Generation Y

Arbeit in Zukunft – Ein Gastbeitrag von Holm Friebe (Teil 1)

Aufmüpfig, arrogant und verweichlicht oder kreativ, effizient und produktiv? Über die Generation Y und ihre Rolle in der Arbeitswelt wird derzeit viel debattiert. Doch wo liegen die Ursachen für das neue Selbstverständnis? Holm Friebe, Autor des vielbeachteten Buches „Wir nennen es Arbeit“, Geschäftsführer der „Zentrale Intelligenz Agentur“ Berlin und Host des „Digital Bauhaus Summit“ Ende Juni, zeichnet für XING spielraum in einem ersten Gastbeitrag die Entwicklung von „Papas alter Arbeitswelt“ bis zur heutigen Umbruchphase nach.
Teil zwei und drei folgen in Kürze hier auf XING spielraum: Im zweiten Teil seiner Beitragsserie beleuchtet Holm Friebe das Hier und Jetzt und fasst den aktuellen Stand der spannenden Diskussion über neue Arbeitsmodelle zusammen. Abschließend zeigt er in einem letzten Blogbeitrag konkrete Perspektiven der Arbeitswelt von morgen auf.

Teil 1: „Was war“

Als Sascha Lobo und ich vor knapp zehn Jahren unser Buch “Wir nennen es Arbeit” vorlegten, war die Welt noch eine andere. Wir wollten argumentieren, warum die Zeiten für im weitesten Sinne kreativ und vernetzt arbeitende Solo-Selbständige besser würden, warum insbesondere die technologische Entwicklung ihnen in die Hände spielt, während die vermeintlich sichere Wahl der unternehmerischen Karriereleiter immer wackeliger wird. Der Untertitel “Die Digitale Bohème” traf einen Nerv der Zeit: Die FAZ nannte es in ihrer Rezension „ein wahres Zeitschlüsselwort, mit dem von einem Moment auf den anderen alles klar und anders wird“. Der zweite Teil des Untertitels “… oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung” wurde jedoch auch als Provokation empfunden. Dabei wollten wir eigentlich nur uns und unseresgleichen Mut zusprechen: Dass die einseitige Bevorzugung der Sicherheit, die uns von Eltern, Lehrern und Professoren eingeimpft worden war, in der neuen Zeit nicht mehr gilt. Dass Arbeit nicht die fixe Summe Leiden sein muss, die von der wachen Tageszeit abgezogen wird. Und dass man ergo bei der Berufswahl getrost auf innere Stimmen und eigene Neigungen vertrauen darf.

Ohne uns vollends darüber bewusst zu sein, hatten wir den Finger in eine Wunde gelegt, die sich von selbst nicht wieder schließen würde. Weil “Papas alte Arbeitswelt” nicht zurück kommt und weil auf einmal die Alternativen sichtbarer wurden. Das Versprechen von Autonomie und Eigenzeit  – “so arbeiten, wie man leben will” – hat begonnen, sich viral im Lager der Angestellten zu verbreiten. Ganz ohne unser Zutun, denn eine neue und anders sozialisierte Generation stellt wie selbstverständlich die Sinnfrage bei der Ausgestaltung von Arbeitsverträgen – und versetzt Personaler und Human-Ressource-Abteilungen in Angst und Aufruhr.

Entartete Arbeit

Der die gesamte Nachkriegszeit über gültige Deal, für den Autonomieverzicht mit Zukunftssicherheit und Planbarkeit einer Karriere entschädigt zu werden – „loyality for security“ –, wurde beidseitig aufgekündigt, weil er einfach nicht mehr in die Zeit passt. Die Arbeitgeber forderten mit Verweis die Globalisierung und volatile Marktumfelder mehr Flexibilität ein. Arbeitnehmer nehmen sich dafür die Freiheit heraus, zu allererst sich selbst gegenüber loyal zu sein. Dabei verlangen die als aufmüpfig, arrogant und verweichlicht apostrophierten Angehörigen der Generation Y von ihren Arbeitgebern oft nicht mehr, als dass sie deren Zeit und Arbeitskraft nicht mit bürokratischem Überaufwand vergeuden. Ihre Unduldsamkeit bezieht sich nicht auf die Arbeit selbst – da sind sie so protestantisch wie ihre Eltern – sondern auf die Zumutungen einer anachronistischen Arbeitsorganisation im Korsett der Industriegesellschaft.

Vielleicht lässt sich die Umbruchphase in der wir uns befinden vergleichen mit dem Aufbruch der modernen Kunst Anfang des letzten Jahrhunderts. Während Anhänger eines überkommenen Realismus in den aufgelösten und abstrakteren Formen von Expressionismus bis Kubismus nichts als Entartung und Degeneration erkennen mochten – und sie entsprechend bekämpften –, so tun sich die Vertreter des alten Arbeitsregimes schwer, in den zwangloseren und luftigeren Formen von Arbeitsorganisation die Zukunft der Wertschöpfung zu erkennen. Dabei handeln beide Aufbrüche von einer ungemein produktiven Entfaltung von Potenzialen durch erhöhte individuelle Freiheitsgrade. Wie die Modernisierung der Kunst sich nicht aufhalten ließ, so ist die entartete Arbeit Ausdruck des Wertewandels unter Maßgabe des heutigen Standes der Produktivkräfte.

