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Arbeit & Sinn

Streitschrift: Wir Geiseln des Arbeitswahns

Patrick Spät stellt das bedingungslose Arbeitsethos unserer Gesellschaft in Frage. Und damit uns alle.

Eine „fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch“ will das Buch „Und, was machst Du so?“ sein, mit dem der Berliner Autor Patrick Spät ebenso unterhaltsam wie fundiert an einem Tabu unserer Zeit rüttelt: dem Hohelied der Arbeit. Denn vielen von uns wird es wohl so gehen wie dem berühmten Feldherrn und Kriegsarbeiter Alexander der Große, als er den Philosophen Diogenes in seiner Tonne antraf (Zeichnung oben) – eine seltsame Mischung aus Unverständnis und Neid beschleicht uns beim Anblick derer, die sich dem großen, oft tatsächlich vollkommen überhöhten Begriff  „Arbeit“ verweigern. Und doch kehren wir nur wenige Augenblicke später in unseren alten Trott zurück. Warum das so ist, fragt und beschreibt Patrick Spät in seinem aktuellen Buch, aus dem wir hier mit freundlicher Genehmigung des Autors einige Passagen veröffentlichen – und gerne auch zur Diskussion stellen.

 

Autor Patrick Spät: "Herr, erlöse uns von der Arbeit!"

Autor Patrick Spät: „Herr, erlöse uns von der Arbeit!“

Wie konnte es dazu kommen?

Wohl kein anderer Satz fällt auf einer Party so häufig wie dieser: „Und, was machst du so?“ Dahinter steckt die unausgesprochene Frage: Bist du nützlich? Manchmal verbirgt sich dahinter auch die Frage: Verdienst du mehr Geld – oder Anerkennung – als ich? Die Arbeit bestimmt unseren sozialen Stellenwert: Sag mir, was du arbeitest – und ich sag dir, wer du bist. So schaut’s aus in unserer Leistungsgesellschaft. In der schönen neuen Arbeitswelt speist sich auch unser individuelles Selbstwertgefühl unmittelbar aus unserem Job, wir definieren uns zu einem ziemlich großen Teil über die Art und Weise, wie wir unsere Brötchen verdienen. Und weil dieses Schubladendenken auch im Umgang mit unseren Mitmenschen allzu praktisch ist, fragen wir sie immer gleich nach ihrer Arbeit.

(…)

Lohnarbeit, Gartenarbeit, Beziehungsarbeit, Blowjob – alles ist zur Arbeit geworden. Wir arbeiten an unserem Körper, an unserer Lebensweise und an unserem Liebesglück. Die Arbeit ist das Lebenselixier des modernen Menschen, ein Fetisch, mit dem wir uns lustvoll selbst geißeln. Von Kindesbeinen an wachsen wir mit dem Imperativ auf, »etwas aus uns zu machen«. Dieser Befehl dröhnt ständig in unseren Ohren, mit jedem Vorhaben, das wir aushecken. Und erst recht mit jedem Vorhaben, das wir ausschlagen.

Wir sollen also »etwas aus uns machen«. Ja, sind wir denn nicht schon etwas? Menschen zum Beispiel? Die Arbeit ist heute der unangefochtene Maßstab, mit dem wir unser Gegenüber bewerten. „Martha Musterfrau, 38, Rechtsanwältin“, „Max Mustermann, 56, Lagerist“ – keine Talkshow, keine TV-Doku, bei der hinter dem Namen einer Person nicht direkt auch ihr Beruf erwähnt wird. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Apropos: Sogar auf den Grabsteinen eines Wiener Friedhofs las ich Sätze wie „Hier ruht Maximilian Bradow, Schlossermeister“. Herr, erlöse uns von der Arbeit!

Diese Wehklage zu äußern, ist riskant, denn eine Kritik an der Arbeit ist ein gesellschaftliches Tabu: Es gilt als anrüchig, den Sinn von offensichtlich sinnfreien Jobs infrage zu stellen, über gesundheitsschädliche Arbeit zu motzen oder ganz einfach die Faulheit zu glorifizieren. Wer offen sagt, dass er keinen Bock hat zu arbeiten und dass mitnichten jede Arbeit besser ist als keine Arbeit, der steht im Generalverdacht, zu verlottern und andere dazu anzustiften, es gleichzutun – mit dem Endergebnis, dass die ganze fleißige Gesellschaft in den Abgrund stürzt. Das Mantra unserer Zeit: Ich arbeite, also bin ich.

