Neue Führung

Interview: Auch Alpha-Typen dürfen weinen

Moderne Führungskräfte sollen mehr Emotionen zeigen. Aber nicht bei jeder Gelegenheit.

Von Maria Huber

Große Manager weinen nicht. Oder doch? Weil Führungskräfte auch nur Menschen sind, können ihnen Stress, Trauerfälle oder Rührung auch mal die Tränen in die Augen treiben. Doch was dann? Laufen lassen und auch mal Schwäche zeigen? Oder lieber zusammenreißen und die toughe Frau oder den starken Mann markieren?  Dr. Joerg-Peter Schroeder ist Arzt, Burnout-Experte – aber vor allem Führungscoach, der sich mit den Themen Stress und Gesundheit bei Führungskräften auseinandersetzt. Er erklärt im spielraum-Interview, wann man Tränen zeigen darf und wie man es schafft, nicht aus Stress vor versammelter Mannschaft in Heulkrämpfe zu verfallen.

Herr Schröder, dürfen toughe Alpha-Typen weinen?

Führungskräfte-Coach Joerg-Peter Schroeder:  "Gefühle sind der soziale Klebstoff" (Foto:  Zübeyde Kopp)

Führungskräfte-Coach Joerg-Peter Schroeder: „Gefühle sind der soziale Klebstoff“ (Foto: Zübeyde Kopp)

Joerg-Peter Schroeder: Zunächst ist das Weinen ja eine Reaktion des Körpers, eine Form von Kommunikation und auch sozialer Interaktion. Also: Ja, natürlich dürfen sie weinen. Es kommt nur total auf den Grund und die Art des Weinens an. Wer völlig ausgebrannt ist, und vor den Mitarbeitern einen Heulkrampf bekommt, muss damit leben, dass das Schwäche signalisiert. Aber mehr noch: Es führt zu totaler Unsicherheit bei den Mitarbeitern. Ein Chef, der nicht souverän ist, kann nicht führen. Tränen können aber in anderem Zusammenhang auch etwas sehr Souveränes haben.

Fällt Ihnen da ein Beispiel ein?

Schroeder: Ja, ich habe einmal einen Workshop bei einer Firma durchgeführt. Alle Mitarbeiter waren da, sprachen Probleme und aktuelle Erfahrungen an. Dann war der Chef an der Reihe, er war zu Tränen gerührt, konnte nichts sagen, nur: „Ich bin so froh, dass ihr alle da seid.“ Die Mitarbeiter forderten mich auf, weiterzumachen, aber ich sagte: „Das lassen wir jetzt mal kurz einfach so stehen, dass Sie gerührt sind.“ Das tat allen gut, das ist wirklich echte soziale Interaktion. Führung ist nicht nur ein Schneller- Höher-Weiter mit starrer Maske. Auch das kann Führung sein.

Ok, also Tränen der Rührung: Ja, Heulkrampf: Nein. Wie unterdrücke ich den Weinanfall, falls er mich doch packt?

Schroeder: In der Situation? Kann man wenig machen. Da muss man viel früher ansetzen, dass es nicht so weit kommt. Ich muss mir bewusst machen, in welchen Situationen ich überfordert bin und daraus etwas ableiten. Was sind die roten Knöpfe, die jemand drückt, wo habe ich eine kurze Zündschnur? Das muss man sich ganz ehrlich anschauen, überlegen, wie man anders reagieren kann, wie man so gut für sich sorgt, dass man an diese Grenzen gar nicht erst kommt.

Es gibt aber auch plötzliche traurige Ereignisse im Leben, darauf kann man sich ja nicht vorbereiten. Was, wenn dann im Meeting die Tränen kommen?

Schroeder: Das ist völlig ok, das darf man auch zulassen. Damit die Mitarbeiter aber nicht plötzlich mit der Schwäche des Chefs konfrontiert sind, sollte man sie vorbereiten: „Ich bin heute mit dem Kopf und meinen Gefühlen wo anders, es gab einen Trauerfall in der Familie und ich bin heute nah am Wasser gebaut.“ Das zeugt von Souveränität und die Mitarbeiter wissen, dass das Verhalten des Chefs nichts mit ihnen zu tun hat. Es ist sogar höchst menschlich, denn es geht am Ende ja nicht darum, dass wir in Excel-Charts reinpassen. Deswegen müssen wir nicht gleich heulen, weil wir heute nicht über den Zebrastreifen gekommen sind. Aber im Ernst: So eine Situation kann auch zusammenschweißen.

Inwiefern?

Schroeder: Gefühle sind der soziale Klebstoff. Wenn man etwas gemeinsam hat, schweißt das das Team unglaublich zusammen. Wenn der Chef eine Träne vergießt, weil seine alte demente Mutter ins Heim musste, fühlen alle Mitarbeiter mit, die auch alte Eltern haben. Das macht menschlich und zeigt, dass die Mitarbeiter wichtig genug sind, das zu erfahren. Führung bedeutet ja auch Sinnhaftigkeit, man muss ja auch mit den Leuten reden und nicht sagen: „Wir gehen jetzt links rum, aber ich sag euch nicht warum.“

Eine letzte Frage: Frauen wird oft gepredigt, sich männlich zu geben, um Erfolg zu haben. Dürfen sie noch viel weniger weinen als Männer?

Schroeder: Es geht gar nicht um die Unterscheidung Mann und Frau, sondern um die Unterscheidung, ob jemand eher analytisch oder eher wertegeleitet funktioniert. Menschen aus der zweiten Kategorie legen viel Wert auf Harmonie, gute Kultur, gutes Klima – und zeigen eben auch mehr Emotionen. Nur die Erziehung suggeriert uns: „Große Jungs weinen nicht.“ Es ist auch für Männer völlig ok, wie Wut und Freude offen zu zeigen. Frauen unterdrücken die Gefühle oft und überziehen sich mit männlicher Dominanz. Sie tragen eine Maske und sind dadurch von vornherein schon „außer sich“, entfernt von sich selbst. Je authentischer, desto erfolgreicher – selbst wenn dabei mal eine Träne fließt.


Joerg-Peter Schroeder auf XING

4 Kommentare

sophie polier

09.10.2014

Eine Frage : sollte Führungskraft bei dem Tag vielleicht doch Telefonleitung verlegen und mit Privat weg von Büro verbleiben ?

Ronald Hofmann

15.10.2014

Ein typischer Frauenartikel über Männer. Allein die Tatsache, dass Frauen bei jeder denkbaren Gegelegenheit anfangen zu flennen heisst noch lange nicht, dass gestandene Manager sich vor versammelter Belegeschaft als Heulsuse outen. Klar, auch Managaer sind Menschen und haben Gefühle. Man muss sie aber unter Kontrolle haben und nicht bei jeder Gelegenheit zur Schau stellen.

Maria Schmitz

15.10.2014

Ich häte gerne eine PDF-Datei hiervon
für meine Vorlesung.

Herzlichen Dank im voraus.

MfG

Maria Schmitz

Manuela Choudhry

16.10.2014

Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele. AUTHENTISCHE UND GLEICHZEITIG RESPEKTVOLLE KOMMUNIKATION vermittelt Sicherheit und fördert eine effektive, effiziente und harmonische Zusammenarbeit.