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Arbeit & Sinn

Auf der Suche nach dem Darum

Immer mehr Menschen verlangen von ihrer Arbeit mehr Nachhaltig- und Verständlichkeit. Die neue Sehnsucht nach Sinn hat nicht nur die junge Generation ergriffen.

Hier sind drei Geschichten aus der modernen Arbeitswelt aus den vergangenen Tagen:

Die Personalerin eines großen Unternehmens kündigt ihre Stelle – und startet ein Experiment, bei dem sie 30 Jobs in einem Jahr ausprobiert.

Eine erfolgreiche Managerin gibt ihren gut dotierten Posten auf und wird Profiboxerin – mit 35 Jahren.

Immer mehr Chefs sind irritiert: Eine ganze Generation von Berufsanfängern fragt nach dem WARUM.

Ob Einzelfall oder Massenphänomen, individuelle Entscheidung oder kollektive Lebenseinstellung – mit der Menschen Arbeit ist es nicht mehr so wie früher. Arbeit ist keine quasi schicksalsgegebene Zwangsläufigkeit mehr, die von Anfang bis Ende in den ewig gleichen, streng vorgegebenen Bahnen verläuft. Sie ist zu einem Lebensteil geworden, das beliebig oft gewechselt, unterbrochen, interpretiert – und in Frage gestellt werden kann.

Und eine besondere Frage taucht in Sachen Arbeit immer häufiger auf, in Berichten wie oben oder beim Tischgespräch mit Freunden: Die Frage nach dem Sinn des Ganzen.

Es ist die schon erwähnte junge Generation Y, passenderweise wie „Why“ ausgesprochen, die die Diskussion darüber, warum wir machen was wir machen, vorantreibt. In fulminanten Plädoyers wie diesem hier oder als Umfragekohorte in Studien wie jener der Bertelsmann-Denkfabrik „embrace“, die vor wenigen Wochen unter dem Titel „Karriere trifft Sinn“ ein bemerkenswertes Psychogram der Generation Y vorlegte.

Demnach sind Studienabsolventen und junge Fachkräfte der Überzeugung, dass ethisches Verhalten wichtiger ist als Geld und auf kurzfristige Rendite getrimmte Konzerne unattraktiv sind. Sie sagen Nein zu ständiger Verfügbarkeit und fremdbestimmter Arbeit. Und sie erwarten nahezu selbstverständlich, dass sich Unternehmen ihren Wertevorstellungen anpassen.

„Nach ihrem Verständnis muss Arbeit Sinn und Spaß machen“, berichtet die Personal-Expertin Susanne Böhlich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung über diese neue Generation. Wobei die Sinnfrage deutlich überwiege. „Deshalb nehmen sie nicht alles hin, sondern hinterfragen Aufgaben und Anweisungen.“

Die Sehnsucht nach mehr Nachhaltig- und Verständlichkeit des eigenen Tuns ist aber längst nicht mehr allein Sache der jungen Generation. Die Sinnhaftigkeit der Arbeit als einer der zentralen Werte des Lebens rückt auch mit zunehmendem Alter und Dauer der Berufserfahrung in den Fokus.

Eine aktuelle FORSA-Umfrage im Auftrag von XING zeigt, wie tief der Wunsch nach einer erfüllenden Tätigkeit auch bei Älteren ist: Für mittlerweile mehr als jede zweite Fach- und Führungskraft über 50 ist eine sinnvolle Arbeit wichtiger als Geld und Karriere. Durch alle Altersgruppen hinweg liegt der Anteil dieser Einstellung zum Job bei rund 40 Prozent, Frauen sind dabei etwas in der Überzahl.

Dabei war das „bloße“ Geldverdienen (oftmals auch noch verschämt unter dem Begriff „Karriere machen“ versteckt) noch bis vor wenigen Jahre Motivation Nummer 1, wie unter anderem auch diese Statista-Tabelle aus dem Jahr 2009 eindrucksvoll zeigt.

Statistik: Aus welchem Antrieb heraus arbeiten Sie? (Ausschlaggebendster Grund) | Statista

Das nachlassende Interesse an üppigem Salär ist auch Ausdruck eines Umdenkens, dass mit der globalen Finanzkrise Einzug in immer mehr Köpfe gehalten hat. Dass das Geldsystem im Großen an seiner Gier scheiterte, war auch für viele Menschen offensichtlich auch ein Zeichen, ihr eigene Jagd nach „immer mehr“ zu überdenken.

Schließlich zeigen auch aufwändige Studien, wie die des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman, dass die Lebenszufriedenheit von Menschen ab einem Haushaltseinkommen von circa 60.000 Euro im Jahr nicht mehr mit dem Einkommen korreliert. Die Lebensqualität steigt nur bis zu dieser Marke. Mehr Geld macht also nicht glücklicher. (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel)

Auch eine große Umfrage des Philips-Konzerns unter seinen amerikanischen Mitarbeitern macht deutlich, dass viele von ihnen gerne für die Firma arbeiten, auch ohne große Karriere und üppige Gehälter machen zu wollen – solange sie das Gefühl haben, ernstgenommen zu werden, Teil eines Teams zu sein und produktiv an der Lösung einer gemeinsamen Herausforderung arbeiten zu können.

