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Arbeit & Sinn

"Arbeit darf nicht alles andere verdrängen"

Die Sinnforscherin Tatjana Schnell untersucht, wie Menschen in ihrem Beruf Erfüllung finden können  – und wie wichtig es dabei ist, Arbeit auch einmal links liegen zu lassen.

Frau Professorin Schnell, wie wichtig ist eine sinnvolle Arbeit für den Menschen?

Tatjana Schnell: Prinzipiell ist es für jeden Menschen kritisch, langfristig etwas zu tun, dessen Sinn er oder sie nicht sieht. Doch nicht jede Arbeit muss persönlich sinnerfüllend sein. Zwischen sinnloser Arbeit und Arbeit als zentraler Sinnquelle gibt es natürlich Zwischenstufen. Wenn mir etwas sinnlos erscheint, ist es frustrierend und zermürbend, mich dafür auch noch anzustrengen. Allerdings gibt es viele Menschen, die zwar den Sinn ihrer Arbeit sehen, aber darin nicht ihre persönliche Erfüllung finden – oder auch nur suchen. Das heißt also: eine persönlich als sinnlos wahrgenommene Arbeit ist gefährlich, für Arbeitnehmende genauso wie für Arbeitgebende. Eine als mehr oder weniger sinnvoll erlebte Arbeit ist okay, wenn ich in anderen Lebensbereichen meine Erfüllung finde, z.B. durch ehrenamtliche Tätigkeit, Gemeinschaft, Naturverbundenheit, Religion, etc.

Wenn ich mich aber in der Arbeit wiederfinde und sie als sinnstiftend erfahre, dann ist das eine große Ressource. Einerseits für mich, denn ich bin motiviert, erlebe Flow, Freude, persönliches Wachstum und Selbstvertrauen durch die Tätigkeit. Andererseits profitieren auch die Arbeitgeber davon, denn berufliche Sinnerfüllung steht in engem Zusammenhang mit Engagement und Leistung am Arbeitsplatz.

Gibt es Kriterien für eine besonders sinnvolle Arbeit?

Schnell: Ja, es gibt Kriterien, an denen man eine sinnvolle Arbeit erkennt. Das erste Kriterium ist das der Kohärenz: Passt meine berufliche Tätigkeit zu mir und meinem Lebensentwurf? Kann ich hier ich selbst sein, meine Fähigkeiten gut nutzen?
Zweitens geht es um Bedeutsamkeit: Hat das, was ich tue, eine Bedeutung – oder ist es egal, ob ich etwas tue und wie ich es tue? Bedeutsamkeit heißt, dass mein Handeln von anderen wahr- und für wichtig genommen wird; von Kolleginnen, Vorgesetzten und/oder der Gesellschaft. Das dritte Kriterium ist das der Orientierung/Ausrichtung: Kann ich hinter den Zielen des Unternehmens stehen? Trage ich mit meiner Arbeit bei zu etwas, das ich gutheiße, worauf ich stolz bin? Oder widerspricht es meinen Werten? Zuletzt ist die Zugehörigkeit von Relevanz: Habe ich das Gefühl, ein Teil des größeren Ganzen zu sein? Des Kollegiums, des Unternehmens, der Institution… Wenn ich mich als zugehörig erlebe, bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen, mich zu identifizieren. Ich weiß: ich werde gebraucht.

Viel ist derzeit von der Work-Life-Balance die Rede. Was halten Sie von diesem Begriff?

Schnell: Die Idee, die dahinter steckt, ist wichtig! Aber es kommt darauf an, wie wir sie in Worte fassen. Work-Life-Balance suggeriert, dass es einerseits das Leben gibt, auf der anderen Seite die Arbeit. Was hält uns davon ab, Arbeit als Teil des Lebens anzusehen? Das ist nur notwendig, wenn sie von vornherein als etwas abgespaltenes, dem Leben entfremdetes verstanden wird. Ich glaube aber, dass Arbeit dann gut in das Leben integriert werden kann, wenn sie als sinnvoll wahrgenommen wird. Wenn wir uns wieder die oben genannten Kriterien in Erinnerung rufen, dann kommt es dabei auf die Kohärenz, die Passung an: Arbeit darf nicht alles andere Wichtige verdrängen, sondern sollte integrierbar sein in ein ausgewogenes Leben, in dem die Sorge um sich selbst genauso wie die Sorge um andere, die Selbstliebe wie die Liebe für andere Raum haben.

