Im Zeitraffer zum CEO

Student, Programmierer, Gescheiterter, Unternehmenschef – Paul Biggar macht einen für das Silicon Valley typischen Crash-Kurs durch

Von Matthias B. Krause, San Francisco

Das Hochhaus an der Market Street ist kein Bilderbuch-Platz für Start-ups. Der Vorgarten manikürt, der Pförtner streng, das mit hellem Marmor gefließte Foyer mit Sitzkunst gestaltet – so sieht es bei den Banken und Investmentfirmen aus, die sich in Downtown San Francisco niedergelassen haben. Als Paul Biggar aus dem Aufzug tritt, trägt er statt Anzug und Krawatte ein blau-kariertes Flanellhemd, blaue Jeans, blaue Chucks. Das geht selbst im bei Kleidungsfragen lockeren San Francisco nicht mehr als Business Casual durch, ist aber eine Stufe formeller als Kapuzenpulli und Flip-Flops, die Facebook-Chef Mark Zuckerberg zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Für einen Chef aus der Generation Y also völlig in Ordnung.

Paul Biggar war 23, als er in seiner Heimat Irland mit Studienkollegen sein erstes Unternehmen gründete – und nach wenigen Monaten wieder ausstieg. Fünf Jahre später durchlief er den Y Combinator, einen der prestigeträchtigsten Accleratoren im Silicon Valley und startete seine zweite Firma, eine Vermarktungsplattform für Journalisten. Und getreu dem Motto von Lean-Start-up-Guru Eric Ries, dass, wenn man scheitert, es doch bitte schnell tun möge, machte Biggar das Unternehmen nach neun Monaten dicht, zahlte wenigstens ein Teil des Geldes an seine Investoren zurück und hinterließ eine ausführliche Rechtfertigungsschrift sowie verärgerte Journalisten, die ihre Inhalte kostenlos geliefert hatten.

„Das war damals meine erste Erfahrung damit, zu scheitern“, erinnert sich Biggar, „inzwischen bin ich darin ziemlich gut geworden.“ In den vergangenen elf Jahren arbeitete er in zehn verschiedenen Jobs. Meistens handelte es sich um zeitlich eng begrenzte Projekte, denn sein Ziel hatte er stets klar vor Augen: „Ich wusste schon als Teenager, dass ich eine Firma gründen wollte. Ich musste allerdings erst für mich herausfinden, dass man dafür niemanden um Erlaubnis zu fragen braucht.“ Am längsten hielt Biggar, der parallel seinen Doktor in Computer Science in Dublin machte, es bei Mozilla aus, dem Non-Profit-Unternehmen, das den Firefox-Internetbrowser entwickelte. Doch nach einem Jahr und drei Monaten stieg er auch dort aus, um CircleCi zu gründen.

Im September 2011 schrieben er und sein Mit-Gründer Allen Rohner die ersten Zeilen Code, im Dezember 2011 hatten sie den ersten Kunden. Was CircleCi macht, ist für Computer-Laien schwer zu beschreiben. Stark vereinfacht gesagt bietet das Unternehmen anderen Programmieren ein Werkzeug, um ihre Software schnell zu testen und unkompliziert auf den Markt zu bringen. Die Idee jedenfalls scheint zu funktionieren: 2012 sammelte CircleCI in einer ersten Finanzierungsrunde 1,5 Millionen Dollar ein, die zweite Runde Anfang dieses Jahres brachte weitere sechs Millionen Dollar Venture Capital. Unter den inzwischen über 1.000 Kunden finden sich Namen wie Cisco, Samsung, Salesforce und Kickstarter.

