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Arbeit & Sinn

Interview: „Jeder möchte die Welt verändern“

Felix Oldenburg ist Hauptgeschäftsführer Deutschland von Ashoka, einer internationalen Non-Profit-Organisation zur Förderung von Sozialunternehmertum. Die Organisation fördert in ca. 70 Ländern Sozialunternehmer, d. h. Frauen und Männer, die versuchen, mit unternehmerischem Geist und neuen Geschäftsideen soziale Probleme zu lösen. Mittlerweile verbindet Ashoka weltweit über 3.000 sogenannte Ashoka Fellows. Im Interview mit XING spielraum berichtet Felix Oldenburg, wie er die Mauern zwischen Unternehmertum und Sozialsektor einreißen möchte – und warum in Zukunft alle dabei sein wollen!

In einem Satz: Was ist die Grundidee von Ashoka?

Fast jede soziale Idee, fast jede weltverändernde Idee, ist auf die Initiative einer Person zurückzuführen – diese Person zu finden und zu fördern ist die Grundidee von Ashoka.

Fangen wir einmal mit dem ersten Aspekt, dem Finden an: Wo und wie finden Sie Ihre Fellows?

Wir suchen nicht per Stellenanzeige. Unsere Fellows werden uns vorgeschlagen oder wir finden sie selbst, oft über Kontakte. Die Fellows müssen nicht nur eine neue und lokal bewährte Idee zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems haben, sondern auch eine kreative und unternehmerische Persönlichkeit. Diese Kombination ist extrem selten!
Und genau darin liegt eine der großen Herausforderungen bei der Rekrutierung sowohl unserer Fellows als auch unserer Mitarbeiter: Unternehmertum und die Arbeit im sozialen Bereich funktionieren häufig diametral entgegengesetzt. Ein Grund ist sicher, dass der soziale Sektor in Deutschland stark reguliert ist: Wir haben das Gemeinnützigkeitsrecht, das Subventionierungssystem – all das behindert Unternehmertum. Um etwas bewirken, brauchen wir aber gerade die Unternehmerpersönlichkeiten! Meine Mission ist es deshalb, die Mauern zwischen diesen beiden Welten niederzureißen und die besten Unternehmer-Talente zu gewinnen.

Zum Finden kommt das Fördern: Wie sieht das konkret aus?

Unsere Fellows erhalten – nach einem langen Auswahlprozess – ein dreijähriges Lebenshaltungsstipendium von durchschnittlich 120.000 Euro. Das ist die größte finanzielle Hilfe, die in Deutschland für gesellschaftlich Engagierte zur Verfügung steht. Diese Summe braucht es aber auch, denn oft geht es für die Fellows darum, ihre bisherige Karriere aufzugeben. Zusätzlich steht ihnen das Know-how von Partnern wie McKinsey zur Verfügung. Und nicht zuletzt bieten wir ihnen mit Ashoka ein Netzwerk von unternehmerisch denkenden Menschen.

Wer sind die Vorbilder der Szene? Gibt es einen Mark Zuckerberg der Sozialunternehmer?

Die grundlegende Frage ist doch: Wie wird Erfolg definiert? Im sozialen Unternehmertum funktioniert Erfolg nicht über Börsengänge oder das Schaffen von Imperien, sondern über das Kopieren von Ideen. Nehmen Sie das Beispiel Maria Montessori, die vor über 100 Jahren herausgefunden hat, dass auch schon Kinder im Vorschulalter Bildung annehmen. Heute gibt es überall Montessori-Kindergärten und -Schulen nach ihrem Vorbild. Als Social Entrepreneur werde ich vielleicht nicht reich und berühmt, aber ich kann die Welt verändern.

Einer aktuellen Studie zufolge wünschen sich immer mehr Menschen eine „sinnstiftende“ berufliche Tätigkeit. Profitiert Ashoka von diesem Trend?

Oh ja. Soziales Unternehmertum erlebt gerade einen phänomenalen Aufstieg. Die Ashoka Fellows sind vielleicht Pioniere, doch inzwischen entspricht ihre Arbeit einem breiten Bedürfnis. Gehen Sie mal an die Unis und sprechen Sie mit den High Potentials, was die machen möchten. Die Besten gehen doch heute dahin, wo die Welt neu gemacht wird. Oder denken Sie einmal an Geschäftsmodelle wie Car Sharing, Slow Food, Fair Trade, Peer-to-Peer Credits oder Airbnb: All diese Ideen lassen sich auf die Initiative von Sozialunternehmern zurückführen und haben mittlerweile große Märkte verändert.

