Der Mindestlohn kommt – auch für Praktikanten

Benjamin Florian Roos

Landesbeauftragter NRW des Bundesverband Deutsche Startups und Mitglied der Tarifkommission des IGZ

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Benjamin Roos, Landesbeauftragter NRW des Bundesverband Deutsche Startups und Mitglied der Tarifkommission des IGZ. Der Artikel ist am 5. Juni 2014 in ungekürzter Form im Magazin Jobmensa erschienen. Für XING spielraum fasst er seine Lösungsansätze für einen gerechten Mindestlohn auch für Praktikanten noch einmal zusammen.

Aus ökonomischer Sicht wird der 01. Januar 2015 je nach Standpunkt des Betrachters mit Spannung, Vorfreude oder Unbehagen erwartet. Grund hierfür ist, dass der kommende Jahreswechsel für die Bundesrepublik nicht weniger als das erstmalige Inkrafttreten einer flächendeckenden Lohnuntergrenze markiert. Jene wirtschaftspolitische Weichenstellung also, um die hierzulande über Jahre hinweg äußerst engagiert und vor allem lautstark (Bundestagswahl) gefochten wurde. Und in deren Konsequenz nun kommt, was in fast allen anderen Ländern Europas längst Realität ist: der Mindestlohn.

Wirklich greifbar werden die Auswirkungen und daraus resultierende Problembereiche für einzelne Gruppierungen jedoch erst beim Blick ins Detail. Konkret gefragt: Was bedeutet das politisch avisierte Minimum von 8,5 Euro pro Stunde beispielsweise für Studierende, deren Arbeitsrealität bis dato mitnichten von fixen Lohnuntergrenzen geprägt war? Und weiter: Machen konsequente Reglementierungen hier wirklich in allen Bereichen Sinn?

Beispiel Praktikum: Aufschrei in der Gründerszene

So sollen nach Stand der Dinge in Zukunft auch Praktikanten vom Mindestlohn profitieren. Zwar nicht von Beginn an, aber nach spätestens sechswöchiger Dauer eines jeden Engagements. Viele Unternehmer sehen diesen Plan als folgenschwer an. Gerade in der auf innovative Wachstumsimpulse angewiesenen Gründerszene stößt das Vorhaben auf wenig Gegenliebe.

Hauptargument ist hier, dass dank des Bachelor immer mehr Studierende immer früher fertig würden – ausgestattet zwar mit einem akademischen Grad, aber mit wenig Berufserfahrung. Um daraus zwangsläufig resultierende Phasen der intensiven Einarbeitung wirtschaftlich stemmen zu können, wird von Gründerseite nun gefordert, die aktuell angedachte Karenzzeit für Praktikanten von sechs Wochen auf sechs Monate auszuweiten. Andernfalls sehen sich viele sogenannte Start-ups existenziell bedroht.

Droht dem Praktikum das Aus? Oder gar der Szene?

Gerade die Gründerszene zeichnet sich bislang dadurch aus, für Studierende und junge Absolventen mit wenig Berufserfahrung besonders durchlässig zu sein. Weit verbreiteter und beiderseits (Student, Unternehmen) gern gesehener Einstieg ist hier das bezahlte Praktikum. Dies führt automatisch zu der Frage, ob der Mindestlohn in seiner aktuellen Lesart, aller Berechtigung im Kampf gegen Lohndumping zum Trotz, nicht auch dazu führt, dass berufliche Einstiegschancen im vergleichsweise fragilen Start-up-Segment de facto wegreglementiert werden.

Sicherlich ist das unbezahlte Praktikum an dieser Stelle auszuklammern, da es in der Tat keinerlei Daseinsberechtigung hat, noch nicht einmal wochenweise. Dagegen ist sehr wohl davon auszugehen, dass junge Menschen auf dem Weg zur dringend benötigten Praxiserfahrung auch mit einem Stundenlohn von beispielsweise 5 Euro anfänglich sehr gut leben könnten. Die durch den Mindestlohn im Raum stehende Alternative lautet jedoch, dass Praktikanten für junge Unternehmen schlichtweg zu teuer werden könnten.

Denn bekanntlich müssen nicht nur Geld/Gehalt, sondern auch Zeit – und damit die Produktivität Dritter – in die Einarbeitung neuer Mitarbeiter investiert werden. Erschließt sich der Gründerszene keine Alternative, könnten vor dem Hintergrund der politisch gewollten 8,5 Euro bald beide Seiten mit leeren Händen dastehen: (1) angehende Absolventen ohne Chance auf vorberuflichen Erfahrungsgewinn durch ein bezahltes Praktikum und (2) Gründer ohne Chance auf zwar günstige und wissbegierige, zu Beginn aber auch Kosten verursachende Praktikanten.

