schiffen im Sturm.“  Doch am Ende hat sie noch jedes Meeting in ein Bild gebannt, zurück in Hamburg wird es dann digital aufbereitet. Nur an der endgültigen Lösung einer einzigen kreativen Aufgabe ist Anna Lena Schiller bislang gescheitert: „Ich weiß nie, was ich auf meine Visitenkarte schreiben soll: Einmal war ich schon bei ‚Head of Visual Sense-Making‘.“

Anna Lena Schiller auf XING

Web: http://annalenaschiller.com/

(Startfoto by Jonas Fischer www.jonas-fischer.com/)

10 Kommentare

Markus

20.11.2014

cool

Erika

20.11.2014

Eine großartige Idee. Vor allem für visuelle Menschen eine wunderbare Abwechslung um Abläufe und Strukturen besser zu verstehen. Viel Erfolg weiterhin. Schöne Grüße aus Österreich.

Paul H. Tontur

20.11.2014

Danke und Lob zum grossartigen Presseartikel über unsere werte Kollegin aus Deutschland. Auch Österreicher schaffen ähnliches und wir brauchen unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen – besucht doch http://www.graphic-recording.at und überzeugt Euch selbst.
Herzliche Grüße
Paul H. Tontur

Dagmar Kilic

20.11.2014

Super! Als Coach und Trainerin liebe ich diese Art der „Protokollierung“… Hut ab vor der Perfektionierung der Visualisierungstechniken! Ich würd’s gerne besser können und hab auch schon mal nach „visual facilitating-Kursen“ geschaut…Viel Erfolg weiterhin!

Hans-Georg

20.11.2014

Toll! Ich stelle mir vor, wie Sie bei einem besonders langweiligen Vortrag/Redner eine Weile lang nichts zeichnen und statt dessen gelangweilt das Gesicht verziehen. Das gibt sicher einen ordentlichen Publikumslacher – ab jetzt achten alle nur noch auf Sie ;-)
Oder, ernsthafter formuliert: Gleichzeitig Protokoll und Feedback. Das würde ich gern einmal miterleben!

Maggie

20.11.2014

Sogar seit ca. 10 Jahren in Deutschland damit auf dem Markt und ebenfalls äußerst erfolgreich: Dr. Stephan Ulrich.
„Menschen grafisch visualisieren“, bei Junfermann, ein echtes Standardwerk zu diesem Thema.

Gabriele Kühmichel

20.11.2014

Bewundernswert diese Fähigkeit und wunderbar und dieser Job.

Werner Reiböck

20.11.2014

Ich kenne den wahrhaftigen „Meister“ der sprechenden Bilder……
http://www.renker.at

Lieben Gruß aus Österreich
Werner

Daniel L. Ambühl

21.11.2014

Sehr geehrte Frau Schiller
Leider nichts Neues, vor allem in „sprachlochen Kreisen. Es ist aber vielmehr ein Problem mit rechtlich verbindlichen Protokollsituationen, wo nur das Wort und nicht das Bild gilt. Aber wahrscheinlich lernt man oder frau das heute in der der Schule nicht mehr, und das zu Gunsten eines postmodernen „anything goes“.
Daniel L. Ambühl
Präsident des SVIK und des FEIEA Council
3011 Bern

Dirk Beyer

13.10.2015

Ich möchte mich dem Kommentar von Gabriele anschliessen: das ist etwas wunderbares. Ich habe diese „bunten Zeichnungen“ das erste Mal im Zusammenhang von Stammzellen-Meetings via youtube gesehen. Dort wurde das Ganze mit Spritzen und Augenlinsen einem veranschaulicht. Das konnte man wenigstens verstehen.
Es ist toll, dass die Autorin sich selber nicht so ernst nimmt und vom talentfreien Aufwachsen erzählt und sich nun diese Visualisierungstechnik angeeignet hat. Viel Spass weiterhin.