Woher kommt die neue Sehnsucht nach Sinn? Ist der Ausgangspunkt die vieldiskutierte Generation Y?

Die Sehnsucht nach sozialer Wirksamkeit ist nicht nur ein Phänomen der jungen Generation. Es gibt viele Menschen mit Mitte/Ende Dreißig sagen: „Ok – und jetzt bitte noch einmal mit Sinn.“ Das ist für uns sehr wichtig, denn wir brauchen kein Heer von 20-Jährigen, sondern gerade die 40-/50-/60-Jährigen mit ihrer Berufserfahrung. In Zukunft werden Rentner nach ihrer Pensionierung vielleicht nicht mehr nur in einen Beirat gehen, sondern in der ersten Reihe Unternehmer sein. Wir sagen: Es gibt Aufgaben für euch!

Apropos Zukunft: Beeinflusst soziales Unternehmertum die Arbeitswelt von morgen und wenn ja, wie?

Definitiv ja. Ich bin überzeugt: In zehn Jahren werden die Menschen darum konkurrieren, bei sozialen Projekten dabei sein zu dürfen. Jeder möchte doch eigentlich ein „Changemaker“ sein, die Welt verändern. Für Unternehmen und Arbeitgeber bedeutet das, dass sie verstärkt sozial wirksame Jobs anbieten müssen, um die besten Talente für sich gewinnen. Außerdem wird es den Unterschied zwischen einer „richtigen“ und einer sozialen Karriere nicht mehr geben.

Wir haben über Arbeit & Sinn gesprochen – was ist für Sie ganz persönlich eine „sinnvolle“ Arbeit?

Wenn ich morgens mit einem Lächeln aufwache und meinen Kindern mit Stolz erklären kann, was ich mache.


Zur Person
Felix-OldenburgFelix Oldenburg ist einer der Pioniere für Social Entrepreneurship, soziale Innovationen und gute Ideen von unten in Europa. Er wird aktuell zum dritten Mal auf der „40 unter 40“-Liste von Capital geführt und ist aktives Mitglied unter anderem in den Netzwerken der Baden-Badener Unternehmergespräche und der BMW Young Leaders sowie Träger des Deutschen PR-Preises 2007. Der studierte Philosoph (Bonn, Tübingen, Oxford) und Politikmanager (Georgetown) hat berufliche Erfahrungen als Internet-Unternehmer, McKinsey-Berater und Großgruppen-Moderator gesammelt, bevor er 2009 die Leitung von Ashoka Deutschland übernahm. Bei dem globalen Netzwerk von 3000 Social Entrepreneurs in 80 Ländern war er bisher unter anderem für die Gründung der Finanzierungsagentur (FASE) sowie zahlreicher internationaler Programme verantwortlich und hat Regierungen bei Strategien für Social Entrepreneurship unterstützt. Felix Oldenburg wirkt daneben als Beirat, Mentor, Publizist und Redner bei internationalen Konferenzen und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Brüssel und Berlin.

8 Kommentare

Gabriele Reich-Gutjahr

19.09.2014

Danke, dass Sie den Widerspruch in Deutschland zwischen „sozialer“ Welt und Unternehmertum ansprechen. Echtes Unternehmertum hat seinen Ausgang immer in einer Idee, die etwas verbessern soll und damit zur Entwicklung einer Gesellschaft beiträgt. Robert Bosch z.B. war ein sozialer Unternehmer, seine Produkte haben das Leben erleichtert und die Welt weitergebracht. Arbeitsplätze sind entstanden, die Arbeitsbedingungen wurden vorbildlich weiterentwickelt. Was für mich unklar ist in Ihrem Ansatz: was ist ein unsozialer Unternehmer? Mein eigenes Unternehmen basiert auf dem Grundgedanken, Menschen im Vertrieb zu schulen als Problemlöser für Interessenten wirken zu können und gleichzeitig effizient zu bleiben. Ist das nun soziales Unternehmertum?

