Arbeit & Sinn

Interview: "Arbeit muss Spaß machen"

Der Berliner Politikwissenschaftler Sven Rahner über alte Kommandostrukturen von Chefs, Demokratieversuche in Betrieben und die neue Freude am Job.  

Für sein Buch „Architekten der Arbeit“ hat der Berliner Politikwissenschaftler Sven Rahner mit insgesamt prominenten 18 Gesprächspartnern einen Blick in die Zukunft der Arbeit geworfen. Er hat die getroffen, die beobachten, planen und gestalten, wie Arbeit sich in den nächsten Jahrzehnten verändern wird: Die Bandbreite der Gesprächspartner reicht von dem US-amerikanischen Soziologen Richard Sennett über die Topmanagerin Brigitte Ederer bis hin zum ehemaligen Bundesarbeitsminister Franz Müntefering. Neben dem ehemaligen SAP-Chef Henning Kagermann kommen der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff sowie Spitzenpolitikerinnen und -politiker aller Parteien zu Wort.

Herr Rahner, Sie haben für Ihr Buch „Architekten der Arbeit“ mit 18 sehr interessanten Vordenkern und Entscheidern gesprochen. Gibt es etwas, was diese Menschen eint, wenn es um Arbeit geht?

Sven Rahner: Trotz der unterschiedlichen beruflichen Hintergründe und politischen Überzeugungen stimmen alle meine Gesprächspartner darin überein, dass wir uns derzeit inmitten eines weitreichenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs befinden, der eine Zeitenwende auf dem Arbeitsmarkt einläutet. Der technologische Fortschritt und die digitale Beschleunigung sind Triebkräfte dieser Entwicklung. „Die Arbeit der Zukunft braucht uns alle!“ ist die zentrale Botschaft des Buches. Dies gilt in quantitativer Hinsicht aus demografischen Gründen und wird unsere Arbeitswelt vielfältiger werden lassen. Es gilt aber auch in qualitativer Hinsicht im Sinne eines Plädoyers für die engagierte Kooperation aller zentralen politischen und gesellschaftlichen Akteure.

Heutzutage ist viel von „New Work“ die Rede, aber es scheint, als verstehe jeder etwas anderes darunter. Was verbinden Sie eigentlich mit dem Begriff?

Arbeitsforscher Sven Rahner: "Wir müssen die Arbeitskultur auch von innen heraus erneuern."

Arbeitsforscher Sven Rahner: „Wir müssen die Arbeitskultur auch von innen heraus erneuern.“ (Foto: Körber-Stiftung/David Ausserhofer)

Rahner: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg geht konservativ geschätzt und trotz anhaltender Zuwanderungsströme von einem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials in Deutschland von rund acht Millionen bis 2050 aus. Die sich bereits heute abzeichnenden Fachkräfteengpässe führen so zu einer neuen Verhandlungssituation für gut ausgebildete Fachkräfte und Hochqualifizierte. Die hohen Erwartungen an sinnvolle Arbeitsinhalte und eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf der ab 1980 Geborenen, die als sogenannte Generation Y derzeit selbstbewusst und fordernd auf den Arbeitsmarkt strömen, sind Ausdruck dieser Entwicklung. Henning Kagermann bringt diesen Aspekt der Arbeitsmotivation in Zeiten des demografischen Wandels im Buch als seine Vision für die Zukunft der Arbeit sehr prägnant auf den Punkt: „Arbeit muss Spaß machen, die intrinsische Motivation sollte bei dem, was wir tagtäglich tun, Ansporn sein. Dann können wir uns auch glücklich schätzen, wenn wir vielleicht länger arbeiten müssen als Generationen vor uns.“

Wird „Sinnhaftigkeit“ tatsächlich zu einem prägenden Begriff dieses New Work und seiner Generation?

Rahner: Die Gegensätze und Widersprüchlichkeiten auf dem Arbeitsmarkt wirken sich nicht nur auf die Gesellschaft als Ganzes aus, sondern auch direkt auf die Gedanken- und Gefühlswelt jedes Einzelnen. Viele Menschen sind verunsichert, wünschen sich Orientierung, Leitbilder und Verlässlichkeiten für das Leben und Arbeiten im flexiblen und digitalen Kapitalismus. Die Chancen stehen daher nicht schlecht, dass im Zeitalter der Knappheiten die Frage nach der gerechten Verteilung von individuellen Verwirklichungschancen, ökologischen Ressourcen und ökonomischen Erträgen grundlegend neu gestellt und mehr Mitsprache eingefordert werden wird. Immer mehr Unternehmen erproben demokratische Formen der Unternehmensführung bis hin zur demokratischen Wahl des Führungspersonals. Zugleich steigt der Wunsch vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach einem tieferen Sinn ihrer Arbeit. Die Generation Y kann durch ihre günstige Verhandlungssituation dazu weitere Anstöße geben. Der Wunsch selbst scheint ein generationenübergreifender zu sein. All diese Entwicklungen werden die Arbeits- und Wirtschaftswelt schrittweise auf den Kopf stellen.