Es gibt „vielfältige Möglichkeiten für Arbeitgeber und Führungskräfte, die Zufriedenheit ihrer Angestellten zu steigern“, schreibt Christian Focken, Senior Editor von „embrace“, in seinem Essay „Vom Sinn und Unsinn der Arbeit“. „Zum Beispiel, Aufgaben nachvollziehbar zu formulieren, Mitarbeiter fair führen, regelmäßig motivieren und ihre Interessen, Vorlieben und Meinungen berücksichtigen.“

Interessante Erkenntnisse darüber, wie wirkungsvoll schon einfache Umstellungen in der Arbeitsweise sein können, liefert auch eine aktuelle Studie des US-Organisationspsychologen Adam Grant. Er untersuchte die Erfolgsquote von Callcenter-Mitarbeitern, deren Aufgabe darin bestand, Spenden für Universitäts-Stipendien zu sammeln – eine recht eintönige Tätigkeit, die einem strengen Erfolgsmonitoring unterliegt.

Bei dem von Grants ausgesuchten Callcenter war die Erfolgsquote sehr gering und die Mitarbeiter demotiviert. Für die Studie wurden diese Mitarbeiter in drei Gruppen unterteilt. Die eine Gruppe wurde von dem Stipendiaten besucht, der kurz erzählte, wie viel ihm das Stipendium geholfen hatte. Die zweite Gruppe erhielt einen Dankesbrief. Die dritte Gruppe hatte keinen Kontakt zu den Stipendiaten.

Nach vier Wochen verbrachten die Mitarbeiter der ersten Gruppe 142 Prozent mehr Zeit am Telefon und sammelten 171 Prozent mehr Spenden ein. Bei den anderen beiden Gruppen kam es zu keinen signifikanten Veränderungen. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, so Grant, dass die „steigende Erfolgsquote auf den direkten Kontakt zu einem der Stipendiaten zurückzuführen ist und sich die Mitarbeiter dadurch der Bedeutsamkeit und damit der Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit“ bewusst wurden.

Weitere Untersuchungen ähnlicher Art unterstützen diese Annahmen: Radiologen erreichten eine um 46 Prozent höher liegende diagnostische Genauigkeit, wenn den Unterlagen ein Patientenfoto beilag. Krankenschwestern, die mit dem Operationsteam direkten Kontakt hatten, stellten in derselben Zeit mehr als zweimal so viele Operationskits mit einer insgesamt geringeren Fehlerquote zusammen, als Krankenschwestern, die keinen Kontakt hatten.

Mit der „Sichtbarkeit des Kunden“ kann also das Engagement der Mitarbeiter direkt gesteigert werden. Spätestens hier müssten sogar all jene aufhorchen, die den einzigen Sinn eines Unternehmens in der möglichst effizienten Leistung der Belegschaft sehen.

Doch noch sind längst nicht alle Unternehmen auf die neuen Zeiten eingestellt, selbst wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag. Denn „ein sinnloses Unternehmen kann noch so viele moderne Arbeitselemente schaffen, die kommen nicht zum Leben, wenn kein Sinn da ist,“ analysiert Thomas Sattelberger im Interview mit XING spielraum. Es reiche eben nicht aus, „eine Abteilung für das Gute, auch bekannt unter:„Corporate responsibility“, zu gründen“, damit werde nicht der Bewusstseinswandel befriedigt, der sich bei vielen Menschen vollzogen habe, so Deutschlands bekanntester Arbeitsexperte.

Stattdessen würden vielen Firmen versuchen, die Bedürfnisse der Menschen nach Sinn dadurch zu kanalisieren, indem sie „einmal im Jahr einen Social Day machen, an dem man Parkbänke streicht. Das geht nicht gut“, so Sattelberger.

Der wahre Sinn, er liegt wohl tiefer.

2 Kommentare

Luca Petritsch

09.09.2014

Ganz klarer schutzmechanismus um sich von der zunehmenden irreführung der monopolitik zu distanzieren und den menschen ihre werte wiederzugeben. Natürliche selektion.. und wenn mutter natur will das das system sich ändert, dann ändert es sich. .

Glückwunsch es wird alles gut.. ;)

H. Hernandez

10.09.2014

Sinn und Zweck der Arbeit – trifft das ausschließlich auf die Genration Y zu? Für mich (55 J.) traf und trifft es schon mein ganzes Berufsleben lang zu: 40 Jahre im selben Job/Betrieb – nein danke! Vielleicht eine persönliche Einstellung? Anfangs waren Berufswunsch und Wirklichkeit (Ausbildungsplatzangebote für damalige Babyboomer) unter einen Hut zu bringen, später Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich hatte Glück und verständnisvolle Arbeitgeber. Heute lese ich die Statistik „von hinten“: Mein Wunsch ist es die kommenden 10 Berufsjahre „körperlich und geistig fit zu bleiben“, Selbstbestätigung, Kontakte, Selbstverwirklichung oder besser gesagt, persönliche und fachliche Kompetenz weitergeben zu dürfen. Eigene Entwicklung, Feinschliff.. Mich verbiegen zu müssen und Kröten zu schlucken, passt nicht mit meiner Lebenseinstellung zusammen. Mindestanforderung sind (Zitat) „..das Gefühl haben, ernstgenommen zu werden, Teil eines Teams zu sein und produktiv an der Lösung einer gemeinsamen Herausforderung arbeiten zu können.“ Selbstverständlich ist ein angemessenes Gehalt auch wichtig. Gerade im Hinblick auf die (natürlichen) „Brüche“ im Lebenslauf vornehmlich von Frauen, wäre die Verhinderung von drohender Altersarmut durch entsprechende Leistung an die Rentenkasse mehr als sinnvoll. Fehlen nur noch weitsichtige Arbeitgeber, die Frauen und Männern ü50 eine Chance geben. Alles in allem sind in meinen Augen die Generationen mehr beieinander als man gemeinhin denkt.
Freundliche Grüße aus Trier!
H. Hernandez (arbeitssuchend)

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