Weiterführende Fragen drängen sich auf

→ Welches Lohnniveau betrachten Studierende im Praktikum selbst als legitim und wünschenswert?
→ Welche Elastizität wäre Start-ups bei der Nachfrage und Bezahlung von Praktikanten dienlich?
→ Welche Aufgaben und Kompetenzerweiterungen wären für Praktikanten vor dem Hintergrund des Mindestlohns von 8,5 Euro legitim und empfehlenswert?
→ Ab wann arbeiten Praktikanten tatsächlich dergestalt mit, dass Werte für ein Unternehmen geschaffen werden? Bei gleichzeitiger Steigerung des eigenen Marktwertes?
→ Welchen Stellenwert haben zukünftig Pflichtpraktika, die von der Mindestlohn-Regelung bereits ausgeschlossen sind?
→ Kurzum: Wie kann der aktuelle Gesetzesentwurf so angepasst werden, dass der allgemeine Mindestlohn zwar nicht unterlaufen, Studierende aber trotzdem Praktika bei jungen Unternehmen absolvieren können?

Unterschiedliche Lösungsansätze für das Problem

Wie eingangs beschrieben, fordern etliche Vertreter der Gründerszene den Mindestlohn im Praktikum nicht bereits nach sechs Wochen, sondern erst nach sechs Monaten. Daraus die Frage: Wäre es aus Sicht des Praktikanten nicht sinnvoll und zudem wünschenswert, im Verlauf des besagten Halbjahres über eine im Vorfeld fixierte Lohnstaffelung quasi schrittweise an den Mindestlohn von 8,5 Euro herangeführt zu werden?
Allein aus motivationalen Erwägungen wäre es für junge Mitarbeiter ein echter Gewinn, steigende Praktikumsdauer mit steigendem Entgelt gleichsetzen zu können. Beispielsweise könnten 5 Euro pro Stunde den Start markieren, gefolgt von 6 Euro nach sechs Wochen, 7 Euro nach drei Monaten und schließlich 8,5 Euro nach einem halben Jahr, sodass hier mit annähernd 1.400 Euro brutto ein Niveau erreicht wäre, das nach erfolgter Einarbeitung mit Fug und Recht als erster Meilenstein der beruflichen Vita bezeichnet werden kann.

Parallelen zur Zeitarbeitsbranche

Leider gibt es noch immer Schwarze Schafe, die sich das unbezahlte Praktikum zunutze machen – auch in der Gründerszene. Unternehmen also, die an der Prägung des medial und politisch Anfang der 2000er aufgekommenen Kampfbegriffs “Generation Praktikum” tatkräftigst mitgewirkt haben. Hätten hier wie auch andernorts, beispielsweise in der Zeitarbeitsbranche, die handelnden Akteure mit mehr Mitte und Maß agiert, wäre die politische Diskussion um den Mindestlohn nie derart entbrannt. Insofern ist ein Teil der Problematik sicherlich als hausgemacht anzusehen.

Zugleich zeigt die jüngere Vergangenheit, wie wirkungsvoll gezieltes Gegensteuern sein kann. Hier hat die Zeitarbeitsbranche mit Equal Pay (schrittweise Lohnangleichung auf Niveau festangestellter Mitarbeiter) bereits vor der Einführung des Mindestlohns einen wichtigen Schritt getan. Die Branche erfährt hierdurch gerade eine bemerkenswerte Bereinigung, an deren Ende ein gleichrangiger Nutzen für beide Seiten – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – stehen dürfte.

Ähnliches wäre nun auch denjenigen Studierenden zu wünschen, die gerne ein ordentlich bezahltes Praktikum in der Gründerszene absolvieren würden. Eine Regelung nämlich, mit der beide Seiten – Praktikant und Unternehmen – gut leben können. Mehr noch: Eine Regelung, durch die beide Seiten überhaupt erst die Chance erhalten, miteinander ins Geschäft zu kommen. Kein Gehalt kann daher nicht die Lösung sein, aber auch ein Mindestlohn von 8,5 Euro scheint in der aktuell geplanten Ausformung wenig förderlich. Gefragt sind einmal mehr Mitte und Maß.

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