Als Paul Biggar die beiden Flügeltüren zum 15. Stock des Bürogebäudes in der Market Street öffnet, geben sie den Weg frei zu einem Flur, von dem kleine Zimmer abgehen, jedes kaum größer als zehn Quadratmeter. Das Interieur ist in beige-grau gehalten: Beige-graue Teppiche, beige-graue Wände, graue-weiße, mit Styropor abgehängte Decken. Kein Tischfußball, keine Tischtennisplatte weit und breit, nur ein Laufband in einem der Büros und ein schwarzes Rennrad mit knallgelben Reifen im Flur gehen als klassische Start-up-Insignien durch.

Unternehmensgründer Paul Biggar: "Ich habe jetzt alle drei Monate einen neuen Job“

Unternehmensgründer Paul Biggar: „Ich habe jetzt alle drei Monate einen neuen Job“

„Das Büro hier ist ideal“, sagt Biggar, „diese Großraumgeschichten mit Wohlfühl-Ecken und all dem Kram schaden nur der Konzentration. Unsere Programmierer wollen Ruhe zum Arbeiten.“ Und ganz nebenbei zahlt CircleCI für das neue Büro nur die Hälfte dessen, was das alte im Szenebezirk SoMa (South of Market) gekostet hat. Biggars Zimmer unterscheidet sich nicht von denen der anderen: Ein Schreibtisch mit Computer, ein Stuhl, ein Whiteboard, das war´s. Lediglich die Aussicht auf die Hochhausschluchten in San Franciscos Business District ist von hier aus besonders schön.

Wenn er von CircleCi spricht, dann tut Biggar das sachlich, fast emotionslos, ohne erkennbares Zeichen von Stolz. Dabei ist er inzwischen Chef von zwölf festen Angestellten, die Firma wächst kräftig. Die Zeiten, in denen er noch selbst programmierte, sind vorbei. „Ich habe jetzt alle drei Monate einen neuen Job“, sagt Biggar. Mal ist er Marketingchef, mal wirbt er um Investoren, mal stellt er neue Programmierer ein. Anfang des Jahres musst er das erste Mal seinem Board von Investoren Rede und Antwort stehen: „Der Aufsichtsrat ist jetzt mein Boss.“

Was in konventionellen Unternehmen Jahre dauert und das Erklimmen verschiedener Managementebenen beinhaltet, läuft in amerikanischen Start-ups im Zeitraffer und parallel ab. Dabei helfen Executive Coaches und eine breit aufgefächerte Serviceindustrie, in die sich alles von Gehaltsabrechnung bis zu juristischen Fragen delegieren lässt. Und nicht zuletzt der rege Austausch der jungen Bosse untereinander. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich am meisten von Start-ups lernen kann, die 18 Monate weiter sind als wir“, sagt Biggar, „und ich kann denen am besten helfen, die 18 Monate nach uns kommen.“

Seine bislang schwierigste Entscheidung war, einen Mitarbeiter, der nicht ins Team passte, zu feuern, sagt Biggar: „Da musste ich mich am Abend erst einmal mit meiner Frau aussprechen.“ Und manchmal, gesteht Biggar, fehle ihm das Code-Schreiben. So habe er sich neulich, als er eine Woche Urlaub hatte, an den Pool gesetzt und ein kleines Tool programmiert. Bislang mache ihm sein Job Spaß, versichert Biggar. Und wenn das einmal nicht mehr der Fall sein sollte, dann werde er eben aussteigen. „Das ist unser Sicherheitsnetz hier im Silicon Valley: Programmierer werden wie verrückt gesucht.“ Zumal welche mit seinen Qualifikationen. Als Biggar das letzte Mal einen neuen Job brauchte, dauerte es ganze fünf Tage, bis er einen Vertrag unterschrieben hatte. Einen gut dotierten noch dazu.


Facts:

Unternehmen: CircleCI
Standort: San Francisco
Unternehmensgröße: 12 Mitarbeiter
Gründungsjahr: 2011
Branche: Software
Jahresumsatz: 1 Million USD
Kunden Anfang 2014: über 1.000
Venture Capital: 7,5 Millionen USD
Internet: www.circleci.com

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