Generation Y

Gastbeitrag: Mythen der neuen Arbeitswelt - von Svenja Hofert

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Svenja Hofert, Karrierecoach

Svenja Hofert ist Karrierecoach, Bloggerin und Autorin von zahlreichen Büchern. Im September erscheint ihr Buch „Karriere mit System“ bei Campus, in dem es auch um die Worklifestyles der Generation Y geht.

Arbeiten, wo und wann man will? Freiheiten ohne Ende? Fahrrad statt Audi A8? Sinn an jeder Ecke? In der New Work ist kaum was anders, behauptet Karrierecoach und Bloggerin Svenja Hofert. In ihrer Praxis berät sie viele New Worker – und weiß, dass letztendlich viel Medienrummel um nichts gemacht wird. Hier die ersten 5 Mythen.

Es ist Wurst, wie du aussiehst

Da singt eine Wurst im Vollbart und alle sind plötzlich so tolerant, ausgenommen Sido. Jeder kann sein, wie er ist, so die freudige Botschaft. Ob Nerd oder Bart: Alles ist erlaubt. Glaubt ihrs? Vor einigen Wochen bat mich das Handelsblatt darum, das Foto eines jungen Berliners zu analysieren – mit Hut und zwei verschiedenen paar Ringelsocken sowie ausgelatschten Sandalen. „Wo arbeitet der?“ fragte man mich. „Werbung, Marketing, PR“, sagte ich. Das stimmte – wie vor 20 Jahren. Da waren die Freaks auch in den kreativen Abteilungen untergebracht. Sicher: Die Vorstellungen, wie man zu sein hat und auch Kleiderordnungen sind lockerer geworden, das ist prima. Aber wenn ich von einer Kundin höre, dass sie im Jahr 2014 für ihr Outfit von Chef und Kollegen per Fragebogen bewertet wird, dann sind der Freiheit doch auch im New-Work-Zeitalter enge Grenzen gesetzt. Und Ringelsocken und Bank passt weiterhin nicht.

Ganz viel Un-Sinn

Jeder will Sinn, Sie sicher auch. Sie werden absolut niemanden treffen, der keine sinnvolle Arbeit sucht. Nur was sich hinter dem nichtssagenden Wörtchen verbirgt, ist genauso vielfältig wie es immer schon war. Konsequenterweise spricht die neue Embrace-Studie vom „SINNdex“ – für Sinn und Index -, um die Generation Y zu durchleuchten. Die einen suchen ihn in maximaler Freizeit, die anderen in Familienvereinbarkeit und die nächsten nach wie vor in der Einkommensmaximierung. Anerkennung – klar, wissen wofür man arbeitet, das ist wichtig, seitdem es nicht mehr notwendigerweise für den Unterhalt geschieht. Aber was ich so im „Sinndex“ lese, erinnert mich stark an eine wissenschaftliche Einteilung von Karrieremotivationen aus den 1980er Jahren in Freizeit-, Karriere- und Alternativorientierung. Und die Alternativen, Stichwort Bart, Hut und Ringelsocken, stellten immer schon die kleinste Gruppe. Sind das nicht die New Worker von heute?

Geld ist kein Toilettenpapier…

Denn es ist nicht nur so, dass man es braucht! Man will auch immer mehr davon, vor allem die Herren der Schöpfung. Das können Sie auch in der Embrace-Studie nachlesen. Ich erlebe es praktisch jeden Tag bei meinen New-Work-Kunden (da ich auch Old Worker habe, ist ein Vergleich leicht möglich). Ich kann absolut nicht feststellen, dass das Streben nach Geld (und Gütern) geringer geworden ist. Es ist wie es war: Männer streben mit den üblichen Ausnahmen wie in der Gaußschen Normalverteilung danach, ihren Geldspeicher aufzufüllen, schon aus spielerischen Aspekten, Frauen weniger, aber insgesamt bleibt Money, Money, Money ein ganz schön kräftiger Antrieb. Das hat auch mit dem menschlichen Streben zu tun hat, sich von anderen abzugrenzen. In Studien kommt immer wieder heraus, dass Menschen nicht glücklich sind, wenn alle gleich viel hätten, siehe DDR, auch wenn man sich über die Gleichverteilung streiten kann…. Der Mensch will im Vergleich mehr als andere. Der Vergleich mit anderen – die weniger haben – macht den wahren Unterschied. Gibt keiner zu. Aber auch das gehört zu dem ganzen Medienrummel: Was (explizit) gesagt und gedacht und was (implizit) gelebt wird, sind ganz verschiedene Paar Schuhe.

Chef – brauche ich nicht

Von wegen. Die meisten New Worker brauchen Führung – und zwar nicht unbedingt grundlegend, sondern punktuell andere als früher. Klar, der Kommandeur alter Schule ist „out“, eine gewisse Direktivität ist in manchen Kontexten aber weiterhin hilfreich, wie nebenbei gesagt auch in der Kindererziehung, da nennt man das autoritativ. Der eine kann besser mit einem Chef, der Leinen los lässt, der andere mit jemand, der Ziele setzt und der nächste mit einem, der öfter „kuschelt“ – auch das Geschmacks- oder vielmehr Persönlichkeitssache. Was ich allerdings merke, ist, dass die Kritikbereitschaft dramatisch sinkt. Ein falsches Wort vom Chef und schon denkt der New Worker an Kündigung. Auch das sagt mir zumindest, dass man Führung eigentlich dringend bräuchte. Wo kommen wir hin, wenn sich keiner mehr verbessern will und jeder beim geringsten Gegenwind Reißaus nimmt?

