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Neue Führung

Demokratie bei Haufe-Umantis: Hier wird der Chef gewählt

Bei der Software-Firma Haufe-Umantis werden Führungskräfte von den Mitarbeitern gewählt und haben anschließend im Grunde nichts zu entscheiden. Warum das dennoch gut geht.

Von Peter Neitzsch

„Wahlkampf musste ich Gott sei Dank keinen machen“, sagt Markus Bolt, Programmier und Führungskraft bei der Haufe-Umantis AG. In der Softwarefirma, die zur Haufe-Gruppe gehört, werden die Leitungspositionen jedes Jahr neu vergeben: Immer im November wählen die 150 Mitarbeiter ihre Chefs. Im Prinzip kann sich jeder aus dem Team dafür bewerben. „Oft ist es so, dass die Kollegen an einen Mitarbeiter herantreten und fragen, ob er Interesse hat, die Aufgabe zu übernehmen.“ So war es auch bei Bolt.

Gewählte Haufe-Umantis-Führungskraft Bolt: "In meiner Arbeit bestärkt"

Gewählte Haufe-Umantis-Führungskraft Bolt: „In meiner Arbeit bestärkt“

In der Regel gibt es für einen Führungsjob mehr als einen Bewerber. „Man wird daher auch gefragt, was man machen möchte, wenn man nicht gewählt wird.“ In der Abteilung bleiben oder lieber wechseln? Bolt musste diese Entscheidung nicht treffen: Er wurde Chef – und im Jahr darauf wieder gewählt. „Die Wiederwahl hat mich in meiner Arbeit bestärkt“, sagt der Software-Ingenieur. Doch er sagt auch: „Wenn ich abgewählt werden sollte, wäre das in Ordnung.“

Hierarchische Strukturen sind überholt

Hat es ein gewählter Chef leichter oder fallen unangenehme Entscheidungen dann eher schwerer? „Das hängt vom Führungsstil ab“, sagt Bolt. „Ich habe von Anfang an gesagt: Ich mache das nur, wenn das Team hinter mir steht.“ Von seinen Mitarbeitern erwarte er ein ehrliches Feedback und sei im Gegenzug bereit, dasselbe zurückzugeben: „Ich würde mich nie verstellen, nur um wieder gewählt zu werden.“ Seitdem die neue Struktur eingeführt worden sei, habe nicht etwa die Konkurrenz, sondern die Solidarität im Büro zugenommen.

„Starre, hierarchische Strukturen sind überholt“, sagt Marc Stoffel, der CEO der Firma am Standort St. Gallen. Auch er wurde gewählt. Im Juni 2013 wurden die Mitarbeiter aufgerufen, einen Nachfolger für den Gründer und Geschäftsführer von Haufe-Umantis, Hermann Arnold, zu bestimmen, berichtet er. „Ich wurde vorgeschlagen und mit einer überwältigenden Mehrheit gewählt.“ Doch damit nicht genug: Im November sollten sich alle Führungskräfte des Unternehmens dem Votum der Mitarbeiter stellen.

25 Kandidaten bewarben sich auf 21 Stellen. „Elf Vorgesetzte wurden in ihrer Position bestätigt“, sagt Stoffel. Sieben Mitarbeiter wurden befördert, drei Stellen von extern besetzt und eine Führungskraft abgewählt. Die firmeninterne Demokratie habe sich seitdem bewährt, findet der gewählte CEO: „Wir erleben, was auch zahlreiche Studien zeigen, dass die Mitarbeiter einen aktiveren Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten können und wollen.“

Für Inhalte ist der Schwarm verantwortlich

Doch die Mitbestimmung reicht über die Wahl hinaus: „Wir beziehen seit vielen Jahren die komplette Mannschaft bei der Definition von Strategie und Geschäftsplan ein“, sagt Stoffel. Das betrifft auch die Finanz- und Personalplanung: „Es sind unsere Mitarbeiter, die nach Kandidaten suchen und dann die Einstellungsentscheidung treffen.“ Die Wahl des Führungspersonals war da nur konsequent: „Wenn die Mitarbeiter die Strategie festlegen und bestimmen, wer neu ins Team kommt, warum sollen sie dann nicht auch ihren Chef wählen?“

Gewählte Führungskräfte – für andere Firmen undenkbar, für Haufe-Umantis ging das noch nicht weit genug: „Anfangs war ich Teamleiter im Bereich Applikationsentwicklung, jetzt haben wir selbst organisierte Schwärme“, sagt Bolt. Feste Abteilungen wurden in einem Teil der Firma abgeschafft – der klassische Manager ebenfalls. Jeder Mitarbeiter entscheidet nun eigenständig, welches Projekt seine Energie am dringendsten braucht. Alle drei Monate formieren sich die Schwärme neu.