Kann also auch die sinnvollste Arbeit erschöpfend und frustrierend sein?

Schnell: Erschöpfung und Frustration treten bei jeder Art von Arbeit auf – doch bei als sinnvoll erlebter Arbeit steht dem Erfüllung und Freude gegenüber. Außerdem gibt es einen starken inneren Antrieb, die Arbeit weiter zu leisten. Sie erscheint als intrinsisch wichtig, also um ihrer selbst willen wertvoll. Wenn mir dieses ‚Warum‘ des Arbeitens klar ist, kann ich fast jedes ‚Wie‘ aushalten – um Nietzsche zu paraphrasieren.
Darin liegt jedoch auch eine Gefahr, denn wir sollten das ‚Wie‘ natürlich nicht unter allen Umständen hinnehmen. Eine sinnvolle Arbeit verleitet dazu, trotz schwieriger Bedingungen alles dafür zu tun, dass die Arbeit gelingt: es kommt so zu Selbstausbeutung und Burn-Out – und zum Erhalt krankmachender Arbeitsbedingungen.

Muss man, wenn man Arbeit partout nur als Mittel zum Geldverdienen sieht, ein schlechtes Gewissen haben oder sich Sorgen machen?

Schnell: Wie oben bereits gesagt: bestimmt nicht. Wir brauchen Möglichkeiten, sinnvoll zu handeln, uns als Teil eines größeren Ganzen zu erleben, einen als richtig erlebten Weg zu verfolgen – aber all das muss nicht in der Erwerbsarbeit geschehen. Allerdings sieht unser derzeitiges Selbstverständnis so aus, dass wir in der Gesellschaft nur etwas gelten, wenn wir einen guten Job haben. Um der Arbeit wieder ihren ursprünglichen Sinn zu verleihen – die Herstellung qualitätsvoller Produkte, hilfreiche Dienstleistungen usw. – wäre es wichtig, sie vom kapitalistischen Wirtschaftsdenken abzukoppeln. Ein unbedingtes Grundeinkommen wäre hierfür eine großartige Möglichkeit.
Sorgen machen sollten sich jedoch jene, die ihre Arbeit nicht nur als ‚nicht besonders sinnvoll‘, sondern als sinnlos erleben. Wobei die Sorgen in diesem Fall von selbst kommen werden. Eine als sinnlos erlebte Arbeit saugt unsere Ressourcen aus, ohne etwas zurückzugeben. Das kann – im besten Falle – zu einer Sinnkrise führen, die mich bewegt, eine Veränderung durchzuführen. Oder aber zu Resignation und Abstumpfung.

Haben Sie mit der Sinnforschung Ihren persönlichen Sinn in der Arbeit gefunden?

Schnell: Ich erlebe diese Arbeit als sehr herausfordernd und erfüllend. Ich habe aber auch persönlich erfahren, dass genau das zur Selbstausbeutung verleitet. Und dass die sinnvollste Tätigkeit als frustrierend erlebt werden kann, wenn Kriterien wie Zugehörigkeit und Kohärenz in Frage gestellt sind.


Zur Person:

Tatjana Schnell gilt als Begründerin der empirischen Sinnforschung und lehrt als Professorin an der Universität Innsbruck. Nach ihrem Studium in Göttingen, London, Heidelberg und Cambridge promovierte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Trier. Seit 2005 ist sie als Persönlichkeits- und Differentielle Psychologin am Institut für Psychologie in Innsbruck tätig. Dort leitet sie ein Team von Wissenschaftlern, das sich mit unterschiedlichen Aspekten der Sinnforschung beschäftigt, unter anderem auch mit der Frage, welche Kriterien für einen als sinnvollen und erfüllenden Beruf ausschlaggebend sind.

