Familie & Beruf

Editorial: Mehr Chancen für Kinder UND Karrieren

Das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in Deutschland drängender denn je. Eine moderne, gut ausgebildete und motivierte Generation junger Eltern wartet auf überfällige Reformen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Editorial zu unserem Monatsthema von Spielraum–Redaktionsleiter Ralf Klassen.
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die aktuellsten Meldungen zur deutschen Familienpolitik, gesammelt in den vergangenen Tagen, lauten so: Laut einer neuen Bertelsmann-Studie fehlen in Deutschland derzeit rund 120.000 (!) Erzieher; in Berlin streitet man schon wieder um das gerade erst eingeführte Betreuungsgeld; Familienministerin Manuela Schwesig muss ihr lang geplantes Kita-Qualitätsgesetz wegen des Widerstands der Länder streichen.

Ob rechts oder links, konservativ, sozialdemokratisch oder liberal: Seit Jahrzehnten vermittelt die jeweils regierende Elite Deutschlands beim Thema „Beruf und Familie“ den Eindruck, eine ziellose, von tausenden Einzelinteressen und Weltanschauungsgrabenkämpfen durchlöcherte Nichtstrategie zu verfolgen, in die die Bürger schon lange kein Zutrauen mehr besitzen. Familienpolitik – das gehört nicht zu Unrecht zu jenen Feldern in Berlin, an denen sich auch die talentiertesten Politikköpfe vergeblich abarbeiten.

Die Politik aber, und das ist auch eine Wahrheit, ist nur ein Teil des Problems. Denn auch in Gesellschaft und Wirtschaft hat dieses elementare Thema immer noch nicht den Stellenwert, der ihm eigentlich zukommen müsste. Auch wenn zwei Drittel der Bevölkerung das Doppelberufstätigen-Modell als „ideal“ beschreibt, gibt es noch immer empörtes Getuschel hinter dem Rücken berufstätiger Mütter. Noch immer werden Frauen bei Vorstellungsgesprächen nach ihren Familienplänen gefragt – so, als hätten diese womöglich Auswirkungen auf die fachlichen und menschlichen Qualifikationen. Und noch immer ernten Väter in Elternzeit Machosprüche der lieben Kollegen. Und noch immer sind Betriebskindergärten wie der von Henkel in unserem Foto oben die Ausnahme.

Ja, es gibt Mütter (und tatsächlich auch Väter), die wirklich nichts anderes tun wollen, als sich – zumindest einige Jahre – um das Wohl ihrer Kinder zu kümmern. Und, natürlich, es gibt keinen Zwang, Familie und Beruf, Kind und Karriere vereinbaren zu MÜSSEN. Zum Glück. Doch das darf nicht die Entschuldigung dafür sein, dass eine moderne Gesellschaft im 21. Jahrhundert es nicht schafft, ihren Mitgliedern eben genau diese Möglichkeit zu bieten. Schließlich liegt, jenseits aller individuellen Wunscherfüllung, auch eine volkswirtschaftliche Chance in der Verbesserung der Verhältnisse: Wenn wir es schaffen, das gewaltige Potential an klugen, gut ausgebildeten und motivierten Frauen an für sie adäquate Arbeitsplätze zu bringen, ist das Gespenst des Fachkräftemangels bald erledigt.

Doch noch sieht die Wirklichkeit leider anders aus: Nahezu jede der rund 12 Millionen Familien in Deutschland, in denen beide Elternteile arbeiten wollen/müssen/möchten, steht beinahe alltäglich vor der Aufgabe, Familienleben und Berufe trotz mangelhafter Strukturen und Ressourcen in Firmen, Kindertagesstätten und Schulen zu organisieren. Von den nahezu heroischen Anstrengungen vieler Alleinerziehender ganz zu schweigen.

Es ist höchste Zeit, dass sich was dreht.

In unserem Themenschwerpunkt „Familie & Beruf“ wollen nicht die Augen vor dieser Realität verschließen und Dinge schöner reden, als sie sind. Aber, wir wollen Mut machen und darüber informieren, wie man es auch hierzulande schaffen kann, die beiden wohl wichtigsten Bestandteile des Lebens miteinander zu verbinden.

Unser Auftaktstück: „Als Frau sind Sie für uns ein Risiko“ ist so ein Mutmacher. Die Hamburger Rechtsanwältin Nina Diercks beschreibt darin, wie sie und ihr Mann sich den beidseitigen Wunsch nach Kindern UND Karriere erfüllt haben – freilich erst nach vielen Schwierigkeiten, Rückschlägen und – wie schon die Überschrift verrät – etlichen hanebüchenen Sprüchen, die aber, machen wir uns nichts vor, auch heute noch zum Standardgedankengut vieler deutscher Personalabteilungen gehören.

Mit unseren Serviceartikeln möchten wir Ihnen eine Übersicht über rechtliche Grundlagen und Förderungsmöglichkeiten für ihre Familien- und Berufspläne geben, ihnen aber auch Erfahrungsberichte, interessante Foren und Communitys empfehlen.

Im Laufe des Monats kommen dann noch weitere Reportagen, Experteninterviews und Ratgeberstücke dazu. Wenn Sie Fragen und Anregungen zu diesem oder anderen Themen haben, können Sie sich jederzeit über diese Seite mit uns in Verbindung setzen, oder unter den jeweiligen Artikeln kommentieren. Wir freuen uns über Ihr Feedback.

Ihr

Ralf Klassen

1 Kommentare

Jana

19.08.2014

Sehr geehrter Herr Klassen,

ich finde die Idee über mehr „Mutmacher“ zu berichten sehr gut. Genau so etwas benötigt man, neben der allzu oft entmutigenden Realität. Ich selbst habe studiert und beginne nun meinen Berufsweg, doch weiß ich auch schon jetzt, dass Kinder zu meiner Zukunft dazu gehören. Deshalb stehen ich vor eben jenen Fragen und Problemen, die hier beschrieben wurden und noch werden, und beschäftige mich intensiver mit diesem Thema. Ich bin gespannt auf weitere „Mutmacher“ und was Experten zu diesem Thema sagen und der Politik bzw. Wirtschaft raten. Schöne Grüße