Passend beschreibt Don Tapscott in “Wikinomics”, wie spontan emergente Selbstorganisation von Arbeitsprozessen mit Unterstützung durch das Internet die Arbeitsorganisation verändern: „Das Endresultat wird mehr Ähnlichkeit mit einem Jackson Pollock-Gemälde haben als mit einem traditionell strukturierten Organigramm, aber diese feinkörnige und kollaborative Arbeitsteilung wird flexiblere und innovativere Formen der Wertschöpfung hervorbringen.“ An dem Punkt stehen wir jetzt. Und stehen doch noch am Anfang.

6 Kommentare

Ray

12.06.2014

Sorry, aber das halte ich für intellektuell wenig durchdringend. Arbeitsverhältnisse sind auch Machtverhältnisse. Es geht vor allem ums Geld, und wenn IBM plant, so viele Mitarbeiter wie möglich aus ihren Angestelltenverhältnissen zu entlassen und zu frei verfügbaren Mitarbeitern zu machen, dann bedeutet das für den Konzern Kosteneinsparungen. Jeder Gang zur Toilette, jedes Gespräch, jede Besprechung, jeder Schluck Kaffee, jeder Blick aus dem Fenster, der den Angestellten bezahlt wird, wird den Freien eben nicht bezahlt. Was nicht so schlimm wäre, wenn das Ergebnis nicht immer mehr Niedriglöhne auch für Wissensarbeiter wären.

Shakti Morgane

19.06.2014

Ich finde auch, der Artikelschreibern macht aus der Not eine Tugend.

Frank Salchow

20.06.2014

Leider werden in dem Gastbeitrag nur die sattsam bekannten Mythen über die sogenannte Generation Y wiederholt. Wenn überhaupt, treffen diese nur auf eine kleine nicht repräsentative Gruppe zu.
Im großen und ganzen haben wir eine Generation vor uns, die wohlbehütet (over protected?) und in historisch noch nie dagewesenem Wohlstand aufgewachsen ist. Das Resultat ist ein irrationales Gefühl permanenter Unsicherheit, dem auf der anderen Seite die Furcht vor Verantwortung und ein eher geringes Freiheitsstreben gegenüberstehen. Es fehlen eben die großen Herausforderungen, die Menschen wachsen und reifen lassen. Aber wer wünscht sich die schon zurück?
Insgesamt empfehle ich zum Vergleich den m.E. realistischeren Gastbeitrag von Svenja Hofert.

Silke Seemann

23.06.2014

In einer Industrie, die auch in Deutschland, seit Jahrzehnten über Prekariat und teambasierte Projektarbeit in einer paradoxen Mischung von Hierarchie und Heterarchie organisiert ist und sich immer dann, wenn in anderen Organisationen auf strenge Hierarchie umgeschaltet wird, auf Selbstorganisation verlässt……. funktioniert Vieles sehr viel besser, als in klassischen Organisationen. Die Menschen, die dort arbeiten, tun es freiwillig. Sie sind zum Teil dramatisch unterbezahlt, teilweise überbezahlt – jeder handelt sein Honorar selbst aus. Viele der von mir interviewten Filmschaffenden (darunter auch Fahrer, Praktikantinnen, Beleuchter etc.) haben sich ganz bewusst für diese Form des Arbeitens entschieden. Als Solidargemeinschaft kann es uns gelingen in neuen Formen für eine Sicherung bei Krankheit oder Unfall etc. zu sorgen. Ein per se „gut“ oder „schlecht“ ist ohne Kenntnis der spezifischen Kontexte nicht mehr zu attestieren. Die Lebensmuster sind ebenso heterogen, wie die Anforderungen, denen sich Organisationen zu stellen haben. Die Diskussion, ob wir das gut finden, ist obsolet. Ein gemeinsames Gestalten, wie wir Heterogenität und Hyperkomplexität dynamisch und glücklich leben können, scheint angemessener.

Stefan Nette

23.07.2014

Liebe Svenja,

ich kann dir in der in der Typisierung der Gen Y erstmal zustimmen, bis „aufgewachsen ist“. Danach muss ich sagen zum Teil ja. Aber wenn wir über die Gen Y sprechen ist es wie mit den 68ern die auch etwa 1/4 bis 1/3 der Gesamtkohorte ausmachten. Eine nicht unkritische Masse aber eben keine Gesamtheit. Natürlich darf man die Generation Y nicht in einen Topf schmeißen und allzu sehr stereotypisieren. Aber wenn ich meine ex Mitstudenten/tinnen ansehe, dann ist mir schnell klar dass da sehr viel Y in den Wünschen und Hoffnungen steckt.

Woher ziehst du deine Erkenntnis?

Herzliche Grüße
Stefan

Stefan Nette

23.07.2014

Oh da habe ich das Ende mißinterpretiert.. Sorry, Herr Salchow, aber ich habe unglücklicherweise gedacht der Beitrag stamme von Svenja Hoffert. Die Fragestellung sei die gleiche, bitte fühlen Sie sich dennoch angesprochen und nochmals Entschuldigung.