Zur Homepage der Innsbrucker Sinnforscher

 

 

14 Kommentare

Michael Peters

22.09.2014

erstaunlich, wie man ein zentrales Phänomen der Gesellschaft wie die Arbeit so völlig abgekoppelt von Politik und ausschließlich aus der Perspektive des Einzelnen sehen kann. Wieviel Sinn hat es wirklich, wenn jeder Einzelne für sich versucht, mit einer unbefriedigenden Arbeitssituation klarzukommen? Wem dient die Arbeitswelt, wenn sie so ist, wie sie ist? sind die beschriebenen Probleme vielleicht strukturelle Probleme?

shredderbert

22.09.2014

„Sinnforschung“, das klingt erst einmal nach Esoterik …
… aber was Frau Prof. Schnell darlegt, macht Sinn und erklärt, zumindest zum Teil, die „soft facts“, die zu Burn-Out und anderen psychischen Belastungsstörungen führen. Sehr gut!

Egons Stiurins

22.09.2014

Ein spannendes Thema. Es geht unter die Haut, weil sich die Frage des Lebenssinns an jedem Tag immer wieder neu stellt. Danke für den Beitrag.

Frank Niessing

22.09.2014

Kompliment Frau Schnell,
Ihre Aussagen in diesem Interview gehen meines Erachtens in genau die richtige Richtung.
Der entscheidende Punkt ist allerdings die Frage nach dem pragmatischen WIE? einer Abkoppelung der Arbeit vom kapitalistischen Wirtschaftsdenken.

In über 20 Jahren meiner Tätigkeit als Unternehmensberater, Business-Trainer und -Coach habe ich hier viele hilfreiche und praktisch umsetzbare Methoden, Tools und Konzepte entwickelt, die es ermöglichen, Mitarbeiter wesentlich stärker über Zusammenhänge zwischen den unternehmensstrategischen Zielen und den individuell zu leistenden Aufgaben zu informieren und ihnen somit eine deutlich höhere Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns transparent zu machen.

In der Praxis erlebe ich es jedoch immer wieder, dass sich die Entscheider in Unternehmen nicht entschließen können (oder dürfen), diese Möglichkeiten auch umzusetzen.

Zum einen sind das gerade die wirtschaftlichen Gründe, die Geschäftsführern abverlangen, ihren Aktionären ansehnliche Gewinne auszuschütten, statt einen Teil dessen in die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter zu investieren.

Zum anderen erlebe ich immer weniger Führungskräfte, die es wagen, mittel- oder gar langfristig wirksame und gewinnoptimierende Maßnahmen zu initiieren, statt über immer neue Kostenreduktionen die Gewinne scheinbar zu erhöhen.
Angesichts des immer stärker empfundenen internationalen Konkurrenzdrucks bagen sie um die eigenen Arbeitsplätze und werden in vielen Fällen leider von Konzernchefs, denen sie berichten, nur nach kurzfristigen „Erfolgen“ bewertet.

Die Folge: Menschliche Kompetenzen in der Führung weichen wirtschaftlichen Erwägungen und für die Mitarbeiter auf allen Ebenen bedeutet das Spezialisierung auf immer kleinere Verantwortungsbereiche und höherer Zeitdruck – eben genau das Gegenteil von als sinnhaft empfundener Arbeit.

Dass dies erheblich zu den stetig wachsenden Zahlen von Personalausfällen wegen psychischer Erkrankungen (immerhin mittlerweile ca. 37% aller Krankenkassenausgaben) beiträgt, bleibt bei den aktionistischen Kurzfristentscheidungen meistens außer Acht. Gerade deshalb sei es hier noch einmal gesagt: Mitarbeiterausfälle kosten viel Geld, da eben Personalüberhänge eingeplant werden müssen, um die Sollvorgaben dennoch zu erreichen. Und es macht auch wirtschaftlich einen riesen Unterschied, ob ein Unternehmen eine Krankenrate von 2% oder von 12% hat. Kurz: zufriedene Mitarbeiter, die sich wohl fühlen und sich mit dem, was sie tun identifizieren können, sparen Geld!!!

