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Generation Y

Die "Generation Y": Plädoyer einer Unruhestifterin

„New Work“ als „Egotrip“? Nein. Die 20- bis 30-Jährigen suchen nach einer Antwort für uns alle.

Von Tina Egolf

Wissen Sie, an Ihrer Stelle käme mir das auch alles etwas seltsam vor. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Sie die Generation der Stunde. Sie waren die Berater, Banker, Werber, Manager und PR-Strategen, die so anders waren als ihre Eltern. Und dann wachen Sie eines Morgens auf. Sie wachen auf, sind auf dem Weg von Ihrer Eigentumswohnung zu Ihrem Job im mittleren Management, mit Riester-Rente und dem Büro-Hund im Gepäck und plötzlich ist die Rede von dieser Generation Y. Von dieser mysteriösen Kohorte, die in unzähligen Feuilletons, Reportagen und schlauen Vorträgen zur Projektionsfläche all dessen geworden ist, was uns so irritiert an unserer lieb gewordenen Arbeitswelt.

Denn da stehen sie nun, diese End-Zwanziger mit ihren MacBooks unter dem Arm und sind so gar keine … Anarchisten, Träumer, Punks, Ökos, Idealisten, Hippies, Karrieristen, Gutmenschen. Sie passen nicht in all die Schubladen, in die man sie stecken möchte. Sie stehen an einem ähnlichen Punkt in ihrem Leben wie Sie damals und scheinen doch so weit entfernt von der Entscheidung, die Sie letztendlich getroffen haben. Denn allzu präsent ist da diese eine entscheidende Frage, die diese Generation stellt, und die so schwer zu beantworten scheint: Wozu das alles?

Generation whY?

Ich will ehrlich mit Ihnen sein: Ich habe kein Interesse daran, Ihnen erneut das abgegriffene Portrait meiner Generation zu zeichnen, von Freelancern und Gründern in München und Hamburg, von Social Media Talenten in Gütersloh und nicht zu vergessen, von all den super flexiblen Job-Hoppern, die heute ein Musikfestival in Berlin managen und morgen als Wirtschaftsprüfer in Singapur arbeiten. Davon haben Sie gelesen. Und das würde uns unweigerlich zu der Diskussion führen, ob der 25-jährige Metzger in Brandenburg denn nun auch dieser Generation angehört und nach Mitsprache und Sinnstiftung strebt. Aber darum geht es nicht.

Es geht um ein Gefühl, eine Einsicht, die sich in diese Generation geschlichen und die ganz ohne Revolte und Sturm auf die Bastille ihr Selbstverständnis und ihre Perspektive auf Arbeit, Unternehmen und Gesellschaft um das entscheidende Quantum verändert hat. Glück und Sicherheit warten nicht mehr hinter den Türen eines konformen Lebens. Unsicherheit ist die neue Konstante. So einfach ist das und dazu noch nicht einmal neu. Aber wissen Sie was? Das macht überhaupt nichts. Denn wie vielleicht keine andere Generation zuvor, ist diese mit einem Gefühl der Unsicherheit und der dauerhaften Veränderung aufgewachsen, das zum bitter-süßen Teil ihres Lebensentwurfs geworden ist.

Ja, ich stehe morgens vor dem Spiegel und stelle mir Fragen wie: Was ist, wenn ich scheitere? Wenn ich nichts besonderes bin? Und ich kann Ihnen verraten, all die jungen Associates, die Startup Horden, die Design Thinker, die Freelancer und Junior Account Manager … sie alle stellen sich diese Fragen bevor sie schließlich im Büro vor Ihnen stehen und wie selbstverständlich die Projektleitung übernehmen wollen, immer und immer wieder nach Feedback fragen und schneller die neusten Branchentrends recherchiert haben, als Sie Ihren Computer hochfahren können.

Jungunternehmerin Tina Egolf: "Was bedeutet eigentlich... Erfolg?"

