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"Social Sabbatical": Ein Gewinn fürs ganze Leben

Stromausfälle, Sprachbarrieren, andere (Arbeits-) Mentalitäten, aber happy: Wer ein Social Sabbatical macht, kann mit seinen Fähigkeiten im Ausland helfen und viel Neues kennenlernen – und kommt verändert zurück.

Vier Wochen raus aus dem Berufsalltag, in einem fremden Land Gutes tun, als bezahltes „Fortbildungsangebot“ ihrer Firma? Nadine Ebert und Christian Viezens haben genau das getan: Sie haben das „Social Sabbatical“ absolviert, das ihr Arbeitgeber SAP anbietet. In den USA haben bereits einige Unternehmen solche Programme, hierzulande verbreitet sich die Idee gerade: Zukünftige Führungskräfte arbeiten vier Wochen im Ausland an einem Projekt für eine Non-Profit-Organisation oder ein Unternehmen, das das Land nach vorne bringen will. Dafür erhalten sie weiter ihr gewohntes Einkommen. Im spielraumInterview erzählen Ebert (32) und Viezens (34), was sie dazu motiviert hat, was sie im Ausland gemacht haben, und warum ihre Arbeit jetzt so ganz anders ist als zuvor.

spielraum: Warum haben Sie sich für das Social Sabbatical beworben?
Nadine Ebert: Als ich angeschrieben wurde, wusste ich sofort, dass ich das machen will. Ich war vorher immer in verschiedenen Ländern, zu dem Zeitpunkt arbeitete ich aber schon vier Jahre in Palo Alto. Ich wollte eine neue Perspektive, mich beruflich und persönlich weiterentwickeln. Im April 2014 ging es dann los: Für vier Wochen nach Brasilien, nach Porto Alegre. Aber ich wäre überall hin gegangen!
Christian Viezens: Ich fand das Angebot sehr interessant: Ich habe die Chance, über den Tellerrand hinauszuschauen, aber für einen festen Zeitraum, so dass ich meinen Job dafür nicht kündigen muss. Gleichzeitig wollte ich meine Soft Skills erweitern und meine Erfahrung als Informatiker für einen guten Zweck einbringen. So ging es dann im April 2014 für vier Wochen nach Nairobi in Kenia.

spielraum: Was haben Sie vor Ort genau gemacht?
Ebert: Ich war in Porto Alegre bei „nos coworking“, es gibt einen Raum, in dem Arbeitsplätze vermietet werden, aber es werden auch Workshops veranstaltet. Das Unternehmen liegt in einem Bezirk, der wirtschaftlich noch stark zu revitalisieren ist. Das soll über eine Crowdsourcing-Plattform geschehen – dafür haben wir ein Konzept entworfen.
Viezens: Ich war bei einer Initiative tätig, die die Management-Fähigkeiten in Afrika verbreiten will, dazu veranstaltet sie Seminare und Trainingskurse. Zusammen mit den anderen SAP-Leuten aus aller Welt, die dort auch das Social Sabbatical machten, haben wir einen Business-Plan für ein Franchise-Modell entwickelt – damit die Weiterbildungen auch außerhalb der Großstädte angeboten werden können.

spielraum: Was war die größte Herausforderung vor Ort?
Viezens: Die Zusammenarbeit mit den Afrikanern war nicht sehr anstrengend, das war kein Problem. Doch eine wirkliche Herausforderung war die Infrastruktur: Wir haben einen Bus bestellt, der kam dann nicht, wir hatten Pannen, einmal in der Woche war Stromausfall. Oft gab es Internetausfall – wie sollten wir da weiterarbeiten? Oft sind wir dann einfach ins Hotel gefahren und haben dort weitergemacht, weil das Internet stabiler war. Da musste man einfach flexibel und schnell alternative Lösungen finden.
Ebert: Zunächst war es die Sprachbarriere: Wir von SAP konnten kein Portugiesisch, die Leute vor Ort kaum Englisch. Doch das hat sich schnell gefunden. Die Arbeitsweise dagegen war schon sehr unterschiedlich: Während ich sehr gerne alles durchplane, organisiere und durchdenke, wurden bei den Brasilianern oft spontan Meetings abgesagt. Einer sagte: Ich hatte heute Nacht eine Idee. Dann wurde alles umgeworfen und an etwas ganz anderem gearbeitet. Man musste immer offen für Neues und flexibel sein. Und: Man geht dort sehr relaxt mit Deadlines um, für mich etwas ganz Ungewohntes.

spielraum: Was war die tollste, außergewöhnlichste Erfahrung, die Sie gemacht haben?
Viezens: Wir haben einmal einen Pfarrer und Kinder in einem Slum in Nairobi besucht. Das war für mich das prägendste Ereignis. Wir haben den Kindern Reis, Mehl und Spielzeug mitgebracht. Das Leuchten in den Gesichtern zu sehen, trotz größter Armut, hat mich schon bewegt. Das war für mich auf jeden Fall ein Augenöffner für die Problematik in dem Land.
Ebert: Es war die Gesamtheit der Erlebnisse dort. Die Zeit war einfach extrem intensiv, in vielen Hinsichten. Man ist 14 Stunden am Tag mit anderen Leuten zusammen, man hat nicht viel Zeit nur für sich. Aber das ist auch gut: Es war eine Erfahrung, die total zusammenschweißt. Ich habe mit vielen der Leute immer noch Kontakt. So ein Perspektivenwechsel bringt einen persönlich ungemein weiter.

spielraum: Nach vier Wochen waren Sie zurück im Alltag. Was hat sich für Sie durch die Erfahrung geändert?
Viezens: Mein Bild von Afrika hat sich völlig verändert. Ich verstehe jetzt besser, welche Möglichkeiten es dort gibt, dass die Bevölkerung extrem hart arbeitet. Man hat auf jeden Fall gelernt, sich besser und schneller auf neue Menschen und Arbeitsweisen einzustellen und dann auch noch zusammen ein Ziel zu erreichen. Ich habe gelernt, dass das oft auch gelingt, wenn man loslassen und Verantwortung abgeben kann. Ja, ich denke, ich habe auf jeden Fall meine „Social Skills“ verbessern können.
Ebert: Mir haben die vier Wochen sehr für meinen Job hier weitergeholfen: Ich bleibe jetzt nicht mehr in meiner eigenen kleinen Marketing-Welt, sondern habe gesehen, wie andere Leute Lösungen finden. Ich glaube, ich kann Leuten in anderen Abteilungen nun besser zuhören, und mich besser auf andere Arbeitsweisen einstellen. Aber auch für mich persönlich hat sich etwas verändert: Ich habe jetzt eine bessere Work-Life-Balance, bin relaxter. Vorher habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie mich andere wahrnehmen. Jetzt gehe ich selbstbewusster ran und sage mir: Das klappt schon irgendwie!

Redaktion: Maria Huber

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