XING-Klartext: Black- statt Crackberry – smarter Feierabend bei VW

Der digitale Feierabend ist bei VW seit 2011 fest verankert. Smart funktionieren Diensthandys nur in der Zeit von 7.00 bis 18.15 Uhr. Im XING Klartext berichtet Betriebsrat Heinz-Joachim Thust über die positiven Erfahrungen und grüßt das politische Berlin.

Von Heinz-Joachim Thust

Smartphones sind der technische Kristallisationspunkt in der Debatte um ständige Erreichbarkeit in der Arbeitswelt und psychische Belastungen am Arbeitsplatz. In der Diskussion über krankmachenden Dauer-Stress und Überlastung im Job und die zunehmende Entgrenzung des Arbeitstages haben Smartphones geradezu symbolische Bedeutung.

Inzwischen ist die Begrenzung der E-Mail- und Anruf-Flut sogar zu einem regierungsoffiziellen Handlungsfeld aufgestiegen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel forderte angesichts der öffentlichen Diskussion jüngst ein „Recht auf Freizeit“. Arbeitsministerin Andrea Nahles hat sich für die zuvor von Gewerkschaften angestrebte Anti-Stress-Verordnung zu eigen gemacht und will schon im kommenden Jahr Kriterien dafür vorlegen. Sie alle wollen der Erreichbarkeit von Beschäftigten rund um die Uhr deutliche Grenzen setzen.

Lange vor dem Höhepunkt der gesellschaftlichen Diskussion über Burnout durch arbeitsbedingten Stress
und die Forderung nach einem „digitalen Feierabend“ vereinbarten bei Volkswagen Unternehmensseite und Betriebsrat auf dessen Initiative eine „Verfahrensregelung zur Vergabe von Smartphones“. Ausgangspunkt war die erstmalige, grundsätzliche Regelung des Gebrauchs von Firmenhandys im Jahre 2011.

Angesichts wachsender Angestelltenbereiche in der Wolfsburger Unternehmenszentrale, wie Marketing, Vertrieb, Finanz, IT und Rechtswesen wollte der Betriebsrat dieses Themenfeld keineswegs ungestaltet belassen. Die Betriebsvereinbarung und ihr Entstehungsprozess sind Teil der andauernden Bemühungen der Interessenvertretung um den bestmöglichen Schutz der Beschäftigten vor dem Phänomen „Arbeit ohne Ende“. Hierzu zählen ebenso die durchaus kontrovers geführte Debatte um einen erweiterten Gleitzeitrahmen, wie die Frage nach der Eingrenzung permanenter Arbeitsbereitschaft und der Erreichbarkeit durch Laptop und Handy außerhalb betrieblicher, tariflicher und gesetzlicher Arbeitszeiten.

Zum einen galt es im Vorfeld der Betriebsvereinbarung, das Management von der Notwendigkeit eines maßvollen Umgangs mit menschlichem Leistungsvermögen zu überzeugen. Zum anderen sahen sich die betrieblichen Interessenvertreter durchaus hier und da mit Beschäftigten konfrontiert für die der eingeschränkte Gebrauch elektronischer Arbeitshilfen (Handy, Laptop, Tablet-Computer) durchaus als unerwünschte Beschneidung der eigenen (Arbeits-)Freiheit wahrgenommen wird. Am Ende stand eine gleichermaßen verantwortungsbewusste wie maßvolle Regulierung der Nutzung von Smartphones.

Wie sieht die Regelung bei Volkswagen konkret aus?

Das dienstliche Smartphone wird grundsätzlich während der Anwesenheit im Betrieb genutzt. Außerhalb der Anwesenheit im Betrieb sind die Nutzungsmöglichkeiten eingeschränkt. Auf Smartphones können E-Mails nur in der Zeit von 7.00 Uhr bis 18.15 Uhr empfangen werden. Das ist jeweils eine halbe Stunde vor Beginn und nach Ende des Arbeitszeitkorridors. An Wochenenden ruht der E-Mail-Verkehr ebenfalls. Die Telefonfunktion ist davon nicht betroffen. Über besondere Einzelfälle, beispielsweise Auslandsaufenthalte mit anderen Zeitzonen, die durch diese Verfahrensregelung nicht ausreichend abgedeckt sind, werden Unternehmen und Betriebsrat einvernehmlich entscheiden.