Die 2% erreichen übrigens genau die Unternehmen, deren Führungskräfte sowohl empathisch wie startegisch-transparent handeln. Nur wer als Führungskraft für seine Mitarbeiter selbst „greifbar“ ist, hat engagierte und interessierte Leute, die sich über den „Dienst nach Vorschrift“ hinaus einsetzen und sich die Freude am eigenen Tun bewahren.

Sinnhaftigkeit ist eine Frage der Unternehmensführung!!!

ute herrmann

22.09.2014

Meditation – Stille – ReTreat sind meine Mittel, die ich empfehlen kann.

viel Freude – wünscht Ihnen, lieber leser ..

Ute Herrmann

Camilla

22.09.2014

Arbeit IST ein Mittel zum Geldverdienen!
Hilfreich wären Ideen, was zu tun ist, wenn man das Geld zum Überleben (für sich selbst, Kinder, Angehörige) benötigt. Selbst wenn die Arbeit lange Jahre als eine Sinnstifende betrachtet wurde, kann sich dies nach Übernahme durch ein anderes Unternehmen schnell änderen. Das soll ja heutzutage vermehrt vorkommen. Anregungen, in denen Personen – zu jung für die Rente, zu alt für einen Wechsel – eine Alternative aufgezeigt wird, dass wäre wirklich mal sinnstifend.

Bito

23.09.2014

Sie sollten die sprachliche Correctness nicht übertreiben: Das Wort „Professor“ beschreibt nach wie vor einen akademischen Titel und nicht etwa einen Beruf (wie z.B. Verkäufer-in). Die korrekte Anrede für Frau Schnell lautet also „Frau Professor Schnell“ — oder sagen Sie zu Ihrer Zahnärztin etwa „Frau Doktorin“?

Martin Barrtonitz

23.09.2014

Vielen Danke für diesen Artikel!>

Den Aspekt der Selbstausbeutung ist mir mit diesem Artikel schon bewusst geworden:

Selbstausbeutung: das neue Leiden des 21. Jahrhunderts?

Viele Grüße
Martin Bartonitz

maggie carrigan

23.09.2014

Hello if you love your work or have a passion for it,you will not work a day in your life.

axel tausch

23.09.2014

Könnte es sein, daß der einzige Sinn von vorhandener Schuld in der Vergebung gegründet ist?

Silke

24.09.2014

Sehr geehrte Frau Prof. Schnell,

Ihr Beitrag beschreibt bestens einen Prozess, der bei mir vor zwei Jahren gestartet hat. Der Wiedererkennungswert ist sehr groß – dafür bedanke ich mich!

Eine Frage noch zum „Warum bzw. Wie“ Vergleich von Nietzsche. Wurde diese Aussage nicht sehr stark vom „Vater“ der Logotherapie, Viktor Frankl, geleitet (damals i.Z.m. den Gräueltaten der KZ)?

Beste Grüße
Silke

Frank Rudolph

30.09.2014

Ja, liebe Frau Schnell,
genau das was Sie sagen erlebe ich selbst genauso wie ich es bei meinen Trainings- und Coaching-Teilnehmern erlebe.
Ein sehr gutes Interview und sehr gutes Forschungsthema.
Weiterhin viel (Arbeits-)Freude wünscht Ihnen
Frank Rudolph
(ArbeitsFreudenTrainer)

Dr. Maik von Holzem

02.10.2014

Ein wirklich interessantes und sinngemäßes Intervie. Top Arbeit
Grus Maik von Holzem

Maria Fedotova

25.11.2014

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Zuge meiner Masterarbeit zitiere ich Ihren Artikel, wobei mir die Angabe des Verfassers fehlt.

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir diese Angabe zuschicken könnten oder einen Hinweis, wie man diesen Artikel sinnvoll anders zitieren könnte.

Vielen Dank im Voraus!
Mfg
Maria Fedotova

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