Autos? Mir reicht ein Fahrrad

Ja, ich habe Kunden, die kommen mit dem Fahrrad. Einige arbeiten in der Softwareentwicklung, aber es gibt auch ganz traditionelle Banker, die lieber radeln. Insofern ist die neue Arbeitswelt überall angekommen, wo Entfernungen kurz und Staus lang sind. Der Trend zum Fahrrad und der damit scheinbar klimaneutralen Haltung hat nichts mit der neuen Arbeitswelt zu tun. Und genauso wenig sind Vertreter der neuen Arbeitswelt vor Statusdünken gefeit. „Die wollen mir keinen Firmenwagen geben“, entrüstete sich neulich ein New-Work-Kunde über seinen neuen Arbeitgeber. Den fand ich richtig cool: Traditionelles Familienunternehmen, voll auf neue Themen und die Zukunft der Arbeit ausgerichtet. Aber dazu gehört nun mal auch die Abschaffung von Firmenwagen und anderen Vorzugsbehandlungen. Das passt dann auch wieder nicht jedem.


3 Kommentare

Nathalie Brouard

25.06.2014

Meiner Meinung nach zeigt sich einfach immer wieder, dass solche gesellschaftlichen bzw. kulturellen Veränderungen einfach nicht in der Geschwindigkeit vollzogen werden, wie gerne angenommen. Das hängt auch damit zusammen, dass wir doch alle grundlegend durch die Erziehung geprägt sind und diese erfolgte nun mal durch unsere Eltern und nicht durch die Generationsgenossen. Selbst wenn, wir uns gegen manche der anerzogenen Verhaltensweisen und Werte wehren und andere Wege für uns suchen, so wird doch vieles unbewusst genauso gemacht, wie von den Eltern beigebracht. Der Papie hatte doch schon einen Dienstwagen, warum sollte der Sohn, den nicht bekommen? Außerdem ist es ja nicht so, dass man isoliert in seiner Generation lebt und arbeitet, sondern eben in der gesamten Gesellschaft mit den unterschiedlichsten Altersgenossen und somit deren Denkweisen. Aus meiner Sicht wird die Umwälzung der gegebenen Arbeitsstrukturen sicherlich mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Vielleicht auch länger, da dies noch zusätzlich auch von den politischen Akteuren mit beeinflusst wird. Und was die wollen ist ja nicht immer das, was das Volk will ;-)

Kathrin Hecht

06.08.2014

Guter Beitrag! Ich finde es immer erfrischend, wenn die Dinge ein bisschen relativiert werden. Dieser Riesen-Hype, der um vieles gemacht wird – vielleicht nur eine andere Art der Selbstdarstellung… Und vielleicht ist es das, was die (selbst ernannten) New Worker von den anderen Workern unterscheidet: Das ständige sozial-mediale Herausschreien über sich selbst und die tollen Dinge, die man macht.

Diese Debatte erinnert mich übrigens ein bisschen an die Debatten um Social Media vs. PR: Dieses Bohei um und dieses Pochen auf Social Media, dabei sind Online-Medien im Grunde genommen doch auch nur ein Kanal, wie es das Printwesen, Radio und TV immer schon waren – oder nicht? Und die wurden auch nicht getrennt von der PR betrachtet.

E. Griesser

05.09.2014

Da kann ich mich nur anschließen. Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich hier um Wunschdenken und Selbstdarstellung handelt. Ich habe einen coolen Job, viel Freizeit, kann alles entscheiden, brauche wenig Geld, bin frei. Gilt das dann für alle? Was ist mit Rahmenbedingungen wie Infrastruktur, Entsorgung etc. die ja wohl als gegeben angesehen werden. Dürfen diejenigen, die sich darum kümmern, auch „Wünsch Dir was“ spielen? Was passiert, wenn man Verantwortung zum Bespiel für eine Familie übernehmen muss? Dann funktioniert vielleicht nicht mehr alles wie gewünscht. Da muss man sich der Gesellschaft und den vorhandenen Einrichtungen zumindest in einem gewissen Rahmen anpassen. Das kostet Geld, verlangt Einschränkungen, braucht Sicherheit und Verlässlichkeit. Dann zählen „alte“ Werte!

Das Leben ist nur bedingt planbar und meistens kommt es anders als man denkt. Es gab auch in früheren Generationen andere Weltbilder die vom realen Leben eingeholt wurden. Die Arbeitswelt wird sich ändern und dies auch müssen. Es ist sicherlich auch nicht alles gut wie es etabliert ist. Frischer Wind und neue Ideen zur Befriedigung von Bedürfnissen einer neuen Generation schaden nicht. Dies wird aber ein langwieriger gesellschaftlicher Prozess der mehrere Dekaden überdauern wird und bei dem man heute noch nicht sagen kann wie und wohin er sich entwickelt.

Die heutige weltweite Wirtschaft und Gesellschaft, funktioniert nur dadurch, dass eine aberwitzige Verschuldung mit noch mehr Schulden bekämpft wird. Es ist eine Frage der Zeit wann ein Zusammenbruch mit gravierenden Einschnitten kommen wird. Die Auswirkungen sind schwer abzuschätzen. Es wird sich dann zeigen wieviel Wünsche dann noch berücksichtigt und was von Freiheit und Wohlstand dann noch übrigbleibt.