Jungunternehmerin Tina Egolf: „Was bedeutet eigentlich… Erfolg?“

Die Generation Y lebt zwischen Zweifel und Hybris, Tatendrang und Selbstausbeutung, Bewunderung und Kritik, Kreativität und Klischee und das mit einer Selbstverständlichkeit, die kein Hadern kennt mit den Technologien, dem Internet und den Innovationen, die unsere Welt schneller und fundamentaler verändern, als es manch einer wahrhaben will. Doch genau in dieser Ambivalenz, dieser Unberechenbarkeit, die es so unmöglich macht zu sagen, ob am Ende alle zu den traditionellen Werten zurückkehren, sich dem Gleichschritt der Konzern-Karrieren anpassen oder doch den Untergang des Abendlandes herbeiführen werden, liegt eine Fähigkeit, ein Potential verborgen.

Eine Einladung. Eine Frage. Und die Faszination der fehlenden Antwort.

Es ist so einfach aus dem, was wir Arbeit nennen, ein Naturgesetz zu machen. Stetigkeit und Fleiß, Hierarchie und Kontrolle, Macht und Geld – das sind die Säulen unserer (Arbeits-)Welt. Richtig? Aber wozu sollten wir so weitermachen wie bisher? Wozu sollten wir diese Paradigmen und Glaubenssätze in die Zukunft tragen?
Stellen Sie sich vor, was wir verändern könnten, wenn all die Antworten auf die Fragen, wie wir leben und arbeiten sollten, noch offen wären: Warum sollten Mitarbeiter nicht alles wissen? Was wäre, wenn Sie jeden Morgen selbst bestimmen könnten, woran und wie viel Sie arbeiten? Wem dient Führung? Was geschieht, wenn wir Arbeit nicht mehr bezahlen? Warum ist Seniorität gleichzusetzen mit Autorität? Und was bedeutet eigentlich Erfolg?

Vor Ihnen steht eine Generation, die im Vergleich zu ihren Vorgängern nicht die Antwort auf diese Fragen kennen will, sondern sie immer und immer wieder aufwirft. Die die Fähigkeit besitzt, Dinge in Frage zu stellen und dabei in der Lage ist, das Fehlen der Antwort auszuhalten.

Und nun kommen Sie ins Spiel. Denn letztendlich steht diese Generation an einem ähnlichen Punkt wie Sie damals, nicht wahr? Mit allen ihren Selbstzweifeln und Ideen, mit ihren manchmal aberwitzigen Ansprüchen und dem unverwechselbaren Talent immer den Finger in die Wunde einer „ordentlichen“ Karriere zu legen, gibt es zwei Möglichkeiten, wie Sie, als ManagerIn, KollegIn, UnternehmerIn oder Vorgesetzte, mit diesen Jungen umgehen können.
Sie können dieses ganze Gerede von der Generation Y, der Veränderung und den Sinn-Fragen als kitschigen Trend, als die rituell wiederkehrende Schwärmerei einer Lebensphase abtun. Sie können davon überzeugt sein und es bleiben, dass Sie damals die richtige Entscheidung getroffen haben und dass der Einfluss, die Kontrolle und der Status, den Sie sich erarbeitet haben, nun bitte schön nicht von einem 27-jährigen Dauer-Digitalen in Frage gestellt werden sollte.

Oder Sie vergessen für einen Moment all die launigen Geschichten über Work-Life-Balance, Feelgood-Manager und jugendliche Selbstüberschätzung. Sehen Sie sie sich noch einmal an, diese End-Zwanziger mit ihren MacBooks unter dem Arm. Diese Generation hat, wie wahrscheinlich jede vor ihr und jede kommende, ein Potential und eine Verantwortung, die es zu unterstützen und zu fördern gilt, wollen wir unsere Gesellschaft weiterentwickeln. Diese Generation ist nicht dazu bestimmt, zu werden wie Sie oder Werte wieder zu beleben, die wir uns so zurück sehnen. Sie kann ihr eigene Identität entwickeln, ihre unruhestiftendes und veränderndes Potential entwickeln. Aber sie kann es nicht alleine.

Wenn Ihnen also morgen im Büro Ihre 25jährige Produktmanagerin erklärt, dass die Zeiten von PowerPoint vorbei sind und sie sich nächste Woche frei nehmen wird, um ihr Tech-Startup vor Investoren zu präsentieren, dann sehen Sie noch einmal genau hin. Sehen Sie hin und hoffentlich erkennen Sie, das was da vor Ihnen steht, nichts anderes ist als eine Einladung. Die Einladung sich eine einzige Frage zu stellen, mit der wir gemeinsam so viel verändern können:

Wozu arbeiten wir?