Wie konnte es dazu kommen?

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Das Stockholm-Syndrom

Die Sache mit der Arbeit ist extrem schizophren: Wir streben insgeheim nach Faulheit – und preisen lautstark die Arbeit. Selbst noch im Protest unterstützen die demonstrierenden Massen die Denklogik ihrer Gegner. Beim Thema Arbeit zeigt sich das zum Beispiel darin, dass fast sämtliche Demonstrationen, Proteste und Streiks einen gemeinsamen Nenner haben: Die Menschen treten ein für (mehr) Arbeit, niemals aber gegen die Arbeit an sich! Die Arbeiterbewegung ist eine Arbeitsbewegung. 1831 forderten die protestierenden Massen während des Aufstands der Seidenweber in Lyon: „Blei oder Arbeit“. Das war der erste große soziale Aufstand zu Beginn der Industrialisierung in Frank-reich, aber keiner forderte ein »Recht auf Faulheit« wie der Arzt und Philosoph Paul Lafargue oder ein „Recht auf Wohlstand“ wie der Anarchist Pjotr Alexejewitsch Kropotkin. Auch bei den revolutionären Umtrieben 1848 machten sich die Aufständischen ausschließlich für ein „Recht auf Arbeit“ stark.

Der Ruf nach mehr Arbeit ähnelt dem Stockholm-Syndrom, bei dem die Opfer von Geiselnahmen nach und nach ein positives Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Warum wagt kaum jemand die Flucht aus der Geiselhaft der Arbeit? Weil die äußeren Zwänge, die Macht unserer Geiselnehmer, uns an die Arbeit ketten – sie haben das Geld, das wir brauchen, um zu kaufen, was wir brauchen: Nahrung, ein Dach über dem Kopf, Kleidung und so weiter.

Die groteske Sympathie mit den Geiselnehmern vollzieht sich in zwei Phasen: In der ersten Phase glauben wir vielleicht gar nicht so recht an die Arbeitsideologie. Wir tun so, als ob wir nach der Pfeife unserer Kidnapper tanzten, dennoch ist das Ergebnis: dass wir tatsächlich nach ihrer Pfeife tanzen. So funktioniert die Arbeitsideologie: Auch wenn wir nicht an sie glauben, akzeptieren wir sie, wir machen mit. Warum? Um unser Konto zu füllen, klar. Aber keiner wagt, offen zu sagen, dass die allermeiste Arbeit auf gut Deutsch scheiße ist.

(…)

Buch_Arbeit_COVER_KLEINWarum aber kuscheln wir mit unseren Kidnappern? Das Stichwort stammt aus der Feder des Philosophen Antonio Gramsci und lautet: Hegemonie, also die Macht der vorherrschenden Gesellschaftsideologie. Politik und Wirtschaft setzen ungeniert ihre Interessen durch – und die Bürgerinnen und Bürger glauben, dass dies im Allgemeininteresse geschehe. Ständig hören wir das Gefasel von „Wachstum“, „Wettbewerb“ und „Standortsicherheit“, das uns einreden will, dass wir „den Gürtel enger schnallen“ müssten, weil nur so „sichere Arbeitsplätze“ möglich seien – alles andere sei „alternativlos“. Eine Lohnerhöhung sei nicht drin, weil sonst die Firma pleitegehe. Wir dürften die Reichen nicht zu stark besteuern, weil sonst die Leistungsträger ins Ausland gingen.

All diese Dinge werden Konsens sogar bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern selbst, die kurioserweise in den Kanon einstimmen: „Ihr habt recht. Nur mit Fleiß, Entbehrungen und Überstunden können wir unsere Arbeitsplätze behalten. Eine andere Welt ist nicht möglich.“ Natürlich fällt dieser Konsens zuungunsten der arbeitenden Bevölkerung aus. Eingelullt von den Phrasen aus Politik, Wirtschaft, Massenmedien, Schulen, Kirchen – und von den Stammtischen – glauben die Menschen irgendwann tatsächlich, dass alle am gleichen Strang ziehen und dass alles im gemeinsamen Interesse geschieht. Der Arbeitswahn wird den Menschen also nicht nur plump eingeprügelt oder aufgezwungen, sie werden auch gezielt von dessen angeblicher Alternativlosigkeit überzeugt – indem Politik, Medien und Verbände ständig zustimmungsfähige Ideen in Umlauf bringen.