Swarming nennt sich das Organisationsmodell, das sich die mittelständische Firma verschrieben hat. „Ein Schwarm arbeitet in der Regel Projekt bezogen“, erläutert Bolt. Die rund 30 Mitarbeiter, die im Bereich Programmieren und Testen arbeiten, haben sich in vier bis fünf Schwärme eingeteilt. Die Verantwortung ist dabei auf mehrere Schultern verteilt: „Der Product-Owner übernimmt die Priorisierung von Anfragen, der Scrum-Master sorgt dafür das die Aufgaben reibungslos durchgeführt werden können.“

Und Bolt, der gewählte Teamleiter, wurde durch die Umstrukturierung zum „People Coach“. Was das bedeutet? „Ich habe weiter Personalverantwortung und bin Ansprechpartner für meine Mitarbeiter, aber die inhaltliche Verantwortung habe ich an den Schwarm abgegeben.“

6 Kommentare

Stefan Hackenthal, BGPO

14.10.2014

Sehr spannend. Ich kenne dieses Vorgehen aus der alternativen Bewegung. Selbstorganisiertes Arbeiten habe ich vor dreißig Jahren das erste Mal von innen kennen gelernt, bei der Arbeiterselbsthilfe in Mannheim – seitdem will ich keinen Chef mehr haben. Ich glaube auch, dass solche Firmen erheblich besser funktionieren und man als MitarbeiterIn glücklicher ist (was nicht bedeutet, dass es keinen Stress gibt).

Es ist schön zu sehen, dass diese alten Ideale auch in modernen Zeiten noch existieren.

Grüsse
Stefan Hackenthal

Richard

14.10.2014

„…und haben anschließend im Grunde nichts zu entscheiden.“ Ich lese das aus dem Text nicht heraus, sondern das genaue Gegenteil(??)

Stefan Maußer

14.10.2014

Sehr interessanter Beitrag! Demokratie in Unternehmen finde ich gut und kann die Freiheit insgesamt erweiteren. Außerdem kann sie Mitarbeiter sehr motivieren. Schon alleine an der Wahlbeteiligung müßte man ablesen können, wie motiviert und loyal die Mitarbeiter zum Unternehmen stehen! Offen bleibt allerdings, wie mit unangenehmen Themen und Entscheidungen umgegangen wird. Mich würde dabei interessieren, ob die wie in der Politik auch oft ausgessesen werden bzw. erst angefasst werden, wenn es sein musss?

Katrin Walter

14.10.2014

Swarming und Chef selbst wählen … interessanter Ansatz. In vielen Unternehmen, in denen nach alter Manier „regiert“ wird, würde eine Umstellung wohl kaum funktionieren. Wer würde dort wohl gewählt werden? Der „Charming Boy“ oder seine weibliche Variante, der/die nur rumschwafelt? Das geht wohl nur in ganz neuen Unternehmen, die es von Anfang an anders machen und wo es grundsätzlich Macher gibt und Leute, die Verantwortung übernehmen, und die sich nicht nur bewegen, wenn der Vorgesetzte es sagt.

kai jaervinen

14.10.2014

Ein gutes Beispiel wie ein „etwas anderer Führungsstil“ positive Ergebnisse zeigen kann. Bitte an „Los Amigos“ (Mittagsrunde) weiterleiten. Danke!

Rahm

18.10.2014

Intelligente Strukturen um Prozesse und Projekte zu lenken. Das swarming finde ich am Interessantesten, weil die Steuerung von Energien und Projekte oft nicht zielführend ist. Beim Thema Gruppenverantwortung vor Einzelverantwortung bei Konflikten und Problemen mit Mitarbeiter sehe ich kritisch. Da bräuchte ich noch mehr Infos, wie dort der Umgang gestaltet wird.

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