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Infoportal „Was hab’ ich?“: Endlich mal den Arzt verstehen

Medizinstudenten übersetzen auf einer Online-Plattform für Patienten das übliche Befund-Kauderwelsch in normales Deutsch

Anja Bittner kannte die Mitglieder ihres Netzwerks „Was hab’ ich?“ zum Beginn allesamt persönlich. Es waren auch nur drei: Gemeinsam mit zwei Freunden gründete sie eine Plattform, auf der Medizinstudenten ärztliche Befunde in eine verständliche Sprache übersetzen. Die Idee zu „Was hab’ ich?“ hatte Bittner vor drei Jahren, als eine Freundin sie bat, das Medizin-Kauderwelsch im Befund ihrer Mutter zu übersetzen. Obwohl die Freundin Psychologie studierte und über Vorwissen verfügte, verstand sie viele Fachbegriffe nicht. „Wenn jemand wie sie das nicht versteht – wer dann?“, dachte Bittner (Foto oben, mit Ansgar Jonietz und Johannes Bittner). Zusammen mit ihren Freunden baute sie innerhalb von vier Tagen eine Website, über die Patienten ihre Befunde einsenden konnten. „Wir waren einfach neugierig, ob es Bedarf gibt.“ Gab es. Zwölf Minuten, nachdem die Plattform online war, kam der erste Befund, innerhalb einer Woche waren es zu viele für Bittner, die damals noch allein übersetzte.7519674 Die drei Gründer fragten Freunde. Und die fragten ihre Freunde. Außerdem schrieben sie deutschlandweit Fachschaften mit der Bitte an, ihr Anliegen an die Studenten weiterzutragen.

Mittlerweile übersetzen rund 250 Fachleute, die mindestens im achten Semester sind, Medizinerlatein in Laien deutsch. Fünf Stunden dauert eine Übersetzung im Schnitt. Für den Einsender ist der Service kostenlos, die Plattform finanziert sich unter anderem durch Spenden. Falls der Patient Geld spendet, bekommt der Übersetzer einen Anteil. „Vielen geht es aber nicht ums Geld, sondern eher um das Feedback vom Patienten“, sagt Bittner. Denn für die Mediziner sei das Übersetzen eine wichtige Übung: Sie lernen, wie man Diagnosen verständlich ausdrückt – eine Fähigkeit, die sie im späteren Berufsleben gut gebrauchen können. Von außen ist washabich.de eine nüchterne Website, auf der Nutzer ihren Befund hochladen können. Dahinter steckt aber eine ausgeklügelte Plattform mit Chatfunktion, Frage-und-Antwort-Bereich und persönlichen Profilen der Übersetzer. Das Netzwerk am Laufen und die Übersetzer bei Laune zu halten, hat seinen Preis. Nur von den Spenden der Patienten können sie noch nicht mal ihr eigenes Gehalt finanzieren. Bittner ist Stipendiatin der Ashoka-Stiftung für soziales Unternehmertum, alles andere finanzieren sie durch Sponsoren, weitere Stiftungen und Preisgelder. „Wenn ich als Ärztin arbeiten würde, bekäme ich mehr Geld“, sagt die 29-Jährige.

Die Übersetzungen sollen auf jeden Fall kostenlos bleiben: „Wenn wir dafür Geld nehmen, vertreiben wir genau diejenigen, die unser Angebot am dringendsten bräuchten.“ „Was hab’ ich?“ ist ein virtuelles Experimentierfeld, auf dem die Macher starre Klinikstrukturen aufbrechen. Zum Netzwerk gehören neben 170 Studenten auch ausgebildete Mediziner und Chefärzte, die sich auf der Plattform alle duzen. „Im normalen Medizineralltag sind Hierarchien sehr wichtig. Bei uns werden sie aufgelöst“, sagt Bittner. „Es kommt vor, dass ein Arzt eine Frage stellt und ein Student sie beantwortet, weil er das Thema grad in der Vorlesung hatte.“ Sie hofft, dass sich die Studenten später in der Klinik dann auch eher trauen, den Chef zu berichtigen.

 

Fotocredit: Amac Garbe, ein-satz-zentrale.de

1 Kommentare

HP Eva Schmidt-Sibeth

13.05.2014

Diese “ Was hab ich – Übersetzungsinitiative“ finde ich eine prima Idee, denn der Erklärungsbedarf ist aufgrund der sinkenden Behandlungs- und Beratungszeiten pro PatientIn tatsächlich proportional weiter steigend. Auch in meiner Praxis übernehme ich solche „Übersetzungen“ als Heilpraktikerin oft, da die PatientInnen zu mir häufig zur ergänzenden Behandlung einzelner Beschwerden mit einer langen Liste an schulmedizinischen Diagnosen und entsprechenden Befundbeschreibungen kommen. Ich bin deshalb sehr froh, wenn diese Initiative mit dazu beiträgt, den betroffenen Menschen die Furcht vor den eher angstschürenden ärztlichen Diagnosebriefen zu nehmen. Eine ältere Patientin rief mich z. B. einmal direkt nach einem Arztbesuch an und sagte mir den Tränen kämpfend, der Arzt habe in ihrem Beisein zu seiner Sprechstundenhilfe gesagt, die adipöse Patientin benötige dringend eine Beratung bei unserer Spezialistin. Die Sprechstundenhilfe habe die Dame sehr ernst angesehen und ihr gesagt, vor Montag nächster Woche wäre da aber kein Termin mehr frei. Voller Entsetzen und Angst fragte mich meine Patientin, ob das was ernstes sei und ob sie nun vielleicht bald sterben müsse. Ich konnte die Patientin beruhigen und erklärte ihr sogleich auf charmantere Art den Begriff adipös. Dies als Beispiel, wie auch völlig unbeabsichtigt Mißverständnisse durch nicht erkläre medizinische Begriffe entstehen können. Für uns vom Fach mag dies komisch klingen, dass Menschen vor solch vielleicht als „selbstverständlich bekannten“ Begriffen Angst haben, aber für medizinische Laien sind eben derartige Fachwörter nicht sofort verständlich und damit erst mal angstauslösend. Mit Initiativen wie „Was hab ich“ oder ähnlich informativ unterstützenden Maßnahmen können wir damit alle, jeder im Bereich seiner zugelassenen therapeutischen Möglichkeiten, dazu beitragen, dass die Menschen die jeweiligen Befunde besser verstehen und für sich leichter akzeptieren lernen. Dies ist meiner Erfahrung nach sehr wichtig, um den Weg Richtung Heilungschancen und Schmerzreduktion selbstbestimmt informiert einschlagen zu können. Denn nur ein gutes Verständnis für Ursachen und Wirkung der jeweiligen Erkrankung kann dazu beitragen, dass die einzelnen PatientInnen mit den behandelnden Medizinern und ergänzenden Therapeuten vertrauensvoll zusammen arbeiten können. Von Menschen für Menschen, dies lebe und unterstütze ich gerne und werde meine PatientInnen bei Bedarf auch auf diese Initiative hinweisen. Danke für Euer Engagement, bitte weiter so :-)

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