Über die Autorin:

Tina Egolf will die Zukunft der Arbeit verändern. Sie arbeitet in Kopenhagen als Product Managerin für Podio, ein Online-Tool für neue Formen der Zusammenarbeit und des Prozessmanagements,  und koordiniert als Botschafterin die „Hamburg Geekettes“, ein wachsendes Netzwerk für Frauen in der Tech- und Startup-Szene.  1984 geboren, fällt Tina Egolf mitten hinein in die Kohorte jener wahlweise kreativen Freigeister oder perspektivlosen Arbeitsscheuen (je nach befragtem Medium): der Generation Y. Ihr professioneller Hintergrund reicht von zeitgenössischer Kunst über Venture Capital bis hin zu Sozialunternehmertum und macht sie zu einer Grenzgängerin und Übersetzerin zwischen den Welten.

17 Kommentare

Christoph Bredemeyer

03.06.2014

Ich gehöre dieser Generation an, von der Tina Egolf in ihrem wirklich toll geschriebenen Beitrag spricht.
Und ich möchte einfach nur sagen, dass es fast erfrischend ist ausnahmsweise mal keine Beschreibung des Millennials Phänomen zu lesen, sondern viel mehr den Versuch zu starten es zu verstehen und alle einzuladen sich dieser Generation zu stellen oder eben nicht. Danke.

Anmerken möchte ich noch kurz, dass ich zwar Endzwanziger bin, jedoch kein MacBook, sondern ein Surface unter meinem Arm trage. ;)
Von wegen Apple-Generation…

Stefan Nette

03.06.2014

Wirklich ein ganz großartiger Text. Sehr treffend in vielen Belangen. Ich bin auch der Meinung die Generationen sollten aufeinander zugehen und sich dementsprechend unterstützen. Das gilt aber auch für uns gegenüber den anderen Generationen.

V

Claudia Reist

03.06.2014

Toller Artikel – herzlichen Dank!

Daniel Schlachter

03.06.2014

Ein sehr spannender Ansatz. Wichtig ist aber, dass der Dialog zwischen Y und oldies zum Funktionieren kommt, damit ein Verständnis aufgebaut werden kann.

Thomas

04.06.2014

Ein super Artikel. Ich gehöre zwar laut Geburtsjahr (1976) nicht zur Generation Y, aber das Lebensmotto verfolge ich seit Jahren, vielleicht beende ich auch deshalb erst jetzt mein Studium. Ob meines Alters werde ich es wohl etwas schwerer haben in einen Job zu kommen, aber ich will auch nicht in ein Hammsterrad von Karriere und Geld, sondern viel lieber ein erfülltes Leben mit Freunden und Familie und natürlich einen Job der mir Spaß macht, der mich erfüllt und mir das Gefühl gibt mit meiner Arbeit etwas erreicht zu haben. Ich lebe doch nicht um zu arbeiten, sondern arbeite um leben zu können.

Jan Wessel

04.06.2014

Liebe Frau Egolf,

nach der Lektüre Ihres Artikels kann ich mich so nur in die Generation „WTF“ einordnen, wenn man dies Schubladendenken denn beibehalten möchte.
Generation „WTF“ deshalb, weil sie – wie auch in Ihrem Artikel angeschnitten – fast täglich auf Sachverhalte stößt, die schlichtweg unverständlich sind.

Ich gehöre weder zu den angesprochenen Eigenheimbesitzern, noch zu den hippen „Macbook-unter-dem-Arm“ tragenden Social Media-Talenten, sondern fühle mich irgendwo dazwischen.

Das ist, so empfinde ich es oft, wie das sprichwörtliche „zwischen den Stühlen“-Sitzen.
Auf der einen Seite arbeite ich mit Menschen zusammen, die eher zu den Angesprochenen gehören und nicht wirklich offen für Veränderung sind,
auf der anderen Seite mit Menschen, die gefühlt Alles, aber auch Alles infrage stellen.

