Zwischen Fernweh und BWL. Ein Kommentar zum FAZ-"Weckruf".

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Marjorie Jochims, 27 Jahre, Public Relations Praktikantin bei der XING AG. Sie verfasste eine ganz persönliche Antwort auf den am 17.07.2014 veröffentlichten Weckruf der FAZ: „Studenten, was geht?“

Der „Weckruf“ der FAZ provoziert. Sind die heutigen Studenten wirklich alle konformistisch? Stehen sie alle auf Biokohlrabi, Backpacking und sammeln Praktika? Unzählige Studenten haben reagiert, sieben konnten im FAZ-Folge-Artikel „Wir sind so schrecklich fremdbestimmt!“ ihre Sicht der Dinge schildern. Und sind sich einig: Fremdbestimmung ist ein großer Einflussfaktor bei der Studien- und Praktikumswahl. So beklagt Verena Jürgens aus Bielefeld „die vielen, widersprüchlichen Ratschläge bringen mich zur Raserei“. „Mach bloß viele Praktika, sonst hast du nur die Theorie, da nimmt dich keiner!“ Oder: „Werd’ bloß nicht wie die vor dir, diese Generation Praktikum, ein, zwei Praktika bei namhaften Unternehmen reichen.“ Ich selbst kann von diesen Ratschlägen ein Lied singen. Als Praktikantin stehe ich noch ganz am Anfang meiner Karriere und beschäftige mich praktisch täglich mit den Fragen, die der FAZ-Weckruf aufwirft.

Mein Vater ist Soldat. Schon früh sorgten meine Eltern dafür, dass auf meinem Nachtschrank Prospekte zum Thema „Studieren bei der Bundeswehr“ lagen. Ob Bundeswehr oder nicht, war dabei gar nicht so wichtig. Hauptsache, ich würde eine Laufbahn einschlagen, die mir vor allem eins gab: Sicherheit. Für Kinder der Kriegsgeneration ist das Denken meiner Eltern nicht ungewöhnlich. Die Gleichungen

Studium = Eintrittskarte in ein erfolgreiches Leben

und

Öffentlicher Dienst = Sicherheit

Marjorie

Marjorie Jochims, Praktikantin bei der XING AG.

sind auch für mich durchaus relevant. Aber nicht mehr genug. Die Alternativen sind einfach zu mannigfaltig und reizvoll. Erst Abi, dann ein Jahr als Au Pair in Kalifornien – das war meine Rechnung. Und die ging auf. Dann zog es mich in die Niederlande, des Studiums wegen. Denn auf einmal war da diese Stimme, die mir bei allem Gefühl von Freiheit sagte: „Studier‘ was, das Dir Spaß macht und etwas bedeutet.“ Und dann doch wieder die Unsicherheit „Aber stell sicher, dass Du hinterher damit dein Brot verdienen kannst“. Tourismus-Management also. Eine gute Mischung aus Fernweh und BWL. Auch aus der Perspektive meiner Eltern keine schlechte Wahl. Kaum angefangen, siegte dann erneut die Sinnsuche über die rein ökonomische Karriereoptimierung. Ein Praktikum? Klar. Aber dann bitte Öffentlichkeitsarbeit für den guten Zweck in einem südafrikanischen Township. Zugegeben, es war wohl eine Art Win-Win-Situation. So ein Auslandsaufenthalt macht sich ja auch nicht schlecht im Lebenslauf. Ein weiterer Kommentator des FAZ-Weckrufes hat das ganz treffend formuliert: „Penisgröße war gestern, heute werden Lebensläufe verglichen“. Die Konkurrenz ist groß. Sie wird größer. Immer mehr Deutsche machen Abitur und studieren.

Viele meiner Kommilitonen erzählen von ihren Herausforderungen im Kampf um den Traumjob. Heute sind bunte und eindrucksvolle Lebensläufe nichts Besonderes mehr. Lena hat International Business in Amsterdam studiert und Max geht für sein Erzieher-Praktikum ein halbes Jahr nach Irland. So sind Lebensläufe für das kritische Recruiter-Auge oftmals nicht mehr besonders-bunt, sondern einfach nur noch gleich-bunt. Trotz aller Bemühungen sich von der grauen Bewerbermasse abzuheben, berichten Freunde deshalb nicht selten von der fünfzigsten erfolglosen Bewerbung nach dem Studium. Das ist dann sicher auch keine Antwort auf die Sinnsuche.

Davon lass ich mich aber nicht einschüchtern. Irgendwann ist es mir klar geworden: Ich suche beides. Und wer suchet, der findet: Selbstverwirklichung und Sicherheit. Die Entscheidung für die Sinnsuche kann für mich nicht der logische Verzicht auf finanzielle Sicherheit sein. Und mit dieser Haltung steh ich nicht alleine da. Während meines Praktikums hier bei XING hatte ich kürzlich die Möglichkeit, mich mit einer Personalerin zu unterhalten. Sie hat mir ihre Variante der Gleichung erklärt: Erfolgreich UND sinnerfüllt kann man auch sein. Nämlich dann, wenn man einen Beruf ausübt, der Herzensangelegenheit ist und es einem gelingt, seine Ideen, Strategien und Werte anderen zu vermitteln. Schwer zu finden? Stimmt. Aber wo ein Wille, da ein Weg.

1 Kommentare

Johnb502

22.10.2014

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