Die Smartphone-Regelung bei Volkswagen beinhaltet eine technische Lösung, die den E-Mail-Verkehr in den definierten Zeitfenstern tatsächlich unterbindet. Damit unterscheidet sich unsere Regelung von anderen ähnlichen Ansätzen. Die Regelung setzt nicht am persönlichen Verhalten weder des Vorgesetzten noch des Beschäftigten selbst an. Sie geht über mehr oder weniger verbindliche, betriebliche Leitlinien hinaus. Und einen Abwesenheitsassistenten kann jede/jeder schließlich selbst aktivieren.

Inzwischen nutzen mehr als 5.000 Tarif-Beschäftigte bei der Volkswagen AG ihr dienstliches Smartphone mit dieser Regelung. Sie ist seit 2011 als selbstverständlicher Teil der Volkswagen-Welt akzeptiert und praktiziert. Die Smartphone-Regelung bei Volkswagen fügt sich reibungslos in die Kommunikations- und Arbeitswelt des global agieren Unternehmens mit weltweit 106 Produktionsstätten ein.

Mit der Smartphone-Regelung liegt bei Volkswagen eine praktische Lösung vor. Sie ist aber zugleich Ausgangspunkt für einen behutsamen Kulturwandel. Die Smartphone-Vereinbarung ist ein deutliches Signal, den Feierabend und die Freizeit zu respektieren. Auch in Zeiten wachsender Bedeutung mobiler Kommunikationsmittel ist die unverzichtbare Trennung von Arbeit und Freizeit aufrechtzuerhalten. Die Praxis zeigt, dass beides möglich ist: der Schutz der Beschäftigten und die Wahrung ihrer Autonomieansprüche in der individuellen Arbeitsgestaltung.

Als erste ihrer Art ist die Vereinbarung auch ein Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung über die Gefahr ständiger Erreichbarkeit und unkontrollierten Arbeitsdruck. Zugleich wirkt sie als Gradmesser für die Frage, wie viel Stressminimierung in der Arbeit in Deutschland einerseits möglich, andererseits tatsächlich erwünscht ist.


 

Klartext_0909_hans-joachim thust_volkswagen_finalÜber den Autor:

Heinz-Joachim Thust ist Mitglied des Betriebsrates bei Volkswagen in Wolfsburg und Mitglied des Gesamtbetriebsrates der Volkswagen AG. Er ist u.a. Betriebsratskoordinator u.a. für die Bereiche IT, Finanz, Marketing und Vertrieb und Vorsitzender des Ausschusses für IT-Systeme und Datensicherheit.
Und er ist selbstverständlich Fan des VfL Wolfsburg.


Unsere Klartext-Themenwoche bietet Ihnen bis zum 12. September jeden Tag einen neuen Experten-Beitrag.

Donnerstag 4. September 2014

„Auf dem Weg in neue Dimensionen – dmexco 2014“

Von Christian Muche und Frank Schneider (Macher der Digitalmesse dmexco)

Freitag 5. September 2014

„Leben in der digitalen Welt  – ein Ausblick“

Von Tahssin Asfour (Startup-Experte und Berater)

Montag 8. September 2014

„Die Abschaffung der E-Mail!“

Von Stefan Pieper (Unternehmenssprecher Atos)

Dienstag 9. September

„Black- statt „Crackberry“ – die Smartphone-Regelung bei Volkswagen“

Von Heinz-Joachim Thust (Betriebsrat Volkswagen)

Mittwoch 10. September

„Raus aus der Dringlichkeitsfalle – fünf wertvolle Tipps zum digitalen Überleben!“

Von Prof. Lothar Seiwert (Bestsellerautor und Coach)

Donnerstag 11. September

„Disruption – nächster Halt Finanzindustrie“

Von Philipp Westermeyer (Serial Entrepreneur und Online Marketing Rockstar)

Freitag 12. September

„Holt die Gadgets in die Schule!“

Von Ralf Appelt und Christina Schwalbe (Universität Hamburg)

6 Kommentare

Mathias Neubrand

09.09.2014

Ich finde, dass die Einführung eines Zeitkorrdores zur dienstlichen Nutzung von Smartphones bei Volkswagen eine Vorbildfunktion ist. Hieran sollten sich mehr Arbeitgeber orientieren, um Mitarbeitern „Freizeit“ zu schaffen.