Bleibt die „Demokratisierung der Arbeit“ nicht eine schöne Utopie, wenn es um die Bilanzen geht?

Rahner: Keineswegs. Das Beispiel des Softwareunternehmens Haufe-Umantis aus der Schweiz zeigt, dass dieser Vorschlag auch in der betrieblichen Realität umsetzbar ist. Anfang dieses Jahres stimmten die 120 Mitarbeiter in einer demokratischen Wahl über ihr Führungspersonal ab. Sieben Mitarbeiter wurden dabei neu ins Management gewählt, eine Führungskraft wurde sogar abgewählt. Ein anderes Beispiel ist die Berliner Innovationsberatung Dark Horse. Hier arbeiten 30 Co-Gründer aus 25 verschiedenen Branchen völlig hierarchiefrei zusammen. Es gibt keinen Chef und jeder kann und soll bei strategischen Entscheidungen mitwirken.
Die künftige Herausforderung wird darin bestehen, den fundamentalen Wandel inmitten dessen wir uns befinden, zugleich menschengerecht, als auch innovationsfördernd zu gestalten. Das geht aber nur, wenn wir wegkommen von traditionellen Bürokratien und Kommandostrukturen. Wir müssen deshalb die Arbeitskultur auch von innen heraus erneuern. Dafür brauchen wir Phantasie und Mut für neue Formen der Beteiligung und Mitbestimmung in den Unternehmen.


Manch einer möchte ja möglicherweise auch gar nicht seinen Lebenssinn in der Arbeit finden, sondern eher im Privaten. Gibt es diese klare Grenze zwischen Arbeit und Leben für Sie eigentlich noch?

Buchcover_Sven_RahnerRahner: Ich denke, die entscheidende Frage ist, wie wir von den Verhinderungskonstellationen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu Ermöglichungsstrukturen gelangen können. Damit sind Unternehmen, Sozialpartner und Politik gleichermaßen angesprochen.
Die Frage nach einer größeren Zeitsouveränität für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trifft hier den entscheidenden Punkt. Das haben sämtliche Familienberichte der letzten Jahre und der Gleichstellungsbericht von 2011 bereits nahegelegt. Die Politik kann dabei für die notwendigen Rahmenbedingungen sorgen, die eine angemessene Anerkennung und Wertschätzung von ehrenamtlicher, gemeinnütziger Arbeit und unbezahlter Pflege- und Familienarbeit bieten. Ehrenamtliche Arbeit könnte auch in Phasen von Arbeitslosigkeit noch stärker zur Überbrückung genutzt werden. Warum sollte man dann perspektivisch dafür nicht auch Rentenanteile erwerben können – wie es der Arbeitspsychologe Tim Hagemann in meinem Buch vorschlägt? Bei all der Arbeit sollten wir schließlich auch nicht vergessen, was einst Max Frisch so wunderbar formulierte: „Muße und Wohlleben sind unerlässliche Voraussetzungen aller Kultur.“

Haben Sie denn mit dem Buch und ihrer Beschäftigung mit dem Thema Ihren ganz persönlichen Sinn gefunden?

Rahner: Ich beschäftige mich nun schon seit rund acht Jahren mit der Entwicklung und der Gestaltung von Arbeit in unterschiedlichen Kontexten und bewege ich mich hierzu zwischen den Welten von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Nach meinem Berufseinstieg als Fachreferent im Deutschen Bundestag entschloss ich mich, zurück zur Universität zu gehen, um meine Erfahrungen wissenschaftlich zu reflektieren. Nebenbei arbeitete ich als Online-Redakteur in einer Internetagentur. Aus dieser Querlage ließen sich neue Denkmöglichkeiten erschließen. Das Thema fesselte mich – und tut es immer noch. Und wie so oft, wenn man sich tiefergehender mit einer Sache beschäftigt, es wird immer (noch) interessanter.


Zur Person:

Sven Rahner studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Psychologie in Heidelberg und Toronto. Derzeit promoviert er an der Universität Kassel zum Thema Fachkräftesicherung. Rahner arbeitet zu den Themen zukünftige Arbeitsgestaltung und nachhaltige Strategien für die Digitalisierung der Arbeitswelt, u.a. als Leiter einer Arbeitsgruppe im „Denkraum: Arbeit“, der von der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Think Tank Das Progressive Zentrum initiiert wurde.


Buchinfo:

Sven Rahner: „Architekten der Arbeit. Positionen, Entwürfe, Kontroversen“, Edition Körber-Stiftung 2014, 312 Seiten, 16 Euro.

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