Halina Zakkrzewska

20.09.2014

Hallo,
es kann nicht wahr sein, dass gerade Menschen nach dem 50- Lebensjahr als Fachkräfte mit eigenen Ideen noch „begehrt“ auf dem Arbeitsmarkt sind????. Wie ist dieses möglich, frage ich mich , ich Ende- 50, gutaussehend, gebildet, mutig und noch genug „frech“ um neu zu starten. Ich bin in Polen geboren, Pädadogin mit Diplom, erfolgreich gearbeitet…, in Deutschland versuche ich seit Jaaaahren etwas zu bewegen /in den Kreisen, die mir den Zugang möglich gemacht haben/ immer jedoch: kurzfristig, vorrübergehend ohne etwas kontinuierlich entwickeln zu können – also :MIT SINN! Von der Anpassungsfähigkeit…., habe ich fast den Ich-Kern verloren. Mit meinem Projekt, habe ich an viele Türe gekloppft, auch an die – die dachte ich – für die Zukunft der kulturellen Werte, wie Erziehung & Bildung in EU zuständich oder verantwortlich sind – also die Kommissionen in Brüssel. Ich bekam Antworten, die sehr mäandrisch mich – eine geschiedene, alleinerziehende Frau, die von ALG II lebt – zu dem Ort geführt haben, wo ich keine Antwort bekommen habe… Heute frage ich mich /was ich auch seit Jahren tue/ wie kann ich meinen Kindern, die sich in ihrer „Minderwertigkeitsschale“ verstecken, sagen: Es lohnt sich Das sein, was man sein möchte, es ist schön einfach zu lernen, die Stufen der Aubildung hinter sich haben, um schön zu leben, um zu SEIN. Ich würde gerne den Beweis im Alltag für Dieses erfahren und erleben wollen, aber meine kostbare Aubildung, unschätzbare Erfahrung.., und.., alles das liegt im Ohnmacht und hat die Orientierung verloren. Ist das wirklich Anfang von Ende? Sinnvolle Aufgaben – Ihr seid Willkommen in meinem Leben !!!!!

Heinz Wolter

23.09.2014

Bravo! Gefällt mir! Mach weiter und lass Dich nicht beirren!
Gruß
Heinz

Kuse

23.09.2014

Hoffentlich finden sich bald Unternehmer, die grösste aller dieser die Sozialkompetenzen herausfordernden Bestrebungen anzunehemen und die steinhärteste Nuss zu knacken.: Nämlich die Natursteinbranche indiesem Sinne zu revolutionieren.

Ralf Klingler

23.09.2014

Sehr angenehme und zukunftsträchtige Philosophie, die ich stark befürworte. Die Sehnsucht nach sinnstiftender und erfüllender Arbeit ist überall spürbar. Wer den richtigen Signalen folgt, denkt und handelt automatisch sozial. Eine in vielen aktuellen Unternehmsökosystemen eine noch zu häufig unterschätzte oder kleingehaltene Stärke und Qualität.

Manfred

23.09.2014

Sofern es hier wirklich um soziale Ideen zur „Weltverbesserung“ geht und nicht nur, um durch neue Geschäftsmodelle Profit zu machen, wünsche ich dem jungen Unternehmer viel Erfolg.

Alexander Demmer

23.09.2014

In der Tat ein faszinierendes Konzept dass uns ermöglichen würde Soziale Kompetenz und Profitabilität zusammenzuführen. Als Lean Manager erlebe ich immer wieder wie Verbesserungsprogramme in den Fertigungsbetrieben auf Ablehnung stoßen. Wenn wundert’s wenn man bedenkt dass die meisten dieser Initiativen mit Personalentlassungen enden. Auf der anderen Seite klagen wir über Fachkräftemangel. Wenn wir untersuchen warum dies so ist kommen wir auf tief verankerte Glaubenssätze die Verbesserungspotentiale mit Kostenreduktionen verwechseln und dies in vielen Führungsetagen. Konkrete Leuchtturmprojekte in diesem Umfeld, richtig vermarktet, könnten uns auf gesamtgesellschaftlichen Ebene helfen eine Riesenverschwendung an Ressourcen und Kapital zu vermeiden.

Arlette

23.09.2014

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