Holger Lietz

09.09.2014

Ich denke, die Maßnahme von VW ist lobenswert. Es stellt sich mir aber die Frage: Wird dadurch auch die E-Mail-Flut eingedämmt oder erwarten die Mitarbeiter, die einen „digitalen Feierabend haben“, am nächsten Morgen alle die E-Mails, die andere VW-Kollegen fröhlich am Abend versenden? Ich vermute, das E-Mail-Aufkommen wird nur verschoben, die E-Mail-Sintflut aber nicht gestoppt. Siehe dazu http://www.holger-lietz.de/manager-fangen-am-donnerstagmittag-an-zu-arbeiten/

Markus Biehl

09.09.2014

Diese Zwangsregelungen bei VW oder auch bei Daimler sind grundsätzlilch ein falsches Signal und zeigen nur, dass immer mehr Menschen ihre Arbeit nur als Nebensache sehen, die sie strikt getrennt haben wollen von ihrem sog. Privsatleben. Das wird zwar keiner zugeben, aber defacto wird es so sein. Unter dem Mantel sozialer Verantwortung wird hier ein kollektiver Teil-Entzug freier Entscheidungshoheit des Arbeitnehmers realisiert. Es sollte wirklich zu denken geben, wenn man mittlerweile schon Regelungen braucht, wann man außerhalb einer Kernarbeitszeit angerufen werden darf und wann nicht. Ein mündiger und verantwortugsvoller Mitarbeiter sollte in der Lage sein dies selbst zu entscheiden. Das gleiche gilt für den zeitlich limitierten Versand von Mails bei Volkswagen. Auch das ist in meinen Augen eher als Entzug der Entscheidungsfreiheit des Mitarbeiters zu werten denn als soziale Errungenschaft und berücksichtigt z.B. nicht, dass es Mitarbeiter gibt, die eher sog. „Nachtmenschen“ sind und daher bis spät in der Nacht arbeiten und morgens später anfangen.

Externer

09.09.2014

Sehr lobenswert und wird sicher funktionieren. Schliesslich machen die eigentliche Arbeit ja eh die Externen, weil sich sonst die Projekte mit ihrem hohem Zeitdruck nicht verwirklichen lassen. Wieder ein Schritt mehr auf dem Weg zur 3.Klassen-Gesellschaft.

Live At Work

12.09.2014

Die Trennung der Arbeit von der Freizeit ist doch der falsche Ansatz!

Vielmehr geht es um eine sinnvolle Integration der Arbeit in das individuelle Lebensumfeld mit seinen Herausforderungen und Rahmenbedingungen (Famile, Persönliches, Interessen). Wie berücksichtigt VW die Arbeitnehmer, die nicht um 7.00 E-Mails lesen können, die aber aufgrund der persönlichen Lebenslage (z.B. Kind zur Kita bringen) viele eher abends nach 18.00 bearbeiten können und das auch so wollen?

Hier wird aus dem „Schutz“ wie im Artikel genannt) eher eine ungewollte Einschränkung des Arbeitnehmers.

stefan schneider

13.09.2014

Hallo zusammen,
Wie so oft in unserer Arbeitswelt bzw. In unserer Gesellschaft wird hier nur eine Lösung genutzt die ein Symptom bekämpft anstatt ein Problem an der Wurzel zu lösen. Die Wurzel ist doch die versaute Erwartungshaltung unserer Zeit auf emails sofort reagieren zu müssen und klingende Telefone immer abnehmen zu müssen. Lösen lässt sich dies nur in der Unternehmskultur und im Umgang der Menschen miteinander. Und das ist übrigens gar nicht so schwer.
ÜBRIGENS: diesen Kommentar habe ich am Samstag früh über mein Geschäfthandy geschrieben und es war meine freie Entscheidung dies zu tun.