XING-Klartext: Leben in der digitalen Welt

Unsere Freunde – für jeden sichtbar. Die letzte Reise – dokumentiert. Der nächste Job – gratuliere! Unser Alltag ist digitalisiert, ein Leben ohne Netz quasi undenkbar. Wenn aber Maschinen beginnen, unsere Gefühle zu erkennen, dann wird es höchste Zeit über das technisch Machbare und unsere Verantwortung zu diskutieren. Zu Beginn unserer XING „Klartext“-Themenwoche „Wie viel Internet braucht der Mensch“ zeigt Startup-Experte und Berater Tahssin Asfour die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung und mahnt zur Umsicht.

Von Tahssin Asfour

Auch wenn wir (noch) nicht in der „Matrix“ existieren – um ein Bild aus der gleichnamigen cineastischen Zukunftsvision zu bemühen – so sind wir dennoch ständig von ihr umgeben. Immer mehr Aspekte unseres Alltags werden vom Internet durchdrungen und quasi digitalisiert. Die Zeitung lesen wir online, wir kaufen unsere Kleidung, Bücher, Filme, Haushaltsgeräte und jede Art von Konsumgütern online. Reisen buchen wir online, einen neuen Job suchen wir online, ein neues Konto eröffnen wir online – ja sogar einen neuen Partner suchen wir online! Filme und Serien schauen wir online, wir lesen online Rezensionen und tauschen uns online über Meinungen und Trends aus. Wir chatten, posten, twittern, skypen, instagrammen… Kurzum: Unser Leben spielt sich mehr und mehr in der digitalen Welt ab.

Da stellt sich unweigerlich die Frage: Wie viel Internet braucht der Mensch wirklich? Oder anders gefragt: Verlieren wir durch die zunehmende Digitalisierung unseres Lebens den Kontakt zu uns selbst, zu unseren Freunden und zur Familie, zu dem was uns wirklich wichtig ist? Werden wir durch ständiges Online-Sein zu Online-Wesen?

Zweifelsohne eröffnet das Internet dem Menschen bzw. auch Unternehmen eine Fülle an Möglichkeiten. So können Firmen beispielsweise für die Bearbeitung von komplexen Aufträgen nicht mehr nur auf das klassische Outsourcing zurückgreifen, sondern von der “Macht der Masse” in der sogenannten Schwarmintelligenz profitieren. Bei diesem Arbeitsmodell, dem sogenannten Crowdsourcing, können Projekte in viele kleine Teilaufträge aufgeteilt und von einer beliebig großen Online-Gemeinschaft gemeinsam bearbeitet und überprüft werden, ganz ähnlich wie bei
Wikipedia.

Der Wettbewerb und die gegenseitige Qualitätskontrolle unter den sogenannten Crowd-Workern kann wiederum deren Motivation beflügeln, was in der Regel zu besseren Ergebnissen führt, als wenn ein Projekt von nur einem Arbeiter oder einer kleinen Gruppe bearbeitet wird. Durch den Zugriff auf das Fachwissen einer weltweiten Community kann selbst für hochkomplexe und umfangreiche Projekte die passende Expertise gefunden werden.

Die Macht der Masse kann aber auch für die Finanzierung von frischen Ideen in der Geschäftswelt genutzt werden. Eine Idee für ein neues Startup oder für einen neuen Film kann auf einer Crowdfunding-Plattform präsentiert werden, um für finanzielle Unterstützung zu werben. Jeder, der es für sinnvoll hält, in diese Idee zu investieren, kann so ein Teil davon werden. Dieses sogenannte “Crowdfunding” ist inzwischen zu einer beliebten Alternative zum klassischen Bankkredit oder den Pitches bei Startup-Investoren geworden.

Auch der Einzelhandel, der seit Jahren unter der steigenden Konkurrenz durch Online-Shops zu leiden hat, kann das Internet nutzen, um wieder attraktiver für Verbraucher zu werden und sogar neue Zielgruppen zu erschließen. Durch die Vernetzung des eigenen Warenwirtschaftssystems mit einer Online-Plattform können Verbraucher im Internet nach Produkten suchen, sich ausführlich darüber informieren und dabei gleich erfahren, wo sie diese in ihrer direkten Umgebung kaufen können. Durch diese neue Art des Einkaufens, auch “Local Commerce” genannt, erhalten Verbraucher über das Internet eine gute Übersicht über die Meinungen zu einem Produkt oder einer Dienstleistung, ohne dabei auf die umfassende Beratung durch einen Fachmann sowie das echte “Shopping-Erlebnis” im Geschäft verzichten zu müssen.