(…)

Wer nicht hören will, muss fühlen

Alle anderthalb Jahre verdoppelt sich nach dem Moore’schen Gesetz die Rechenleistung von Computern. Alle drei Jahre verdoppelt sich die Menge der weltweit digital gespeicherten Daten. Betroffen sind sowohl die »niedrigqualifizierten« als auch die »hochqualifizierten« Jobs. Die Fast-Food-Kette McDonald’s installiert in ihren weltweiten Filialen gerade Tausende »Easy Order«-Automaten. Die Kunden geben ihre Bestellung am Touchscreen auf, bezahlen sie am Automaten und holen sich am Verkaufstresen ihr Essen. McDonald’s kann dadurch Hunderte der ohnehin sittenwidrig bezahlten Jobs streichen. In den riesigen Lagerhallen von Amazon und anderen Versandhändlern huschen fast nur noch Roboter durch die Gänge und packen die Bestellungen zusammen.

Am anderen Ende der Fahnenstange bangen nun selbst Rechtsanwälte um ihre Arbeitsplätze. In den USA übernehmen »E-Discovery«-Programme – eine komplexe und lernfähige Software – immer mehr Recherchearbeiten, wo vormals Rechtsanwälte in Aktenbergen und Gerichtsurteilen wühlten. Eine Studie der Universität Oxford kommt zu dem Schluss, dass bis 2030 rund 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA der Automatisierung zum Opfer fallen können.

Der weltweit größte Versandhändler Amazon tüftelt derzeit schon an seinem Bestellservice „Prime Air“: Binnen dreißig Minuten nach der Bestellung soll der Kunde die Ware erhalten, geliefert wird sie von einer tischgroßen, achtmotorigen Flugdrohne namens „Octocopter“, die Päckchen bis zu 2,5 Kilo in einem Radius von 16 Kilometern transportieren kann – einen Paketboten braucht es nicht mehr.

Im Dienstleistungssektor übernimmt immer häufiger ausgefeilte Software programmierbare Routinearbeit. Schon heute ist der gesamte Bankensektor zu über 50 Prozent automatisiert und digitalisiert. Früher war ein VWL-Studium eine sichere Bank, heute ist es eine sichere Bankrotterklärung. Kündigungen überall. Wir leiden an einer Krankheit namens Gesundschrumpfen. Wohin man auch schaut, herrschen die Maschinen. Und dennoch palavern Wirtschaft und Politik unermüdlich von Wachstum, Arbeitsplätzen und Arbeitsmoral. Wer da nicht hören will, muss fühlen.


Buchinfo:

Patrick Spät, „Und, was machst du so?: Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch“. Rotpunktverlag Zürich 2014, 168 Seiten, 9,90 Euro

 

 

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3 Kommentare

Anika Esser

01.10.2014

Spannende These eigentlich!
Es ist wichtig und notwendig, dass Menschen wie Herr Spät Grundlegendes infrage stellen – viel zu Wenige hinterfragen das tägliche Tun bereits im Kleinen. Bis zu einer gar gesellschaftlichen Kritik kommen sie dann erst gar nicht.
Interessant finde ich das Thema der offensichtlichen und gewollten Bewertung von Individuen nach ihrem Berufsbild. Auch ich kann die Frage nach dem, „was ich denn so mache“ nicht mehr hören.
Man hätte noch etwas deutlicher rausstellen, wie paradox das menschliche Verhalten unserer „Leistungsgesellschaft“ wirklich ist: Zwar definieren wir uns über unsere Stellenbeschreibung, sorgen aber gleichzeitig für den Abbau selbst sozial „wertgeschätzter“ Jobs durch Maschinen. Diese Rechnung kann nie aufgehen. Um diesem Widerspruch zu entkommen, müssen wir entweder von der Automatisierung von Arbeit oder der Selbst- und Fremddefinition von Individuen über deren berufliche Tätigkeit ablassen. Man darf gespannt sein, welches von beidem dem Menschen früher einfällt!

Audacity

02.10.2014

„Patrick late is the unconditional work ethic of our society in question. And so all of us.“

This is nice article…

Gasser Luitgard

18.11.2014

Ich kann nur zustimmen. Der „Schreibtisch ist schon lange zum Altar unserer Zeit geworden“.LG

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