Zwischen beiden finden sich dann die Vermittler, keine „digital natives“ zwar, aber noch jung genug, um Trends und Neues aufzunehmen, zu kanalisieren und bewerten zu können.
Denen es zufällt, irgendwie die Balance halten zu müssen zwischen „alles neu machen“ und „Werte bewahren“ und dabei selbst nicht auf der Strecke zu bleiben.
Ich frage mich dann oft „WTF? Wozu mache ich das hier eigentlich?“. Man kann es entweder der einen fest im Sattel sitzenden Seite recht machen oder sich auf die andere Seite schlagen, beides wird einem nicht gedankt.

Dabei müsste es diesen Generationenkonflikt nicht geben, wenn beide Seiten offener wären, auch die jeweils andere Sichtweise zu akzeptieren.
Das ist die größte Herausforderung, der wir uns stellen müssen.

Wozu arbeiten wir? Auch ich habe dazu keine allgemeine Antwort.

Chris Marchel

05.06.2014

AMEN ! ! !
;-)

Guenter

06.06.2014

Wir leben um uns zu entscheiden welchen Sinn WIR dem Leben geben und erfüllen wollen.

Alice

08.06.2014

Eine Eigentumswohnung hat immer noch nicht jeder aus der Y-Generation und es gibt immer noch Menschen dieser Generation, die sich nicht als so Reich bezeichnen können um so eine Frage überhaupt zu stellen. Ich sehe da eine verwöhnte Altersgenossin, die nicht sieht, was sie hat.

chris

10.06.2014

Guter Artikel.
@Alice lies den Artikel nochmal, nicht die Y-Generation ist Eigentumswohnung fixiert, sondern die „Generation“ davor.

Marcus Moeller

13.06.2014

Also bei mir hiess es nie Gereration whY, sondern eher Generation Yps. Für mich spiegelt das Yps Heft, dass viele von uns damals in der Hand gehalten haben auch einige wichtige Grundeigenschaften unserer Generation wieder: Neugier, Bastelbegeisterung und Teilweise auch Enttäuschung, wenn das Gimmick mal wieder K…ke war.

Barbara Benz

16.06.2014

Großartiger Artikel!

David

16.06.2014

Provokation erzeugt Reaktion, aber sicher nicht den wünschenswerten Dialog.

Prym

18.06.2014

100% richtig. Genau das brennt mir seit Monaten auf der Seele!
Vielen Dank für diesen tollen Artikel!

Frank Salchow

20.06.2014

Schade. Wieder ein Artikel, der nur die sattsam bekannten Mythen über die sogenannte Generation Y wiedergibt. Was hier dargestellt wird, trifft – wenn überhaupt – nur auf eine kleine Gruppe zu.
Generell muss man festtsellen, dass man hier noch nie zuvor in so großer Sicherheut gelebt hat. Das reale Ausmaß der geopolitischen Stabilität und der sozialen Absicherung in Deutschland war noch für keine Generation zuvor so groß. Was ist es also, das die derzeitige behütet und in Wohlstand aufgewachsene Generation als gefühlte Unsicherheit wahrnimmt? Wo sind das Verantwortungsbewusstsein und das Streben nach Freiheit der früheren generationen geblieben?
Ich denke es fehlen die echten Herausforderungen, an denen Menschen reifen können. Aber wer wünscht sich die schon zurück?

Arne

20.06.2014

In welcher Welt lebt die Frau eigentlich, wenn sie meint, dass alle Menschen in der Lebensmitte Status und Eigentumswohnung haben?

Und @David – ich stimme vollkommen zu.

kopa@gmx.de

24.09.2014

Frau Egolf wirbt für sich als Produktmanagerin. Gut gemacht. Gleich ein ganzer Artikel. Heißen Sie sie bitte herzlich willkommen. Ihre Lebensweisheit (die Sie als 40-Jährige/r eventuell haben) vergessen Sie bitte, wenn Sie wirklich cool sind, auch alles andere, was Sie an Einstellungen und Menschenkenntnis bisher erworben haben … Sie gehen einfach ganz jungfräulich ran. Dass Sie als Manager und Unternehmer von sich aus neugierig auf Menschen und Neues sind – nein, das glaubt man Ihnen einfach nicht.

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