Ein weiterer Trend, der für den Einzelhandel große monetäre Chancen eröffnet, ist das sogenannte
“Mobile Payment”. Diese “digitale Geldbörse” ermöglicht es dem Kunden, jederzeit bargeldlos und ohne Plastikkarten in Geschäften zu bezahlen. Dazu kann z.B. der Verkäufer mit seinem Kassensystem einen QR-Code generieren, den der Kunde mit seinem Smartphone dann einscannt. Mit der passenden Smartphone-App werden alle Zahlungsinformationen entschlüsselt und der Bezahlvorgang ausgelöst, ohne dass dem Verkäufer die Kontodetails des Kunden preisgegeben werden.

Doch den enormen Vorteilen, die sich Unternehmen durch das Internet auf vielen Ebenen erschließen, stehen auch eine Reihe von Risiken gegenüber. Je mehr unser Leben vom Internet durchdrungen wird, desto mehr Aspekte unseres Lebens und unserer Persönlichkeit werden aufgezeichnet und ausgewertet. Viele sprechen hier auch vom “gläsernen Menschen” – unser Konsumverhalten wird den Unternehmen quasi auf dem Silbertablett präsentiert.

Ein weiteres Risiko der “Ubiquität” des Internets, also seiner ständigen Verfügbarkeit, könnte auch darin bestehen, dass der ohnehin in Dienstleistungsgesellschaften stark ausgeprägte “Konsumzwang” in den nächsten Jahren noch weiter ansteigen wird, was Bestrebungen nach Klimaschutz und nachhaltigem Wirtschaften untergraben würde.

Fakt ist, das Internet ist inzwischen überall. Die Google-Brille, welche schon bald die Online-Welt in unser tägliches Sichtfeld holen wird und somit Mensch und Technik weiter zusammenwachsen lässt, ist nur der erste Schritt hin zu einer totalen Vernetzung. Schlagzeilen wie “Google Glass App erkennt Gefühle” bieten bereits einen kleinen Vorgeschmack darauf, was uns in den nächsten fünf bis zehn Jahren erwarten könnte: eine Vernetzung, die weit über die Erforschung unseres Konsumverhaltens hinausgeht.

Das Internet ist ohne Zweifel eine der größten technischen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte und eröffnet den Menschen ungeahnte Möglichkeiten. Die Frage ist nur, was die Menschen aus diesen Möglichkeiten machen und ob sie diese zu ihrem Vorteil nutzen oder missbrauchen. Ob am Ende die Nachteile oder Vorzüge überwiegen, wird stark davon abhängen, wie weit sich Unternehmen der gesellschaftlichen Verantwortung stellen und inwiefern die Politik den Menschen und seine Grundrechte schützt.

Hierfür bedarf es einer großen Portion gesunden Menschenverstandes, der trotz aller technischen Fortschritte nicht ausgehebelt werden darf. Denn nur weil etwas machbar ist, ist es noch lange nicht richtig. Oder wie schon das Sprichwort sagt: “Mit großer Macht geht große Verantwortung einher.”

Ob nun Verbraucher oder Unternehmer: Man sollte seine eigenen Abwicklungen und Aktivitäten im Internet stets im Auge behalten. Persönlich trete ich neuen Trends und Entwicklungen immer gerne offen entgegen, jedoch auch wohlbehütet. So sehe ich die Hauptverantwortung meines Datenschutzes bei mir bzw. meinem Verhalten im Internet. Ich poste nicht wahllos private Fotos meiner Familie und gebe nur so viele Daten weiter, wie nötig. Wenn möglich, versuche ich – vor allem auf privater Ebene – stets verschlüsselt zu kommunizieren. Für mein Smartphone, das bei vielen Menschen inzwischen mehr private Inhalte birgt als das eigene Zuhause, empfehle ich das Passwort regelmäßig zu wechseln. Persönliche Fotos, Nachrichten etc. können und sollten ebenfalls versteckt und mit einem Kennwort verschlüsselt werden. Hierfür gibt es hilfreiche Apps.

Auch wenn wir uns dem technischen Fortschritt nur schwer entziehen können, so bietet uns das Internet doch genügend Möglichkeiten, uns zu schützen.


 

Über den Autor:

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Tahssin Asfour agiert mit langjähriger Expertise als Kommunikationsberater für junge und innovative Unternehmen aus der digitalen Wirtschaft. Nach Stationen in diversen Startups gründete er 2009 die Berliner PR-Agentur „prBote“. Ganzheitliche Strategien und der crossmediale Markenaufbau von überwiegend jungen Startups aus den Bereichen Mobile & Gaming, Internet & IT und weiteren Marktsegmenten bilden den Schwerpunkt. Der prBote setzt bei der Bekanntmachung der Unternehmen, Produkte und Marken auf Online-, Print- und Rundfunkkanäle.

Tahhssin Asfour auf XING / prBote.de


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